Architekturspaziergang Als man fürs Wohnen in Schwabing noch Werbung machen musste

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das tatsächlich noch der Fall. Damals konnte noch keiner ahnen, wie schnell das Viertel mit der Stadt verschmelzen würde.

Von Nicole Graner (Texte) und Catherina Hess (Fotos)

An der alten Schwabinger Landstraße lag das Ludwigsbad. Und ein gutes Stückchen stadteinwärts - an der "äußeren Leopoldstraße" - stand das kleine Clubhäuschen des Münchner Sportclubs" mitsamt seinen Tennisplätzen: Auf einem alten Plan der Schwabinger Terrain-Aktien-Gesellschaft wird das Areal als "Spielplatz" bezeichnet - was um 1909 eher Sportplatz bedeutete. Heute sind in der Tat an alter Stelle im neuen Quartier "Schwabinger Tor" Spielplätze entstanden, die aber so gar nichts mehr mit jenen "Spielplätzen" Anfang des 20. Jahrhunderts gemein haben, sondern künstlerische, kindgerechte und mit viel Liebe zum Detail entworfene Spiel-Oasen sind. Früher, ja, früher reichte oft nur eine Wiese, eine Wippe.

Noch etwas ist, betrachtet man den alten Plan, gleich geblieben: Direkt am Areal des Münchner Sportclubs führte die Tram-Linie 13 vorbei, bog am Parzivalplatz in Richtung Scheidplatz ab. In der alten Info-Broschüre der Terrain-Aktien-Gesellschaft heißt es: "Durch die breite, von prächtigen Bäumen flankierte Leopoldstraße führen fünf Straßenbahnlinien in 10 bis 15 Minuten direkt und ohne Umsteigen zum Stadtinneren und zum Hauptbahnhof." Und weiter: "In dieser ungewöhnlich guten, unmittelbaren Verbindung Schwabings mit der Stadt beruht ein großer, nicht zu unterschätzender Vorzug, der bei der Wahl zur Schaffung eines eigenen Heimes ganz besonders für Schwabing spricht". Heute fährt die Tram-Linie 23 am "Schwabinger Tor" vorbei und durch das Quartier.

Tourbeschreibung

Los geht es am Parzivalplatz (Tram 23) über die Leopoldstraße bis zum Schwabinger Tor. Am "La Boheme" links halten und die Brücke überqueren. Über die Parkrampe und die Wilhelm-Hertz-Straße zurück zur Leopoldstraße. Die Straßenseite wechseln und in den Petuelpark bis zum Cafe Ludwig. Rechts in die Klopstockstraße bis zum Mildred-Scheel-Bogen. Durch die Grünanlage zur Isoldenstraße 19, am Haus Nummer 17 den Durchgang zum Krankenhaus nehmen und geradeaus an Haus 9 vorbei. Am Ende des Weges links in den Dr.-Martin-Mandelbaumweg und zurück zur Isoldenstraße. Über die Mottlstraße zum Scheidplatz (U 2, 3; Busse, Tram)

Dauer: etwa eineinhalb Stunden

Unrecht hatte der PR-Texter damals nicht. Nur konnte er nicht ahnen, dass Schwabing derart schnell mit der Stadt verschmelzen und es immer mehr Menschen in den Norden ziehen würde. Neue, urbane Wege mussten gegangen, in die Höhe gebaut werden. Die massiven, wuchtigen Gebäude gefallen nicht jedem und sind ein großer Gegensatz zu den sehr individuellen Anlagen zum Beispiel am Mildred-Scheel-Bogen. Die Broschüre mit alten Schwabinger Fotos wirbt außerdem noch mit dem "schönsten Freiluftbad des Kontinents", dem Ungererbad, den vielen "Bildungsmöglichkeiten" und der vom Militär genutzten Leopold-Reitbahn für das Viertel. Das Schwabinger Krankenhaus, das ebenfalls 1909 eröffnete, lässt der Schreiber außen vor. Dabei sollte es ein lebenswichtiger Bestandteil im Leben der Schwabinger werden. Bis heute ist das so. Umso trauriger, dass der Krankenhaus-Campus verkleinert werden soll. Dass die schönen Gebäude im Park mit altem Baumbestand bleiben, ist ein Trost. Denn der alte Klinik-Komplex steht unter Denkmalschutz.

"Die beste Gewähr für stete Zufuhr reiner, frischer Luft" verspricht der Schreiber für alle, die sich Anfang des 20. Jahrhunderts in der "Villenkolonie Schwabing" für einige Goldmark ein Häuschen kaufen wollen durch die Einbettung des Viertels in zwei große Parks: den Englischen Garten und den "anlässlich des 90. Geburtsfestes Seiner Königlichen Hoheit des Prinzregenten unter opferwilliger Beteiligung der Städtischen Behörden und vieler Privaten geschaffenen Luitpoldpark, dessen schöne Anlage Herrliches verspricht." Eine dritte Anlage kommt hinzu. Auch das konnte die Terrain-Aktien-Gesellschaft kaum ahnen: der Petuelpark - von den Anwohner sehr geliebt, von den Kindern bespielt und von Kunstschaffenden verschönt.

