Ein Alt-Kanzler im Gespräch "Gerd, hör auf! Die Polizei kommt!"

"Zustand der Seligkeit": Gerhard Schröder und Hans-Jochen Vogel.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)
  • Im Unterbräu in Markt Schwaben gehen Gerhard Schröder und Hans-Jochen Vogel (beide SPD) der Frage nach, warum sie Politiker geworden sind.
  • Gerhard Schröder erinnert sich an diverse Probleäufe auf Parteiveranstaltungen, auf denen er "ziemlich viel Stuss erzählt" haben muss.
  • Hans-Jochen Vogel spricht davon, wie er sich nach der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs für einen Neuanfang verantwortlich gefühlt hat.
Von Bernd Kastner, Markt Schwaben

Kurz bevor aus zwei Monologen ein Dialog wird, sagt der jüngere der beiden Elder Statesmen: "Es spielen auch Geltungsbedürfnis und Eitelkeit eine Rolle." Gerhard Schröder meint Gerhard Schröder und beantwortet damit die Sonntagsfrage in Markt Schwaben, die er und Hans-Jochen Vogel gestellt bekommen haben: "Warum wir Politiker geworden sind." Der Aufstiegswille habe ihn getrieben, sagt der Altkanzler, und als es hoch ging, da sei es schon schön gewesen, über sich zu lesen und festzustellen: "Da geht es mal wieder um den Schröder." Sagt's, und lacht sein Schröder-Lachen.

Es sind gesprochene Memoiren, die die beiden SPD-Granden im Unterbräu in Markt Schwaben zum Besten geben, oft amüsant und ganz nach dem Geschmack von Bernhard Winter, dem früheren Bürgermeister des 13 500 Einwohner zählenden Marktes im Osten von München. Zum 75. Mal hat er zur "Sonntagsbegegnung" geladen, seit 1992 macht er das und empfängt von seinem "väterlichen Freund" Vogel ein 1a-Kompliment: So was gebe es in ganz Deutschland wohl kein zweites Mal, so viel Sachverstand im Dialog, mal Wissenschaftler, mal Geistliche, mal Kabarettisten, um über Fußball oder Frieden zu reden, oder übers Schweigen.

Angetan vom eigenen Wirken

Eine "Läuterungsanlage" für manche Gäste seien die Schwabener Dialoge, sagt Heribert Prantl, Mitglied der SZ-Chefredaktion, in seinem Grußwort. An diesem Tag aber seien zwei längst Geläuterte da, die inzwischen "im Zustand der Seligkeit" angelangt seien, einer "Vorstufe zur Heiligkeit". Und wie es sich für angehende Heilige gehört, geben sich beide offen und ehrlich, witzig und launig, bisweilen auch angetan vom eigenen Wirken.

Vogel, Jahrgang 1926, erzählt von seiner Zeit in der Hitlerjugend und vom Widerstand gegen das Regime, der damals "nicht in meiner Vorstellungswelt" gewesen sei. Später habe er sich verantwortlich gefühlt für einen Neuanfang nach der Katastrophe. Deshalb sei er, der von Kurt Schumacher Begeisterte, der Jurist und "Pedant" (Vogel über Vogel), in die Politik gegangen, wo er fast alles war, was man als SPDler werden konnte: Münchner Oberbürgermeister, Justizminister, Regierender Bürgermeister in Berlin, SPD-Chef, Kanzlerkandidat. Gefragt nach dem glücklichsten Moment in der Politik, fallen ihm gleich zwei Momente ein: Seine mit 78 Prozent gewonnene OB-Wahl und die Sitzung des Olympischen Komitees, das München die Spiele '72 zusprach.

Probeläufe auf diversen Parteiversammlungen

Schröder, Jahrgang 1944, erinnert sich an seine politischen Probeläufe auf diversen Parteiveranstaltungen, als er sich vom Mikro kaum trennen wollte: "Ich muss ziemlich viel Stuss erzählt haben." Egal, er habe nicht nachgelassen zu reden und beim Reden zu lernen. Irgendwann war er bei den Jusos für die "Außendarstellung" zuständig. "Notgedrungen" natürlich, weil die Kollegen lieber theoretisiert hätten.

Weil ihm die Nachkriegsgesellschaft den sozialen Aufstieg ermöglichte, habe er den Staat nie so radikal umbauen wollen wie die 68er. Rechtsanwalt hat er später gelernt, schließlich ist sein eigentlicher Wunschberuf kein Lehrberuf: "Ich wollte eigentlich immer Bundeskanzler werden." Renate Schmidt, Schröders Familienministerin, sitzt auch im Publikum, und als ihr Ex-Boss erzählt, dass andere erzählen, dass er mal am Tor des Kanzleramtes gerüttelt habe, outet sie sich als Begleiterin in jener Nacht und ruft, was sie ihm damals zugerufen habe: "Gerd, hör auf! Die Polizei kommt!" Da lacht der Gerd wieder sein Gerd-Lachen.

Jetzt schlüpft Vogel in die Rolle des Interviewers und fragt den Gerhard, ob er denn auch mal ans Schlussmachen gedacht . . . "Nein!", fällt ihm Schröder ins Wort, warum auch. Er sei immer überzeugt gewesen, dass sein Tun "überwiegend richtig ist". Wie hat er zu Beginn der "Sonntagsbegegnung" gesagt, da meinte er das Jahr 2005: "Ich wollte nicht aufhören."