Zweite Staffel von "The Voice of Germany" Schluss mit Kuscheln

Von wegen "Waldorf-Schule unter den Casting-Shows": Mit der zweiten Staffel von "The Voice of Germany" müssen die Juroren den Erfolg der ersten übertreffen. Ihre Lösung: Gekuschelt wird nicht mehr. Jetzt wird gekämpft.

Eine TV-Kritik von Carolin Gasteiger

Die Coaches bei "The Voice". Nett war mal - jetzt heißt es: Jeder gegen jeden.

(Foto: obs)

Laut wird Juror Xavier Naidoo selten. Genervt schon eher, aber "so angepisst habe ich ihn noch nie gesehen", sagt Rea Garvey, sein Kollege bei "The Voice of Germany". Naidoo sitzt mit offenem Mund da und scheint die Welt nicht mehr zu verstehen.

Kandidatin Jenna hat alle Coaches der Show - Nena, Rea, Xavier und Sascha Vollmer und Alec Völkel von The Boss Hoss - mit ihrer Stimme überzeugt und könnte sich nun das Lob von jedem der Juroren anhören. Aber es geht in der Show ja darum, dass erfolgreiche Kandidaten einen von ihnen als Coach für die weiteren Folgen auswählen. Und Jenna hat sich soeben für Rea entschieden, ohne die anderen überhaupt zu Wort kommen zu lassen. Naidoo ist sprachlos und hat "eine Maulsperre", wie er später sagen wird.

Zugegeben, die Szene wird dramatisch geschnitten, mehrmals zoomt die Kamera auf den fassungslosen Naidoo, während Rea Garvey jauchzend über die Bühne springt und sich über seinen Neuzugang freut. Und doch ist sie bezeichnend für die zweite Staffel von "The Voice of Germany": Es scheint mehr um die Coaches als um die Kandidaten zu gehen. Jetzt werden die Ellbogen ausgefahren.

Darauf zielt bereits ein langatmiger Vorspann, der Nena, Rea Garvey, Xavier Naidoo und Sascha Vollmer und Alec Völkel alias The Boss Hoss vorstellt und dabei nicht versäumt, Letztere immer wieder als "Sieger" der ersten Staffel zu huldigen. Aber war das nicht die 19-jährige Ivy Quainoo?

Selbst das völlig unnötige, aber für ProSieben wohl sehr einträgliche Ratespiel kurz vor der Werbepause fragt nach den Gewinnern der ersten Staffel: The Boss Hoss oder Rea Garvey?

Fluch des Erfolgs

Moment. "The Voice of Germany" ist die Castingsendung, deren Charme genau darin liegt, dass die Jury in den sogenannten "Blind Auditions" mit dem Rücken zu den Kandidaten sitzt und so auf deren Stimme, nicht auf deren Aussehen achtet. In der die Teilnehmer - und auch die Coaches - sich gegenseitig respektieren und nicht ständig aufeinander rumhacken. In der Nena und Co. ihre Schützlinge unterstützen und nicht selbst nach dem Titel greifen sollen. Verkehrte Welt?

Eher Casting- und Quotenrealität - der Fluch des Erfolgs. Wurde die erste Staffel von "The Voice of Germany" im vergangenen Herbst ob ihres fairen Umgangs mit den Kandidaten, ob deren großartiger Talente, hochgelobt. Nun muss es die Sendung schaffen, dieses Niveau zu halten. Oder gar zu übertreffen.

Fragt sich nur, womit. Mit den Kandidaten allein ist das eher nicht zu leisten, denn Luft nach oben ist kaum mehr. Viele sind eh schon als Profis im Geschäft und die, für die es dann doch nicht reicht, brauchen einfach noch ein wenig Zeit. Talent haben auch sie schon.

Und der Aha-Effekt der ersten Staffel ist jedenfalls verpufft. Auch Konkurrenz-Shows wie "X Factor" gehen mehr und mehr auf ihre Kandidaten zu, statt sie wie einst Dieter Bohlen öffentlich bloßzustellen. Und wenn ein Jurymitglied allzu offensichtlich doch nach dem Aussehen geht, ist das verpönt.

Um nun aber an die Marke von durchschnittlich mehr als vier Millionen Zuschauern anknüpfen zu können, bleibt der "Waldorf-Schule unter den Casting-Shows" (Focus) nur noch der Zoff innerhalb der Jury. Ausgerechnet Xavier Naidoo, der leise Intellektuelle unter den Coaches, bringt es auf den Punkt: "Ich will dich, um dieses Ding hier zu gewinnen, in meinem Team haben", sagt er einem Kandidaten.

Kämpfen statt kuscheln, heißt also die Devise. Je mehr und vor allem - je mehr gute - Kandidaten sich für einen Coach entscheiden, desto größer ist dessen Euphorie. Aber wenn sich The Boss Hoss und Rea Garvey gegenseitig mangelndes musikalisches Können unterstellen ("Der kann nicht mal 'ne Gitarre halten.") und Nena ihr klingendes Lachen darunterlegt, dann wirkt das, als ob sich kleine Jungs - und ein Mädchen - im Sandkasten bekriegen. Lächerlich zwar, aber amüsant anzuschauen. Langweilig wird es so auf keinen Fall. "Der Kampf wird noch in die eine oder andere Runde gehen", verspricht Xavier Naidoo. Wenn das alles ist - und mit so guter Musik. Nur zu.