Zum Finale von "The Voice of Germany" Anti-Genre mit Suchtfaktor

"The Voice of Germany" will anders sein als die üblichen Casting-Shows - und hat damit großen Erfolg. Schon vor dem Finale am Freitag gilt eine Fortsetzung als sicher. Aber was macht den Erfolg der Show aus, in dem Juroren wie Nena und Xavier Naidoo nach talentierten Nachwuchskünstlern suchen? Zeit für eine Analyse.

Von Carolin Gasteiger

Wenn an diesem Samstagabend eine sonore Männerstimme zum vorerst letzten Mal die Erfolgsshow dieses Winters ankündigt, dann wird es traurig. Nicht nur, weil mit dem Finale auch die erste Staffel von "The Voice of Germany" endet. Auch, weil der unbekannte Ansager jedes Mal aufs Neue den Titel der Sendung mit einem fürchterlich stimmlosen V ankündigt. Aus "The Voice" wird so "The WWWoice" - und den Zuschauer überkommt Gänsehaut.

Die Sendung bewegte die Zuschauer - und sorgte dafür, dass sie immer wieder einschalteten. Bis zu vier Millionen waren abwechselnd auf ProSieben und Sat 1 dabei. Aber was macht das Format so einzigartig?

"The Voice of Germany" ist anders. Authentisch. Respektvoll. Spannend. Und genau deshalb so unterhaltsam.

Es komme allein auf die Stimme an, behaupteten Macher, Coaches und Kandidaten erfolgversprechend schon vor der ersten Sendung. Aussehen? Zweitrangig. Aber schon in den so schön auf Neudeutsch eingeführten Blind Auditions - was eigentlich nur bedeutet, dass die Jury mit dem Rücken zu den Kandidaten sitzt - entfaltete die Show ihren Charme.

Es war tatsächlich spannend mitanzusehen, wenn Nena ihre Hand über dem Buzzer zucken ließ, wenn Xavier Naidoo in letzter Sekunde auf den roten Knopf schlug oder keiner der Coaches bis zum letzten Ton eine Regung zeigte - und man sich ertappte, zu denken: Jetzt hau' schon drauf!

Aber von manchen Stimmen blieben sie einfach unbeeindruckt. Für die von Trash-TV verstörten Seelen wirkte es sehr heilsam, als ein ehemaliger Soap-Darsteller, zugegebenermaßen sehr gutaussehend, prompt von dannen ziehen musste. Verkehrte Welt? Nein, einfach eine neue Art von Casting-Show.

Aschenputtel-Mythos in seriöserer Form

"John de Mol hat begriffen, dass sich die Pöbel-Sendungen mit ihren berechenbaren Einspielern, den vorproduzierten Attacken, dem immer gleichen Personal aus Strebern, Schrägen und Gescheiterten einfach überlebt haben", erklärt Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen und ordnet die Sendung damit dem "Anti-Genre" zu.

De Mol verkaufe den Aschenputtel-Mythos des plötzlichen Aufstiegs in seriöserer Form und setze auf die direkte Identifikation des Publikums mit den Kandidaten, so der Autor des Buches "Die Casting-Gesellschaft".

Hört sich nicht unbedingt neu an - und doch: Casting-Shows waren bisher geprägt von Fremdschämen, Kopfschütteln und Lachattacken vorm Fernseher. Je eigentümlicher die Typen, je peinlicher der Auftritt, desto höher die Quote und desto erfolgreicher die Show.

Eine Truppe junger Fernsehmacher verarbeitete diesen Stoff jüngst zu einer herrlich bissigen Satire - und wurde prompt für den Grimme-Preis nominiert.

"The Voice of Germany", laut Focus die "Waldorf-Schule unter den Casting-Shows", setzt da andere Akzente. "Es ging nie darum, wie jemand herumhampelt, es wird niemand verarscht, niemand vorgeführt und niemand gefragt, was er da eigentlich will", erklärten die Coaches The Boss Hoss jüngst in einem Interview den Erfolg der Show, die bereits in 30 Ländern läuft.

Womit wir auch schon bei den Kandidaten wären: Hier setzt das Format erfreulicherweise hohe Maßstäbe. Auf pubertierende Möchtegern-Britney-Spears wartet man vergeblich. Vielmehr stehen hier durchaus ernstzunehmende Musiker auf der Bühne. "Wir haben Künstler, die mit den Coaches auf Augenhöhe agieren", pries Moderator Stefan Gödde die Kandidaten. Damit hat der Showmaster zweifellos recht, wenngleich an dieser Stelle gesagt werden muss, dass gerade der weichgewaschene Gastgeber der Sendung in dem Show-Format regelmäßig untergeht.