"Der Stellvertreter" im Volkstheater München Der Vatikan und die Gaskammern

Warum hat Papst Pius XII. nichts gegen die Judenvernichtung im Dritten Reich unternommen? Intendant Christian Stückl inszeniert den "Stellvertreter" am Münchner Volkstheater neu - gestern Abend war Premiere. Auch ein halbes Jahrhundert nach der Uraufführung ist Hochhuths Stück noch hochaktuell.

Von Beate Wild

Warum hat man dem Massenmord nicht Einhalt geboten? Warum hat der Papst nichts gesagt, als die Nazis Tausende Juden deportierten? Warum hat der selbsternannte "Stellvertreter Gottes" geschwiegen, als er sah, dass Millionen Menschen vom Nazi-Regime umgebracht wurden? Fragen von ungeheuerlicher Dimension. Und Fragen, um die es am Mittwochabend im Münchner Volkstheater ging. Es war die Premiere von "Der Stellvertreter" - dem Stück von Rolf Hochhuth, das vor 49 Jahren in Deutschland für einen veritablen Skandal sorgte. Jetzt hat sich Intendant Christian Stückl an das Werk gewagt.

Einen Eklat provoziert "Der Stellvertreter" heute nicht mehr. Wir schreiben das Jahr 2012. Und doch ist das Stück noch immer hochaktuell. In mehr als drei Stunden geht es um die Haltung des Vatikans zum Holocaust. Das damalige Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Pius XII., wird angeklagt, nichts gegen Hitler unternommen zu haben. Nur geschwiegen zu haben.

Christian Stückl bettet die Handlung in eine moderne Rahmenhandlung ein: Es beginnt mit zwei Studenten, die - vermutlich in der Uni-Bibliothek - lebhaft über die Rolle des Vatikans im Dritten Reich diskutieren. Der eine klagt die Haltung der Kirche an. Sie hätte sich weggeduckt. Und damit klar Schuld auf sich genommen. Der andere verteidigt die Führung in Rom, sagt lachend zu seinem Kommilitonen, er hätte wohl zu viel Hochhuth gelesen.

Doch dann beginnt er zu lesen in den Unterlagen und Geschichtsdokumenten und muss erkennen, dass die katholische Kirche wohl doch nicht richtig gehandelt hat. Plötzlich ist der Student kein Student mehr, sondern der Jesuitenpater Riccardo Fontana (überzeugend gespielt von Pascal Riedel). Wir befinden uns in Nazi-Deutschland, irgendwann Anfang der vierziger Jahre. Der Pater ist in die päpstliche Nuntiatur nach Berlin geschickt worden. Dort erfährt er durch den SS-Offizier Kurt Gerstein, der das Grauen in Auschwitz selbst gesehen hat, die Wahrheit über das Schicksal der deportierten Juden. Er erfährt von den Gaskammern.

Gerstein spricht in der Berliner Außenstelle des Vatikans vor, in der Hoffnung, die Priester würden etwas gegen die massenhafte Vernichtung der Juden unternehmen. Doch er stößt auf taube Ohren. Dafür ist Pater Riccardo um so entsetzter und nimmt sich als oberstes Ziel vor, den Papst (gespielt von Oliver Möller) von einer Intervention zu überzeugen.

Selbst heute noch ein Aufreger

Bei der Uraufführung durch Regisseur Erwin Piscator 1963 in Berlin entfachte das Theaterstück einen Aufruhr in bestimmten Kreisen der Gesellschaft - und vor allem in der katholischen Kirche. Es kam zu Demonstrationen - während der Vorstellung protestierten Theaterbesucher mit Trillerpfeifen und Buhrufen, teils gegen den Papst, teils gegen dessen Verleumdung. Der damals 32-jährige Hochhuth hatte mit seinem Stück einen Finger in die offene Wunde der Vergangenheitsverdrängung der Wirtschaftswundergesellschaft gelegt.

"1963 war das Stück vielleicht auch für manche in Deutschland eine große Befreiung", sagte Stückl im SZ-Interview. "Man konnte dann sagen: Der Papst hat auch nichts getan, weshalb hätte ich etwas tun sollen."

Selbst als "Der Stellvertreter" 25 Jahre später, 1988, in München zum ersten Mal gezeigt wurde, kam es abermals zu heftigen Protesten. Kirchenleute und Konservative machten mobil gegen das Stück. Dass "Der Stellvertreter" heute keinen Eklat dieser Art mehr hervorruft, dessen ist sich Stückl bewusst. Doch er weiß auch, dass das Thema Kirche und Judenvernichtung nie ad acta gelegt werden kann. Selbst im Jahr 2012 hat der Regisseur Briefe bekommen, in denen er gefragt wurde, weshalb er eine Neuinszenierung wage - und ob das denn wirklich nötig sei.

Stückl gilt als Experte fürs Katholische, da er seit Jahrzehnten die Passionsspiele in Oberammergau leitet; kürzlich inszenierte er auch Pfitzners "Palestrina". Er stürzt sich engagiert auf komplexe Themen im christlichen Kontext. "Seit 25 Jahren beschäftigt mich der Antijudaismus in der Kirche, dann las ich dieses Stück - und wusste, das mache ich jetzt", sagt er.

Papst Pius XII. in Bildern

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