Von Alt und Neu, von urbaner Dichte und beschaulicher Ästhetik, von altem Baumbestand und neu begrünten Dächern, von Bauten, die wie beim Forum Luitpold unterschiedliche Nutzungsanforderungen architektonisch miteinander verquicken - dieser Spaziergang ist eine Reise durch die Geschichte Schwabings um 1909 und die Musik. Schließlich ist Richard Wagner Namensgeber des Viertels um Isolden- und Tristanstraße, um Montsalvat -und Mottlstraße - jenes Viertel, dass der PR-Texter der Broschüre als "Villenkolonie Schwabing" anpreist wie Butterbier. "Hier", so schreibt der Visionär, "ist all das auf das Glücklichste vereinigt, was die Realisierung einer idealen Lebens- und Wohnungsweise ermöglicht."

Die Anwohner der Montsalvatstraße zum Beispiel könnten diesen Satz noch immer unterstreichen. Sie lieben diese Fleckchen, das manchmal ganz weit weg zu sein scheint vom Lärm der Stadt. In einigen Häusern leben die Nachfahren der Käufer und sogar die der Erbauer. In der Nummer elf zum Beispiel. Da ließ einst der Geheime Justizrat Wilhelm Zimmermann sein Traumhaus bauen - nach mit Bunt- und Bleistift selbst gezeichneten Plänen. Schon die fünfte Generation hat in ihm nun Pläne für die Zukunft geschmiedet.

1. Schwabinger Tor

Info

Adresse: Leopoldstraße 150 - 184

Architekten: 03 Architekten, Max Dudler, Hild und K Architekten, Hilmer & Sattler und Albrecht

Fertigstellung: 1. Oktober/Hotel: Frühjahr 2018

Gehzeit: 5 Minunten vom Parzivalplatz (Tram 23)

Warum es sich lohnt innezuhalten: Viele Fenster, viel Glas und unterschiedliche Fassaden - mächtige Bauten, über deren Schönheit man streiten kann, entstehen auf 42 000 Quadratmetern Fläche an der Leopoldstraße. Begeistert ist die Stadt über die Planung und der Vorsitzende des Bezirksausschusses Schwabing-Freimann, Werner Lederer-Piloty, lobte kürzlich das neue Quartier mit neun Gebäuden als das "schönste" weit und breit. 210 Wohnungen sollen entstehen mit Geschäften, Lebensräumen, Freiraum. Schon jetzt kann man die Intention erahnen, wenn man auf dem Platz an der Leopoldstraße 180 steht, in die Gebäudefluchten schaut, liebevoll gestaltete Spielplätze entdeckt und Oasen am Wasser. Die neue Form des urbanen Miteinanders, kann funktionieren, wenn die Plätze wirklich belebt sind und die Geschäfte auch die umliegenden Anwohner anlockt. Foto: Stephan Rumpf

2. Petuelpark

Warum es sich lohnt innezuhalten: Es gibt nur ein Wort für die 7,4 Hektar große Parkanlage über dem Petueltunnel: schön. Schaut man durch das Periskop von Bogomir Ecker, sieht man unten Autos auf dem Mittleren Ring hin- und herflitzen. Oben steht man im Grünen, bestaunt Kunstwerke und genießt. Ruhe legt sich über einen, der Alltag verschwindet im Tunnel. Vielleicht drückt man die Knöpfe der Brunnen am Fontänenplatz. Vorsicht, manche machen nass. Man entdeckt "Go!" von Pia Stadtbäumer - den bepackten Maulesel, der sogar schreien soll. Vielleicht lässt man sich auch von der spritzenden Schlange am Spielplatz kühlen. Kunst und Genuss, verweilen und leben - alles ist möglich. Die schwierigste Frage: Wo lasse ich mich nieder? Überall ist es schön.

3. Quartier Mildred-Scheel-Bogen

Info

Adresse: Mildred-Scheel-Bogen

Architekt: verschiedene Architekten

Fertigstellung: in den vergangenen Jahren

Gehzeit: 10 Minuten vom Petuelpark

Warum es sich lohnt innezuhalten: "Aura Schwabing", "Schwabing Vogue" oder "Isoldenhof" - die Namen der neuen Wohnquartiere am Mildred-Scheel-Bogen suggerieren das, was sie auch sind: unterschiedlich und eigen. Fragt man Anwohner, ob sie diese Namen kennen, schütteln sie den Kopf. Erklären aber sofort, wie gerne sie hier leben. Für die verschiedenen Architekten der stilistisch unterschiedlich gestalteten Blöcke war das Wort "Vielfalt" planerisches Credo. Ob Wohnungen, Gärten oder Höfe - fast nichts gleicht dem anderen. Dort eine Nische, da ein kleines Fenster. Wohnungen, manchmal mit witzig geschnittenen Räumen in Wintergartenflair, mischen sich mit schmalen Einfamilienhäuschen. Kinder, die Fußball spielen, Senioren, die sich über die neuesten Angebote im Supermarkt unterhalten - auf kleinen Wegen bis zum Trimm-Dich-Parcours am alten Schwabinger Heizkraftwerk zu bummeln, macht Spaß.

