Comic-Forscher Ralf Palandt "Superman hat Hitler bekämpft"

Holocaust und Comic - passt das zusammen? Eine Ausstellung in München sucht Antworten. Organisator Ralf Palandt über die Gefahr der Verharmlosung, Propaganda von Nazi-Gegnern und NPD - und was Hitlers "Mein Kampf" auf einer Müllkippe in Entenhausen zu suchen hat.

Interview: Tobias Dorfer

Die Nazis nutzten Comics, um im Dritten Reich antisemitische Propaganda unters Volk zu bringen. Rechtsextremismus und Holocaust wird aber auch zum Zweck von Aufklärung oder politischer Bildung in Comicform dargestellt. Und manchmal wollen Bildgeschichten, die sich mit dem Dritten Reich befassen, auch einfach nur unterhalten. Eine Ausstellung in München zeigt, wie Rechtsextremismus, Antisemitismus und der Holocaust - zu unterschiedlichen Zwecken - in Comics thematisiert wurden. Ralf Palandt, Kurator der Ausstellung, ist Kommunikationswissenschaftler und Mitglied der Gesellschaft für Comicforschung.

sueddeutsche.de: Comics spitzen häufig zu, sind satirisch oder wollen einfach nur unterhalten. Besteht da nicht die Gefahr, dass Themen wie der Holocaust oder das Dritte Reich verharmlost werden?

Ralf Palandt: Diesen Vorwurf höre ich häufig. Comics gehören als grafische Literatur zu den Medien. Sie greifen Themen der gesellschaftlichen Diskussion auf und verarbeiten sie. Wie Bücher oder Filme. Natürlich dürfen Comics auch Themen wie den Holocaust behandeln. Für Bildgeschichten gilt das, was immer gilt: Es gibt gut gemachte und weniger gut gemachte.

sueddeutsche.de: Vor sechs Jahren tauchte in einer Ausgabe des Micky-Maus-Heftes eine Szene auf, in der Donald Ducks Neffen Tick, Trick und Track über eine Müllkippe toben, auf der - deutlich sichtbar - ein Exemplar von Hitlers Mein Kampf liegt.

Palandt: Die Zeichnungen stammen aus den fünfziger Jahren und wurden vom legendären Disney-Zeichner Carl Barks gefertigt. Barks selbst hat Mein Kampf auf die Müllkippe gezeichnet - und wollte damit ausdrücken: Dort gehört das Buch hin.

sueddeutsche.de: In welchen Comics wird der Holocaust besonders häufig thematisiert?

Palandt: Vor allem in Geschichtscomics. Aber auch in den bekannten Superhelden-Comics. Dort treten immer wieder ehemalige SS-Schergen auf. Wer das personifizierte Böse zeichnen will, zieht ihm eine Uniform mit Hakenkreuz an. Das erkennt jeder.

sueddeutsche.de: Das klingt sehr nach Vereinfachung. Was sagen denn die Opfer der Nazis und ihre Angehörigen dazu?

Palandt: Überraschenderweise gab und gibt es zu diesen Superhelden-Comics recht wenig empörte Reaktionen. Auch nicht zu den US-Kriegscomics mit ihren sehr reißerischen Darstellungen von Krieg und Holocaust. Anders war das Ende der achtiger Jahre beim berühmten Maus-Comic von Art Spiegelman ...

sueddeutsche.de ... der die Geschichte seines Vaters, der Auschwitz und Dachau überlebte, als Tierfabel erzählte und Juden als Mäuse, Deutsche als Katzen und Franzosen als Frösche zeichnete ...

Palandt: ... und Polen als Schweine - weswegen das Buch in Polen auch teilweise verbrannt wurde. Spiegelman zeichnete Menschen als Tiere, um eine gewisse Distanz zwischen den Lesern und der Geschichte zu schaffen. Er wollte damit zeigen, dass er die Realität nicht abbilden kann, auch weil er die Zeit nicht miterlebt hat. Als Maus auf Deutsch erschien, wurde auch hier die Frage gestellt, ob der Holocaust überhaupt als Comic dargestellt werden darf. Das Plakat zur Comic-Ausstellung von Maus des internationalen Comic-Salons Erlangen wurde 1995 wegen der Abbildung eines Hakenkreuzes als nationalsozialistisch eingestuft und beschlagnahmt.

Der doppelte Adolf

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