Flüchtlingsheime in München Klima der Gewalt

Jugendliche Flüchtlinge vor dem Tor der Bayernkaserne. Das Archivbild entstand im Januar 2012, als einige von ihnen aus Protest gegen die Bedingungen in dem Heim in den Hungerstreik traten.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Erpressung, Schlägereien und eine Vergewaltigung: In Münchner Flüchtlingsheimen gilt das Faustrecht. Die Polizei müsse hier täglich anrücken, berichtet die Caritas, weil die Betreuung für traumatisierte jugendliche Asylbewerber völlig unzureichend sei. Mittlerweile fühlt sich selbst das Personal bedroht.

Von Dietrich Mittler

Die jüngsten Ausschreitungen jugendlicher Asylbewerber in der Bayernkaserne sind offenbar nur die Spitze des Eisbergs. In den Wohngruppen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in der Max-Pröbstl-Straße sowie in der Karl-Schmid-Straße kommt es bereits seit längerem zu Gewaltakten und Vandalismus. Dies geht aus einem Schreiben der Caritas hervor, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt. "In der Gemeinschaftsunterkunft Karl-Schmid-Straße fanden allein in den letzten Wochen zahlreiche Schlägereien und Angriffe unter Einsatz von Messern, Flaschen und anderem statt", heißt es darin. Die Polizei habe täglich eingreifen müssen, mehrmals auch, um Massenschlägereien zu beenden.

Nachdem es nach Aussagen einiger Jugendlichen sogar zu einer Vergewaltigung gekommen sei und Betreuerinnen "wiederholt massiv bedroht" wurden, hatte die Caritas vorübergehend die Betreuung in der Gemeinschaftsunterkunft in der Karl-Schmid-Straße eingestellt. Seit Montag ist dort ein Wachdienst rund um die Uhr tätig, so dass die Caritas zurückkehren konnte, wie Rosemarie Ghorbani, die Leiterin des Münchner Caritas-Sozialdienstes für Flüchtlinge, bestätigte. Zudem sei inzwischen die Forderung erfüllt, dass "extrem gewaltbereite Jugendliche" außerhalb Münchens verlegt wurden.

Anfangs habe diese Verlegung wenig gefruchtet, weil die Schläger - es handele sich insgesamt um einige wenige - nach München zurückkehrten und dort erneut minderjährige Mitbewohner unter Druck setzten. "Wir vermuten auf Grund von Andeutungen völlig eingeschüchterter Jungen, dass Gelder erpresst werden und Jugendliche anderen Jugendlichen zu Diensten sein müssen", heißt es in dem Bericht, der Anfang Januar verfasst wurde. Offenbar würden vermehrt Drogen und Alkohol konsumiert, "vermutlich sogar gedealt".

Wilhelm Dräxler, der Referent für Migration der Caritas in München, ist wie auch Rosemarie Ghorbani davon überzeugt, dass die Gewalteskalation hätte verhindert werden können, wenn die jugendlichen Flüchtlinge rechtzeitig umfassend betreut würden. Das sei bislang nicht der Fall: "Wir haben für zwölf Jugendliche eine halbe Betreuungsstelle", sagt er. Dieser Stellenschlüssel sei ausgelegt für jene, die ihr Leben im Griff haben. "Die jugendlichen Flüchtlinge, die jetzt aber kommen, sind zum Großteil nicht nur schwer traumatisiert. Sie kennen aus ihren vom Krieg gezeichneten Ländern wie Afghanistan, Irak oder Somalia nichts anderes als Anarchie", sagt Dräxler.

Und dort gelte das Faustrecht. "Die bräuchten eine therapeutische Einrichtung", sagt er. Selbst normale Wohngruppen der Jugendhilfe seien mit diesen Jungen überfordert. Tatsächlich, so heißt es im Schreiben der Caritas, würden viele dieser Jugendlichen "bereits über ein beachtliches Strafregister verfügen", einige hätten gar "Aufenthalte im Jugendarrest oder in der Psychiatrie hinter sich".

Mittlerweile schlägt die Gewalt unter den Jugendlichen in der Max-Pröbstl-Straße und der Karl-Schmid-Straße auch politisch Wellen. Die Grünen haben eine Landtagsanfrage gestellt. Sie fordern eine Schließung der beiden Gemeinschaftsunterkünfte, "weil sie nicht den Kriterien von Jugendhilfeeinrichtungen entsprechen", wie die sozialpolitische Sprecherin Renate Ackermann betonte. Überhaupt sei es an der Zeit, sich vom bisherigen bayerischen Konzept für die Unterbringung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen zu verabschieden.

Rosemarie Ghorbani von der Caritas glaubt, dass nun etwas in Bewegung kommt. Am Freitag saß sie mit Vertretern der Behörden am Tisch, um gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Das Sozialministerium teilte indessen mit, es habe von der Regierung von Oberbayern die Zusicherung, "dass alles unternommen wird, die Missstände unverzüglich zu beheben". Sozialministerin Christine Haderthauer habe schon im vergangenen Jahr ein Forum ins Leben gerufen, das neue Konzepte zur Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge entwickeln soll.