Alpenverein hat bald eine Million Mitglieder "Der Bergsport ist ein riesiger Markt geworden"

Abenteuer mit instabilen Kletterseilen

Der Alpenverein knackt demnächst die Eine-Million-Marke. Der Münchner Rudi Berger geht seit mehr als 60 Jahren in die Berge - und ist eines der ältesten DVA-Mitglieder. mehr...

Der Alpenverein knackt demnächst die Eine-Million-Marke. Der Münchner Rudi Berger geht seit mehr als 60 Jahren in die Berge - und ist eines der ältesten DAV-Mitglieder. Im Gespräch erzählt er, warum ihn ein Absturz für das Klettern begeistert hat. Und was moderner Bergsport mit einem Supermarkt gemeinsam hat.

Von Axel Hechelmann

Er kletterte steile Felswände hinauf und verließ sich auf Hanfseile, die bei einem Sturz gerissen wären: In den fünfziger Jahren war die Kletterei für Rudi Berger ein richtiges Abenteuer. Als der 79-jährige Münchner vor 60 Jahren in den Deutschen Alpenverein (DAV) eintrat, hatte die Sektion München erst 3000 Mitglieder, heute sind es 60.000. Bundesweit zählt der DAV inzwischen mehr als 988.000 Mitglieder - und noch in diesem Jahr soll die Eine-Million-Marke fallen. Ein Gespräch über den Bergsport früher und heute.

SZ.de: Herr Berger, haben Sie Höhenangst?

Rudi Berger: Nein, um Gottes Willen. Aber ich muss zugeben, dass ich mich im Gebirge nicht mehr so knapp an senkrechte Kanten stelle wie früher.

Sie sind seit mehr als 60 Jahren in den Bergen unterwegs, heute vor allem um Wege zu bauen oder zu sanieren. Wie hat sich der Bergsport gewandelt?

Ich habe das Klettern mit Hanfseilen angefangen. Man wusste von diesen Seilen, dass sie einen schweren Sturz nicht aushalten würden. Man hat sich also so verhalten, dass man möglichst nicht runterfällt. Heute ist das Risiko relativ gering, ich sage immer Jojo-Klettern dazu. Man kann eine Kletterstelle so lang probieren, bis man hochkommt. Inzwischen fällt man drei, vier Mal ins Seil, ohne dass man sich etwas dabei tut. Manchmal hat man den Eindruck, dass Bergsteigen ein Synonym für Sicherheit geworden ist mit einer perfekten Ausrüstung und der Möglichkeit sich mit dem Handy Hilfe zu holen. Ich würde mich freuen, wenn es wieder abenteuerlicher werden würde.

Wie erklären Sie sich, dass es immer mehr Menschen in die Berge zieht?

Vor 60 Jahren musste man noch ins Gebirge wollen, heutzutage gibt es in jeder Zeitung einen Reiseteil. Man muss gar nicht selber drauf kommen in die Berge zu gehen, man wird drauf gestoßen. Der Bergsport ist ein riesiger Markt geworden und der Zugang ist viel leichter, man kann alle möglichen Kurse buchen. Es ist wie im Supermarkt wenn sie etwas billiger bekommen, dann wird es häufiger gekauft.

Was hat Sie damals in die Berge getrieben?

Das erste Mal war ich 1946 im Gebirge, wir haben einen Familienausflug mit der Bahn auf den Wendelstein gemacht. Meine Mutter sagte zu mir: Ach, gehen wir doch zu Fuß runter. Das hat mir gefallen. 1953 bin ich dem DAV beigetreten und habe meine ersten Kletterkurse belegt.

Waren Sie mal in einer brenzligen Situation?

Oh ja. Ich hatte vor meiner Zeit beim DAV einen fürchterlichen Absturz an der Dreitorspitze im Wettersteingebirge. Den habe ich überlebt, weil ich unten in ein Schneefeld gefallen bin. Dabei habe ich mir das Steißbein und den Kiefer gebrochen. Aber dann habe ich mir gedacht: Wow, das ist ja ein richtig ernsthafter Sport, das ist etwas anderes als Fußballspielen. Viele Leute nehmen Abschied vom Gebirge, wenn ihnen was passiert. Bei mir war es genau umgekehrt, ich habe mich noch mehr für das Klettern interessiert.

Heute trifft man viele Wanderer und Kletterer in den Bergen. Sind die Menschen der Natur gegenüber rücksichtslos?

Komischerweise habe ich das Gefühl, dass sie eher achtsamer geworden sind. Es waren damals so wenige Leute im Gebirge, dass man sich gar nichts dabei gedacht hat, wenn man am Einstieg eine Milchdose geleert und dann hinter sich ins Tal geworfen hat. Wenn trotzdem viel Müll herumliegt, dann liegt es daran, dass mehr Leute unterwegs sind.

Herr Berger, der DAV setzt sich dafür ein, dass das Klettern olympisch wird. Was halten Sie davon?

Ich halte das für schwachsinnig. Die olympische Idee ist zum Witz geworden, das ist Unterhaltungsindustrie. Selbst das Ringen, eine der Sportarten, die noch aus der Anfangszeit stammt, ist wegen zu geringer Quoten abgeschafft worden. Mit Bergsteigen hat das nichts mehr zu tun. Der Alpenverein sollte sich lieber um das Gebirge kümmern.