Michael Lerchenberg hat in seiner Fastenpredigt fabuliert, dass FDP-Chef Westerwelle Hartz-IV-Empfänger in ein Lager mit Stacheldraht sperren wolle. Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrats der Juden, ist entsetzt.
Als das letzte Wort der Fastenpredigt auf dem Nockherberg gesprochen ist, stecken die Zuschauer im Saal die Köpfe zusammen. Zu hart? Zu lasch? Für Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrats der Juden, ist die Antwort klar. Die Predigt ging ihrer Meinung nach viel zu weit.
Ausrutscher unter der Gürtellinie? Bruder Barnabas während seiner umstrittenen Fastenpredigt. (© Foto: dpa)
Anzeige
Knobloch kritisierte die diesjährige Rede scharf - wegen eines KZ-Vergleichs. Der Fastenprediger Michael Lerchenberg fabulierte, FDP-Chef Guido Westerwelle wolle nun alle Hartz-IV-Empfänger bei Wasser und Brot in einem Lager in Ostdeutschland sammeln. "Drumrum ein Stacheldraht - haben wir schon mal gehabt. Zweimal am Tag gibt's a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt's zwei Pullover von Sarrazins Winterhilfswerk, und überm Eingang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Lettern: 'Leistung muss sich wieder lohnen.'"
Viele sahen darin eine Anspielung auf den menschenverachtenden Spruch "Arbeit macht frei" am Tor des Konzentrationslagers Auschwitz.
"Bei allem Respekt für die künstlerische Freiheit des Kabarettisten Michael Lerchenberg ist eine Grenze überschritten worden, die nicht hinnehmbar ist", sagte Knobloch. "Scherze, die das Leid der Opfer in den Konzentrationslagern verharmlosen oder gar der Lächerlichkeit preisgeben, sind eine Schande für die ansonsten gelungene Veranstaltung." Einen "derartigen Ausrutscher unter der Gürtellinie" habe sie auf dem Nockherberg bislang noch nicht erlebt.
Auch Landtagspräsidentin Barbara Stamm (CSU) kritisierte die Passage als unpassend. "Es gibt Bereiche, über die kann man keine Scherze machen, das kann nicht gutgehen."
Lerchenberg verteidigte unterdessen seinen KZ-Vergleich. Er sagte der Passauer Neuen Presse, man müsse in einer solchen Rede "auch mal ein paar Sachen geraderücken dürfen". Westerwelle schüre mit seinen Hartz-IV-Äußerungen eine "Neiddebatte" und fange an, den mittlerweile verstorbenen österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider "zu kopieren".
Lerchenberg fügte hinzu: "Es gab schon mal Zeiten, da wurden die vermeintlich Arbeitsscheuen weggesperrt. Ich habe in der Fastenpredigt nur ein paar Schritte weitergedacht."
Ihm sei zwar schon vorher klar gewesen, dass ein paar Sachen in der Rede "Anlass zur Diskussion geben werden". Lerchenberg betonte: "Aber die Themen erfinde ich doch nicht, die liegen auf der Straße. Ich habe mich nur gebückt und sie aufgehoben."
Lerchenberg verwies darauf, dass eine Fastenpredigt "keine Lachparade" sei. Sie vertrage vielmehr "ein paar ernste Momente".
- Thema
- Nockherberg RSS
- Nockherberg 2010: Der Liveticker Die Hoffnung heißt Strauß 03.03.2010
- Nockherberg 2010 Nullen, Prolls und FJS 03.03.2010
- Kabarettistin Luise Kinseher Schwester Barnabella 09.10.2010
- Absage an Nockherberg-Veranstalter Starkbier ohne Strauß 14.03.2011
- Nockherberg Eine Frau als Barnabas? 29.08.2010
- Kolumne: Deutscher Alltag Früher war mehr Lametta 13.03.2010
- Kein KZ-Vergleich im BR "Der Zensur-Vorwurf ist Blödsinn" 09.03.2010
(ddp-bay/sonn/mel)
Schuldenkrise in Griechenland
Die neueste Antwort
Einer der wenigen Kommentare, die Frau Knobloch gegen die teilweise verhöhnende und antisemitische Kritik in Schutz nehmen, ist der von querschläger (04.03.2101, 14:59 Uhr).
