DJ Chuck Herrmann "Schwabing wird wieder boomen"

Chuck Herrmann ist seit über 50 Jahren DJ in München. Warum die Nächte früher glamouröser waren und das Glockenbachviertel überbewertet wird.

Interview: Lisa Sonnabend

Chuck Herrmann ist 68 Jahre alt und seit 52 Jahren DJ - der dienstälteste der Stadt. Er hat mit Rainer Werner Fassbinder im Pop Club gefeiert und stand mit Chuck Berry auf der Bühne. Ein Gespräch über das Münchner Nachtleben - damals und heute.

sueddeutsche.de: Sie sind seit über 50 Jahren DJ. Verraten Sie uns: Mit welcher Platte bekommt man das Publikum immer auf die Tanzfläche?

Chuck Herrmann: Mit "Sea Cruise" von Frankie Ford zum Beispiel. Der Song hat den New-Orleans-Speed, diesen relaxten Backbeat, und dazu dicken Bläsersatz. "Sea Cruise" ist nicht zu schnell und nicht zu langsam. Ein tolles Tanzstück! Die Hintern beginnen automatisch zu schaukeln.

sueddeutsche.de: Wie kam es dazu, dass Sie DJ geworden sind?

Herrmann: Als Jugendlicher habe ich immer den Radiosender AFN der amerikanischen Truppen gehört. Und dann kamen Elvis und der Rock'n'Roll. Ich war stolz, Halbstarker zu sein. 1957 habe ich mit einem Freund einen Rock'n'Roll-Club in Holzkirchen gegründet. Dort legte ich zum ersten Mal auf, das war vor 52 Jahren. Anfang der Sechziger begann, in in einer Country-Band zu singen.

sueddeutsche.de: Anfangs arbeiteten Sie noch als Steuersachbearbeiter im Holzkirchener Rathaus. Wann ließen Sie das bürgerliche Leben hinter sich?

Herrmann: 1963 kündigte ich meinen Job, da ich im Büro kaum die Augen aufhalten konnte. Ich habe zu der Zeit sechs Nächte pro Woche gespielt - meist in den amerikanischen Kasernen um München. Mit Musik habe ich drei Mal so viel verdient wie im Rathaus.

sueddeutsche.de: Dann waren Sie am Anfang hauptsächlich Musiker und nicht DJ...

Herrmann: DJs gab es damals eigentlich gar nicht. In fast allen Clubs spielten Live-Bands und in den Pausen lief die Musikbox. Nur bei Record-Hops gab es einen, der Platten aufgelegt hat. Der hieß allerdings nicht DJ, das waren die im Radio, sondern Aufleger.

sueddeutsche.de: Wann änderte sich das?

Herrmann: Erst Anfang der sechziger Jahre kamen mit der Twist-Musik Diskotheken auf. Die erste Diskothek in München war das Sahara Dancing, das Ende der Sechziger in Pop Club umbenannt wurde. Es befand sich in der Lilienstraße, wo heute das Wirtshaus in der Au ist. Bis Ende der sechziger Jahre gab es immer noch viel mehr Live-Musik-Lokale als Discotheken, das änderte sich erst in den Siebzigern mit dem sogenannten Disco-Sound.

sueddeutsche.de: Können Sie sich noch an Ihren ersten Abend dort erinnern?

Herrmann: Das erste Mal war ich gleich bei der Eröffnung dort eingeladen. Ich saß am Tisch mit der damals sehr populären Sängerin Manuela, die einen Hit mit "Schuld war nur der Bossa Nova" hatte.

sueddeutsche.de: Und wann begannen Sie, dort aufzulegen?

Herrmann: 1972 eröffnete der Pop Club nach einer zweijährigen Umbaupause wieder. Ich sollte auflegen, um die Boogie-Fans wieder zu mobilisieren. Seitdem mache ich jeden Sonntagabend einen Rock'n'Roll-Abend, der noch immer Fifties-Record-Hop heißt.

sueddeutsche.de: Was machte den Pop Club so besonders?

Herrmann: Der Pop Club war bis Ende der Siebziger der absolute In-Laden in München - wie wenn man heute Pacha, P1, Registratur und Erste Liga zusammenschmeißt. Rock'n'Roll tanzten eher einfache Leute aus dem Arbeitermilieu und Sintis. Das hat die Filmszene magisch angezogen. Rainer Werner Fassbinder, Wim Wenders, Kurt Raab - alle kamen sie in den Pop Club. Die Filmleute saßen in der linken Ecke, die Vorstadt-Strizzis tanzten Boogie.

sueddeutsche.de: Gibt es einen Abend, der unvergesslich geblieben ist?

Herrmann: Es waren so viele Abende, ich würde gerne die ganze Zeit erneut erleben. Einmal wagte sich der berühmte Filmregisseur Hark Bohm ("Nordsee ist Mordsee", Anm. d. Red.) zu nah an die Tanzfläche und stieg einem Vorstadt-Rock'n'Roller auf den Fuß. Da gab es eine große Schlägerei. Bohm zog sich einen Schädelbruch zu. Einer der Boogie-Tänzer, der auch heute noch in die Max-Emanuel-Brauerei kommt, musste jahrelang Schmerzensgeld abbezahlen.

Lesen wie weiter: Warum Chuck Herrmann das Glockenbachviertel nicht mag.

Ein Leben mit Rock'n'Roll

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