Personalmangel In der Region München fehlen schon 71 000 Fachkräfte

Bei der Münchner Arbeitsagentur heißt es, der Mangel an Fachkräften sei "eine große Herausforderung".

(Foto: dpa)
  • Der Wirtschaft in der Stadt und im Umland entgehen durch den Mangel an Fachkräften jedes Jahr 6,28 Milliarden Euro, hat die IHK in einer Studie berechnet, die am Dienstag vorgestellt wird.
  • Besonders viele Fachkräfte fehlen momentan in der sogenannten Unternehmensführung- und organisation, dazu zählen sowohl eine Geschäftsführerin als auch ein Dolmetscher oder eine Unternehmensberaterin.
  • Auf dem zweiten Platz folgen Technik und Entwicklung.
Von Pia Ratzesberger

Für sein neues Büro in New York sucht Instagram gerade nach Mitarbeitern, die Beschreibung der Räume liest sich wie Werbung für ein Hotel. Eine Saftbar mit mehr als 18 verschiedenen Smoothies wird es geben, eine Eistheke, auch eine Bar namens Durstiger Flamingo mit Schnaps. Die großen Unternehmen aus den USA fallen seit Jahren mit Extravaganzen für ihre Mitarbeiter auf, doch selbst im Münchner Umland bietet ein kleiner Elektrobetrieb seinen Leuten nun kostenlose Yogastunden und das neueste iPhone an. Haben sich früher die Mitarbeiter bei einem Unternehmen beworben, ist es heute immer häufiger andersherum. Die Unternehmen werben um die Mitarbeiter - und das werden sie künftig noch stärker müssen.

In der Region München fehlen momentan 71 000 Fachkräfte, das hat die Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern (IHK) in einer Studie berechnet, die am Dienstag vorgestellt wird. Im Jahr 2030 werden den Prognosen zufolge schon 137 000 Menschen fehlen. Das ist zwar gut für viele Bewerber, die sich ihre Jobs zunehmend aussuchen können. Aber schlecht für die Volkswirtschaft.

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Wenn die Unternehmen keine neuen Mitarbeiter kriegen, können sie ihre Produktion nicht steigern, nicht ihre Umsätze. Sie können im Zweifelsfall nicht einmal ihre bisherigen Kunden bedienen. Der IHK zufolge gehen so in Bayern schon jetzt jedes Jahr 22,9 Milliarden Euro verloren. Allein in der Region München sind es 6,28 Milliarden Euro - zur Region zählt die IHK dabei die Stadt München sowie die umliegenden Landkreise München, Dachau, Ebersberg, Erding, Freising, Fürstenfeldbruck und Starnberg. 6,28 Milliarden Euro entsprechen fünf Prozent der sogenannten Bruttowertschöpfung in der Stadt und im Umland. Diese Bruttowertschöpfung beinhaltet alles, was die Wirtschaft an Werten schafft. Zu ihr zählt jedes Produkt, das eine Firma herstellt, und auch jede Dienstleistung, die ein Unternehmen anbietet, also Fräsmaschine und Friseurbesuch gleichermaßen. Im Jahr 2030 werden den Schätzungen der IHK zufolge 12,83 Milliarden Euro in der Region verloren gehen. Nur, weil Fachkräfte fehlen.

Der Direktor der Caritas war erst Anfang des Monats bei der bayerischen Sozialministerin zu Besuch, um Hilfe zu erbeten. Denn es fehlen nicht mehr nur Fachkräfte in der Pflege, sondern auch in der Kinderhilfe, in der Jugendhilfe. Bei BMW heißt es, man bekomme zwar jeden Monat mehr als 22 000 Bewerbungen, auch genügend von Ingenieuren, an IT-Spezialisten aber fehle es trotzdem. Egal, bei welcher Firma welcher Branche man nachfragt, ob bei der Stadtsparkasse oder Ludwig Beck oder MAN - alle sagen, es sei zu spüren, dass Fachkräfte fehlten und dass man sich noch mehr um Mitarbeiter bemühen müsse als ohnehin schon.

Von der Außenwerbung bis zur Prämie: Unternehmen müssen sich etwas einfallen lassen, um ihren Bedarf an Fachkräften decken zu können.

(Foto: Caroline Seidel/dpa)

Einer, der davon profitiert, ist ein Mann namens Jörg Schleburg. Seine Auftragsbücher sind voll. Der Unternehmer sitzt in seinem Büro nahe der Hackerbrücke, im Regal ein Plattenspieler und ein paar Bücher. Eines trägt den Titel: Machen. Genau das sagt Schleburg seinen Kunden, den Mitarbeitern aus den Personalabteilungen. Schleburg, 42, trägt olivgrüne Turnschuhe und ein weißes Polohemd, er leitet eine kleine Employer Branding Agentur, also eine Art Werbeagentur, die sich alleine darum kümmert, dass Unternehmen besser bei potenziellen Mitarbeitern ankommen. Er sagt: "Das Machtverhältnis zwischen Unternehmen und Bewerbern hat sich längst gedreht."

In den meisten Personalabteilungen aber habe man das noch nicht verstanden, die Leute kämen zu ihm und fragten, was für eine Stellenanzeige sie nun schalten sollten. Schleburg lächelt dann nur. Als könne man alleine mit einer Stellenanzeige noch Mitarbeiter kriegen. In seinem Büro geht es weniger um Fakten als darum, den Menschen ein Gefühl zu vermitteln, ihnen deutlich zu machen, warum sie genau bei dieser Firma arbeiten sollten, warum keine andere besser passt. Viele der Unternehmen, die zum ihm kommen, suchen Softwareentwickler, diese Leute können sich ihre Jobs meist aussuchen, die Stellen sind fast immer gut bezahlt. Wie soll sich eine Firma dann noch von anderen abheben? "Mit einer eigenen Kultur, eigenem Look and Feel", sagt Schleburg. Die Unternehmen müssten sich zur Marke machen, er verdient damit sein Geld.

In der Region fehlen die meisten Fachkräfte gerade in der Unternehmensführung und Organisation, zum Beispiel Geschäftsführer und Unternehmensberater, aber auch Dolmetscher und Personaler. 25 000 zusätzliche Menschen könnten in dem Bereich arbeiten. Auf dem zweiten Platz stehen Technik und Entwicklung, zum Beispiel Versuchstechniker und Projektingenieure, 10 700 Leute fehlen. Auf Platz drei folgen Einkauf und Handel, die Unternehmen könnten der Analyse der IHK zufolge 6900 Leute einstellen. Gemessen an der Zahl der Stellen ist die Not in der Bauplanung und in den Architekturbüros der Stadt recht groß, zwar fehlen absolut nur 2100 Fachkräfte, die aber machen 12,4 Prozent aller Stellen aus. Bei der Münchner Arbeitsagentur heißt es, der Mangel an Fachkräften sei "eine große Herausforderung". Denn auch wenn die Unternehmen viele Leute suchen und gleichzeitig manche in der Stadt keinen Job haben - Angebot und Nachfrage passen nicht immer zusammen.

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