4. "Dienstwohngebäude"

Warum es sich lohnt innezuhalten: Einen weiten Arbeitsweg hatten die Mitarbeiter nicht, die im "Dienstwohngebäude der städtischen Elektrizitätswerke" an der Isoldenstraße 19 lebten. Sie hatten das Maschinen- und Kesselhaus vis a vis beim Schwabinger Krankenhaus zu betreuen. Tag und Nacht. Das schöne Gebäude zwischen dem Krankenhaus Schwabing und dem Mildred-Scheel-Bogen gehört den Stadtwerken München und zieht Blicke auf sich. Denn das denkmalgeschützte Haus wurde liebevoll saniert. Und zwar so, dass man erahnen kann, wie es früher ausgesehen haben muss. Kastenfenster, Türen und Treppenhandläufe wurden erhalten, wie im wesentlichen auch die Wohnungsgrundrisse. Die alte Holztreppe im Treppenhaus wurde freigelegt. Balkone kamen hinzu und ein behutsamer Dachausbau. Extra veranlasste Farbanalysen gaben den Originalton vor: ein warmes Gelb. Alt und neu - alles passt zusammen, mischt sich zu einer Symbiose.

5. Schwabinger Krankenhaus

Warum es sich lohnt innezuhalten: Die meisten Fenster sind nach Süden ausgerichtet. Viel Licht soll in die Patientenzimmer kommen. So die Idee des 1909 eröffneten und größten Pavillon-Krankenhauses Deutschlands. Heute scheint durch einige Fenster keine Sonne mehr. Die ehemalige chirurgische Intensivstation 1a zum Beispiel ist geschlossen, die Fenster sind mit Holzplatten verbaut. Das Klinik-Sanierungsprogramm, das in Schwabing auf großes Unverständnis stößt, hinterlässt Spuren, mit Moos überwucherte Rampen und wild wachsende rote Rosen sind stille Zeugen des Vergehens. Wie jene vier kleine Stein-Figuren am Dr. Martin-Mandelbaumweg, die auf den richtigen Zauberspruch warten, um endlich lebendig werden zu dürfen. Was mit ihnen wird, wenn das Klinik-Areal bis 2020 saniert und verkleinert wird? Ein Spaziergang lohnt sich also sehr. Denn noch ahnt man die alte Größe des Areals, lauscht dem Vogelgezwitscher - inmitten der Stadt.

6. Wagnerviertel

Info

Adresse: Montsalvatstraße, Mottlstraße, Brangänestraße

Architekt: verschiedene Architekten

Fertigstellung: 1909-1912

Gehzeit: 5 Minuten vom Schwabinger Krankenhaus

Warum es sich lohnt innezuhalten: Von "einigen aparten Architekturen" schreibt der "General-Anzeiger" der Münchner Neuesten Nachrichten am 18. April 1912 in seiner Rubrik "Von der Entwicklung der Außenbezirke". Von den Häusern in der Montsalvatstraße ist damals die Rede. Der Außenbezirk ist Schwabing. Kaum zu glauben, dass das Viertel rund um Isolden- und Tristanstraße, einmal Grünfläche war, die dann die Terrain-Aktiengesellschaft erwarb und Parzellen im neuen "Villenviertel Schwabing" zum Verkauf anpries. Ein kleiner, kolorierter Lageplan in der Hochglanz-Infobroschüre der Gesellschaft dokumentiert, wie schnell die Parzellen in den Jahren 1909 bis 1912 Anklang fanden. "Verkauft" steht mit schwarzen Buchstaben auf den Grundstücksnummern 21, 22, 23, 24 und 27. Heute ist dieses Viertel ein Juwel. Noch immer sind die Straßen mit dem alten Kleinsteinpflaster versehen. Und die Geschichten der Häuser könnten Bücher füllen.

7. Forum am Luitpold

Info

Adresse: Belgradstraße 108

Architekten: Bauer Kurz Stockburger München; Jühling und Bertram München (Landschaftsarchitekten)

Fertigstellung: 2016

Gehzeit: 10 Minuten vom Wagnerviertel

Warum es sich lohnt innezuhalten: Im Café Scheidplatz feiert jemand in großer Runde Geburtstag, im Kreativ Labor der Pfennigparade wird gebastelt. Zwei Rollstühle stehen im Gang und im Foyer der Volkshochschule liest eine Senioren in aller Ruhe Zeitung. Über einen großen Steinquader plätschert im Hof das Wasser. Das Mehrgenerationenhaus, in dem behinderte und nicht behinderte Senioren leben, im integrativen Sternstundenhaus Kinder spielen und die VHS ein großes Bildungsangebot bereit hält, ist ein großes Forum der Begegnung. Die offene, freundliche Architektur hat großen Anteil daran, dass eineinhalb Jahre nach der Eröffnung ein Miteinander gelebt und spürbar wird. "Viele gemeinsame Gespräche", so freut sich Iris Wegert von der VHS, "sind Tagesordnung". Kursbesucher mischten sich mit Hausbewohnern. Berührungsängste? Die verschwinden immer mehr.