Flüchtlinge:Auf eigene Faust durch Deutschland

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Schlange stehen, um an einen vorher nicht bekannten Zielort zu gelangen, wollen nicht alle Flüchtlinge. Sie nehmen ihr Schicksal in die eigene Hand. (Foto: dpa)
  • Weil sie nach der Ankunft in München nicht registriert werden, versuchen einige Flüchtlinge, auf eigene Faust an ihr Wunschziel zu gelangen.
  • Die Behörden tolerieren, dass die Flüchtlinge einfach weiterreisen.
  • Die Registrierung eines jeden Ankommenden würde zu lange dauern.

Von Katja Riedel und Melanie Staudinger

Wo denn der Bus nach Coburg abfahre, will die junge Frau mit der golddurchwebten Strickmütze wissen. Die Frage klingt lapidar, dabei geht es um nichts weniger als um ihre Zukunft. "Ist Coburg ein guter Ort zum Leben?", fragt sie weiter und schaut mit wachen Augen durch ihre Brillengläser. Ein guter Ort, um zu lernen, Ingenieurin zu werden, um zu arbeiten? Elaf, 18, ist vor 15 Tagen in ihrer Heimatstadt Kirkuk im Irak aufgebrochen, einer reichen Millionenstadt, die vom Öl lebt, die Terrormiliz Islamischer Staat hat sie darum immer wieder attackiert.

Auf ein Blatt Papier zeichnet die Kurdin ihren Reiseweg: Türkei, Kos, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, notiert sie, hinter das "Germany" setzt sie einen letzten Pfeil und das Wort "Coburg". Gemeinsam mit ihrem Cousin läuft Elaf unruhig vor dem Notquartier in der Münchner Messehalle auf und ab. Vor ihr stehen Busse, manche zeigen kein Ziel an, auf anderen ist der orange Schriftzug "Sonderfahrt" zu lesen. "Berlin ist sicher die spannendste Stadt in Deutschland", sagt die Kurdin in fließendem Englisch. "München ist auch sehr schön. Aber wir haben ja kein Geld, um uns diese Städte zu leisten."

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Schwarmintelligenz hilft beim Weiterkommen

Elaf und ihr Cousin sind nicht die Einzigen, die nun mitten in Deutschland stehen und das Gefühl haben, selbst entscheiden zu können, wo ihr Leben weitergeht. Dass sie sich diese Frage überhaupt stellen können, liegt an den Behörden: Die Regierung von Oberbayern musste die Registrierung der Neuankömmlinge vorübergehend einstellen, aus Kapazitätsgründen. Nach einer Nacht oder nur wenigen Stunden, nach einem Teller Reis mit Soße und einer Ladung Strom für das Handy reisen sie weiter.

Wohin, dabei helfe die "Schwarmintelligenz", so hat es Regierungspräsident Christoph Hillenbrand am Montagnachmittag bei einem Besuch der Notunterkunft beschrieben. Die Flüchtlinge würden einander über alles Wichtige informieren - auch darüber, wie die Reise weitergeht. Kleine Gruppen steigen deshalb in Taxis, die am Nordeingang der Messe warten. Andere laufen zu Fuß zur U-Bahn, mit handgeschriebenen Zetteln, auf denen ihre nächsten Ziele notiert sind.

Sie nutzen ein kleines Zeitfenster, das ihnen verschlossen bliebe, wenn sie sich sofort registrieren ließen. Und sie können es nutzen, weil die Behörden tolerieren, dass die Flüchtlinge einfach zu ihren ursprünglichen Zielorten reisen. "Unsere Unterkünfte sind kein Gefängnis", sagt Hillenbrand. Er selbst habe etwa beobachtet, dass sich von der Notunterkunft in der Messe Ströme von Leuten selbständig auf den Weg gemacht hätten, "wo auch immer hin". Man werde die Flüchtlinge sicher nicht suchen gehen. Auch das Innenministerium reagiert entspannt: Ein Sicherheitsproblem entsteht nicht. Man gehe vielmehr davon aus, dass die Migranten, die auf eigene Faust innerhalb Deutschlands unterwegs seien, voraussichtlich eine andere Unterkunft aufsuchten und sich dort erfassen ließen.

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Wer in diesen Tagen hingegen auf die offiziellen Busse und Züge wartet, der begibt sich in die Hände des Zufalls. Denn der entscheidet momentan, wohin die Geflüchteten zunächst gebracht werden und damit auch, in welcher Region Deutschlands sie ihre ersten Wochen und Monate verbringen werden. Hillenbrand erklärte das Vorgehen anhand eines Sonderzugs, der München am Sonntagabend Richtung Norddeutschland verließ.

Die 1000 Plätze wurden wie folgt belegt: 400 Menschen kamen gerade am Gleis gegenüber aus Österreich an, 400 befanden sich noch am Hauptbahnhof. Die 200 Fehlenden wurden aus der Notunterkunft an der Neuhauser Richelstraße geholt. Angesichts der vielen Flüchtlinge - seit Samstag waren es mehr als 26 000 - steht zurzeit nicht die Bürokratie, sondern die Humanität im Vordergrund.

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Registrierung dauert zu lange

Würde die Regierung von Oberbayern wie immer registrieren, würde das gut 20 Minuten pro Person dauern. So lange braucht das Computerprogramm "Easy" erfahrungsgemäß, bis es einen Flüchtling erfasst, deutschlandweit die freien Kapazitäten abgeglichen und bestimmt hat, wohin der Asylsuchende reisen soll. "Es wäre undenkbar, Easy normal laufen zu lassen", sagt eine Sprecherin der Regierung von Oberbayern. Das System würde dem Andrang nicht standhalten, die Menschen müssten sehr lange am Hauptbahnhof warten. Genau das aber wolle man ja verhindern, sagt die Sprecherin. Jetzt entscheiden also nicht Computerprogramme, sondern freie Bus- und Bahnkapazitäten darüber, wo die Flüchtlinge die nächsten vier bis sechs Wochen unterkommen.

Das reguläre Verfahren nämlich würde so aussehen: Wird ein Geflüchteter zum Beispiel einer Münchner Erstaufnahmeeinrichtung zugewiesen, wird er dort grundlegend medizinisch untersucht und erhält einen Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, damit sein Asylverfahren beginnen kann. Nach spätestens drei Monaten, meist aber schon viel eher, kommt er längerfristig in einem Quartier in Südbayern unter, entweder in einer größeren Gemeinschaftsunterkunft der Regierung von Oberbayern oder in einer dezentralen Einrichtung, die von den Landkreisen betrieben werden.

Strenge Regeln nach der Erfassung

Ist er einmal in München erfasst, kann er demnach nicht einfach nach Hamburg, Berlin oder gar in Nachbarländer reisen. Es gibt nur eine Ausnahme, und die heißt im Behördenjargon Familienzusammenführung. Kommen die Mitglieder einer Familie an unterschiedlichen Orten an, können die Behörden nachbessern und sie in die gleiche Unterkunft verlegen. Die Ausnahme gilt allerdings nur für Ehepartner und Kinder, nicht für entferntere Familienangehörige.

Elaf und ihr Cousin sind dann nicht einfach alleine von der Messe aus weitergezogen, sondern haben gewartet. Irgendwann verschwinden sie in einem der Busse. "Wir müssen jetzt weiter", rufen sie, bevor sie in der Masse untertauchen. Ob sie in Coburg leben werden? Der Bus zeigt kein Ziel an.

© SZ vom 09.09.2015 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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