Dachau Wer der Auschwitz-Kommandant Rudolf Höß war

Manfred Deselaers referierte im Jugendgästehaus über den Kommandanten von Auschwitz, Rudolf Höß. Grundlage des Vortrags war sein Buch darüber.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Der Theologe Manfred Deselaers versucht zu verstehen, wie es zum Holocaust kommen konnte.

Von Moritz Köhler, Dachau

Nüchtern und sachlich erzählte Manfred Deselaers aus dem Leben des Nationalsozialisten Rudolf Höß, des Mannes, der das Konzentrationslager Auschwitz aufgebaut und die Ermordung von mehr als einer Million Juden, Polen, sowjetischen Kriegsgefangenen sowie Roma und Sinti organisiert hat. Bei einem Vortrag mit dem Titel "Ideologie und Gewissen in der Biografie von Rudolf Höß" hat sich der katholische Pfarrer Deselaers am Montagabend mit dem Naziverbrecher beschäftigt, über den er das Buch "Und Sie hatten nie Gewissensbisse?" geschrieben hat.

Deselaers lebt seit 1990 in der Stadt Oświęcim. Er widmet sich dort der deutsch-polnischen Versöhnung. Für seine Doktorarbeit im Fach Theologie beschäftigte er sich intensiv mit der Biografie von Rudolf Höß. Er habe die Doktorarbeit und später das Buch als Aufforderung der Opferseite verstanden. Er wolle helfen, zu verstehen, was damals passiert ist und wie es passieren konnte. Dazu beleuchtet Deselaers die Motive der Täterseite - eine Vorgehensweise, die unter Historikern umstritten ist. Bei dem Vortrag am Montag wirkte sie bisweilen befremdlich.

Einer der größten Kriegsverbrecher, die es je gab

Um den knapp zwanzig Besuchern im Jugendgästehaus Dachau einen Zugang zu dem Thema zu verschaffen, schilderte Deselaers zunächst Höß' Lebensweg. Dieser wuchs im Mittelstand auf, kämpfte mit 15 Jahren bereits im Ersten Weltkrieg und machte Karriere in der Wehrmacht. Als Höß aus dem Krieg zurückkehrte fand er zur NSDAP. 1934 trat er in Dachau die Ausbildung zum SS-Mann an. Ab 1940 baute er in Auschwitz das Konzentrationslager auf. Nach Ende des Krieges wurde er an Polen ausgeliefert und 1947 in Auschwitz hingerichtet. Höß ist einer der größten Kriegsverbrecher, die es jemals gab. In seinem Fanatismus schuf er im Lagerkomplex Auschwitz das größte Vernichtungslager der Nationalsozialisten für den Mord an den europäischen Juden und verantwortete den Tod von mehr als 1,1 Millionen Menschen.

Zu Beginn des Vortrags betonte Deselaers, dass er in seinem Buch keine theologischen Fragen beantworten wolle. Vielmehr gehe er auf die Frage ein, wie es dazu kam, dass ein einzelner Menschen so viele Leben zerstören konnte. Der aufmerksame Zuhörer musste bei dieser Bemerkung stutzen - schließlich ist die Beschäftigung mit der Gewissensfrage, wie es der Titel des Vortrags ankündigte, ein grundlegendes theologisches Thema.

Scham für Gewissensbisse

Deselaers ging zunächst vor allem auf die Ideologie des Kommandanten von Auschwitz ein. Nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg haben demnach Höß nur noch zwei Prinzipien angetrieben: eine fanatische Liebe zum Vaterland, die ihn schließlich in die Arme der NSDAP trieb, und seine Familie. Die Ideologie der NSDAP verinnerlichte Höß schnell. Bald war er der wahnhaften Ansicht, dass er seiner Familie nur eine positive Zukunft schaffen könne, wenn die Feinde des deutschen Volkes - die Juden vor allem - vernichtet werden. Bezeichnend für seinen Fanatismus war die Selbstverständlichkeit, mit der er später seine Taten rechtfertigte: Er habe sich manchmal gefragt, ob die Ermordung von Frauen und Kindern wirklich nötig sei, schrieb Höß später in seiner Autobiografie. Dann habe er sich aber für seine Gewissensbisse geschämt.

Bei den Nürnberger Prozessen sei Höß einer der wenigen Nationalsozialisten gewesen, der offen zu seinen Taten stand, betonte Deselaers. Der Pfarrer versäumte es allerdings, die Beweggründe für dieses Handeln zu hinterfragen. Im Gegenteil: Er sieht nach der Auslieferung an Polen bei Höß sogar eine beginnende Rückkehr zur Menschlichkeit.

Rolle der Kirche wird ausgeblendet

Einen ersten Schritt findet Deselaers beispielsweise in der Erklärung, die Höß einige Tage vor seiner Hinrichtung an das polnische Volk geschrieben hat. Darin berichtet er von seiner Erkenntnis, dass er "an der Menschlichkeit gefrevelt habe", und bittet das polnische Volk um Verzeihung. Bei den Juden entschuldigt sich Höß nicht, sie bleiben unerwähnt. "Natürlich war diese Rückkehr unvollständig, es war höchstens der Beginn eines langen Weges", räumte Deselaers ein.

Eineinhalb Stunden sprach der Pfarrer über Höß und schöpfte aus seinem Fachwissen. Dabei vergaß er als Theologe die Rolle der Kirchen während des Holocausts zu beleuchten. Das vermisste man dann doch. Zudem war der Vortrag über weite Strecken auf die polnische Sicht beschränkt. Deselaers verpasste es, auch die Schicksale der Juden in Auschwitz anzusprechen. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Verbrechen gegen die polnische Bevölkerung.