Krieg in Syrien Deutsche Bürokratie verzögert Familiennachzug - bis es zu spät ist

Adnan Ghnema (hier auf einem Archivbild vom September) macht sich Vorwürfe, unablässig.

(Foto: Claus Schunk)

Der Syrer Adnan Ghnema will seine Familie legal nach Deutschland holen. Während er auf die nötigen Dokumente wartet, kommt seine Frau bei einem Bombenangriff ums Leben.

Von Inga Rahmsdorf

Als Adnan Ghnema sein Visum für die Türkei in den Händen hält, kann er zum ersten Mal seit Langem wieder lachen. Es ist ein Visum für das Land, das der 31-jährige Syrer vor fünf Monaten mit einem Schlauchboot über das Meer verlassen hat. Ein Visum, das ihm nun erlaubt, von München nach Ankara zu fliegen und seine zwei kleinen Kinder wiederzusehen. Nach Monaten der Ungewissheit. Man könnte mit Ghnema lachen, wenn dieser Augenblick nicht auch die Absurditäten und Abgründe deutscher Asylpolitik so deutlich vor Augen führen würde.

Es ist das erste Mal, dass Ghnema wieder lacht, seit er über Facebook das Video gesehen hat, das zeigt, wie der syrische Ort Killi bombardiert wird. Und wie der leblose Körper seiner Frau Yasmin aus den Trümmern geborgen wird. Sie war im fünften Monat schwanger. Die Handykamera filmt auch die Leiche der siebenjährige Nichte. Und zeigt, wie sein dreijähriger Sohn, seine fünfjährige Tochter und seine Schwester schreiend und blutüberströmt herausgetragen werden.

Er wollte seine Familie auf legalem Weg nach Deutschland holen

Es sind Bilder, die Ghnema nicht mehr loslassen, die ihn Tag und Nacht quälen. Wie versteinert sitzt er auf einem Sofa, Tausende Kilometer entfernt, in einer kleinen Wohnung bei München. Immer wieder schaut er sich den wackeligen Film an, den jemand aufgenommen und ins Netz gestellt hat. Ghnema macht sich Vorwürfe, seine Familie zurückgelassen und eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.

Aber was ist schon die richtige Entscheidung, wenn man für seine kleinen Kinder nur zwischen Krieg und einer gefährlichen Flucht über das Meer wählen kann?

Ghnema wollte seine Familie nicht den Schleusern anvertrauen. Der diplomierte Geograf hatte von Vergewaltigungen gehört, von Kinderleichen, die das Meer an Land spült. Er wollte seine Familie auf sicherem und legalem Wege nach Deutschland holen.

Doch am 31. August, als er gerade vier Wochen in Deutschland ist, erfährt er, dass es für seine Frau zu spät ist. Und es wird dauern, bis er seine Kinder wieder sehen kann. Ghnema muss in den kommenden Monaten erfahren, dass ein Familiennachzug ein langwieriges Prozedere ist mit hohen bürokratischen Hürden. Auch wenn es um zwei kleine Kinder geht.

Dieses Bild von Ghnemas Kindern Mariam, fünf Jahre, und Ahmad, drei, entstand in Syrien, bevor ihre Mutter durch eine Fassbombe starb.

(Foto: privat)

Ghnemas Antrag kam ein paar Tage zu spät

Sein älterer Bruder Mohamed Ghnema wohnt seit vielen Jahren mit seiner Frau im Landkreis München, ihre zwei Töchter sind dort geboren. Ihn quält nicht nur der Schmerz über den Verlust seiner Schwägerin und Nichte und die gefährliche Situation der Familie in Syrien. Ihn quält auch der Gedanke, dass dieser Tod hätte vermieden werden können. "Würden wir in einem anderen Bundesland leben, dann würden die beiden noch leben", sagt er.

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Mohamed Ghnema wollte seine Eltern und Geschwister mit ihren Kindern bereits vor knapp zwei Jahren auf legalem Weg holen. Er stellte im Februar 2014 einen Antrag für ein Programm der Bundesregierung. Es ermöglichte Syrern, auf sicherem Weg einzureisen. Doch weil so viele Anträge eingingen, wurden nur noch die bearbeitet, die bis Mitte Februar vorlagen. Die Ghnemas waren einige Tage zu spät dran. Alle Bundesländer erließen daraufhin noch eigene Programme, um Syrer aufzunehmen. Einzige Ausnahme: Bayern.

Doch Mohamad Ghnema wollte nicht aufgeben. Er schrieb Briefe an den bayerischen Innenminister, bat Pro Asyl und den Flüchtlingsrat um Unterstützung und beauftragte einen Anwalt. Das Innenministerium lehnte eine humanitäre Aufnahme ab. Adnan Ghnema sah daher keine andere Möglichkeit, als sich Anfang Juli 2015 auf die illegale Route nach Deutschland zu begeben. Seit seine Familie 2012 ihre Heimatstadt Aleppo verlassen musste, ist sie auf der Flucht. Und als auch in Killi, dem Ort, in dem sie untergekommen waren, immer häufiger Bomben fielen, zahlte Adnan Ghnema mehrere Tausend Dollar an einen Schleuser. Sein Bruder schickte jeden Cent, den er zurücklegen konnte, nach Syrien und nahm einen Kredit auf.