Leider ist es bis jetzt nicht möglich, ihn so grün zu bewerten, daß das auch zu sehen ist. Die Stimme wird zwar gezählt, aber nicht ausgewiesen. Der Leser wird getäuscht, weil er glaubt, daß alle abgegebenen Stimmen rot sind.
Umgekehrt werden rote Stimmen bei vielen Kommentaren, die den KZ-Vergleich ganz in Ordnung finden, nicht ausgewiesen.
Es ist bedauerlich, daß die Moderation diesen Zustand duldet.
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Hallo,
Die Aufregung über Herrn Lerchenberg (Barnabas) ist erstaunlich. Seine Ausführungen sind nämlich nicht neu. Bereits im Jahre 1960 stellte der große Liberale und spätere Ökonomie-Nobelpreisträger Friedrich von Hayek in Bezug auf Sozialleistungsbezieher fest: "Und letzten Endes wird nicht die Moral, ... , die Frage entscheiden: Konzentrationslager ... für die, die sich nicht selbst erhalten können, wird wahrscheinlich das Schicksal sein ... ". (The Constitution of Liberty, 1960; deutsch: Die Verfassung der Freiheit, 1971, Seite 377) Im Jahre 1960 gab es Arbeitslosigkeit als Massenerscheinung nicht, sodass es nur auf die Alten gemünzt war. Aber die Aussage ist eine allgemein - als liberale Vision oder Version? Wiewohl Friedrich v. Hayek kurz drauf eine Professur in Freiburg erhielt, hatte der Zentralrat der Juden nicht protestiert - merkwürdig.
Mit freundlichen Grüßen
Hans-Heinrich Rubbert
Frau Knobloch übersieht daß es hier einzig und alleine um die Instrumentalisierung und gezielte Diffamierung einer Bevölkerungsgruppe geht, und es gibt durchaus Parallellen.
Im Übrigen, und das wurde hier ja auch schon angesprochen, waren es nicht nur Juden die in den KZs umkamen; auch Schwule und andere Gruppen waren Ziel der Ausrottungspolitik, und daß die nicht so zahlreich eingefangen wurden lag erstens an ihrer geringeren Anzahl, zweitens daran daß man Homosexuele nun mal nicht so leicht aus dem Melderegister ziehen kann.
Komischerweise gab es meines Erinnerns keinen Aufschrei als in den Achtziger Jahren aus der Politik konkrete Vorschläge kamen, HIV Positive und AIDS-kranke "zu internieren", und damals waren die Bezüge zur Sache noch viel konkreter. Aber vielleicht ist der ZDJ auf dem Auge auch blind, immerhin kommen im Judentum ja keine Schwulen vor, die werden wegignoriert oder -geleugnet (Tatsache!), und solange es nicht um das eigene Völkchen geht hält man - selbsternannte moralische Instanz hin oder her - einfach gepflegt den Mund...
Ich selbst bin auch entsetzt und zutiefst erschüttert - über das, was heute in Deutschland wieder möglich und anscheinend "gesellschaftsfähig" geworden ist. Wozu hat man uns jahrzehntelang die Gräuel des Dritten Reiches in der Schule, in Funk und Fernsehen, in vielen Reportagen und Berichten vor Augen geführt und ermahnt, es nie wieder so weit kommen zu lassen? Welchen Sinn soll das alles gehabt haben, wenn man nun wiederum eine ganze Gesellschaftsgruppe ungestraft durch Demagogen wie Clement, Westerwelle, Sarrazin und Konsorten, unterstützt durch die Presse, öffentlich diffamieren und Hetzkampagnen aussetzen darf? Ein schauriges Bild vom "hässlichen" Hartz-IV-Empfänger, vom "Schädling" und Schmarotzer der Volkswirtschaft, wird tagtäglich durch Presse, Doko-Soaps und Talkschows gejagt und an die Wand gemalt und man soll dies alles schweigend hinnehmen und womöglich auch noch unterstützen? Nein, Frau Knobloch, wir haben es gelernt und verinnerlicht: Wir werden es nicht noch einmal so weit kommen lassen!
Paging