ZDF: "Lobbyistin" "Sagen Sie bloß, Sie wollen mir einen Job in Ihrer Lobby anbieten?"

Dramaturgische Plattitüden und phrasenstrotzende Dialoge - das ist die Serie "Lobbyistin". Hier zu sehen: Hauptdarstellerin Eva Blumenthal (Rosalie Thomass) mit Stefan Link (Stefan Haschke).

(Foto: ZDF und Christoph Assmann)

In der ZDF-Neo-Serie "Lobbyistin" geht es um Korruption, weibliche Sexsucht und die Medienmaschine. Klingt gut, ist aber phrasenstrotzender Polit-Kitsch.

Von Meredith Haaf

Gebt Rosalie Thomass mehr Rollen! Gebt ihr gerne wieder eine eigene Serie, auch im Öffentlich-Rechtlichen, warum nicht. Nur bitte eine, in der sie besser aufgehoben ist als in Lobbyistin. Die große, junge Thomass strahlt als Schauspielerin eine angenehme Mischung aus Frische und Erfahrung aus, zwei Eigenschaften, vor denen die Macher dieser Produktion ansonsten leider nicht direkt zu strotzen scheinen. In sechs dreißigminütigen Folgen erzählt die ZDF-Neo-Produktion eine Geschichte, die vor Aktualität und Zeitgeist blitzen könnte: Eine Politikerin mit Gewissen gerät in das Fadenkreuz von Verbandsinteressen. Das Ganze spielt hauptsächlich im Regierungsviertel in Berlin, es geht um Umweltpolitik und Lobby-Macht, um weibliche Sexsucht, um Korruption und die Medienmaschine. Klingt nicht schlecht, oder?

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Aber dann geht das schon so los: Hauptfigur Eva Blumenthal, scharf geschnittener Hosenanzug, scharf geschnittenes Blondhaar, ironisches Lächeln auf den Lippen, ist auf dem Weg zur Arbeit im Bundestag, da fängt sie ein wichtigtuerischer Typ in einem teuren Auto ab und redet vielsagend auf sie ein. Damit der Zuschauer nur ja nichts falsch versteht, blafft ihn Blumenthal mit hochgezogener Augenbraue an: "Sagen Sie bloß, Sie wollen mir einen Job in Ihrer Lobby anbieten?" Captain Obvious aus dem Drehbuchautoren-Seminar lässt grüßen.

Eine wirklich sehr kurze Zeit später hat Blumenthal ihr Mandat verloren, ist Opfer einer Cyber-Intrige geworden, hat anonymen Parkplatzsex gehabt, bei "der Lobby" einen neuen Job angetreten, wo sie reichlich unwahrscheinlich an einem Tag für die Atomindustrie und am nächsten gegen den Verbraucherschutz arbeitet, ohne jemals etwas zu lesen oder zu recherchieren, sie hat ihrem Freund einen Heiratsantrag abgeschlagen, und am Ende der ersten Folge ist ihr Ex-Liebhaber tot. Und natürlich geht sie, wie das getriebene Karrierefrauen im TV alle tun, zwischendurch im Morgenlicht energisch an der Spree rennen und holt sich auf Bürotoiletten einen runter, wenn sie nicht weiterweiß.

Dass deutsche Produktionen sehr häufig daran kranken, ihre Zuschauer unter keinen Umständen überfordern zu wollen, ist ein so langweiliger Vorwurf, dass man ihn eigentlich nicht wiederholen möchte. Vielleicht tut man Autor und Regisseur Sven Nagel damit auch unrecht. Vielleicht ist einfach seine eigene Vorstellung von Politik und den Menschen, die sie machen, so durch und durch schlicht, dass er nicht anders kann, als dramaturgische Plattitüden an phrasenstrotzende Dialoge zu flicken und zu glauben, das Ganze ergebe, wenn man ein bisschen Sex & Crime & Alkohol reinschüttet, Anspruch?

So funktioniert es aber nicht, und deshalb ist - trotz einer fähigen Hauptdarstellerin, einiger guter Stellen und des an sich hochinteressanten Milieus, in dem die Serie stattfindet - Lobbyistin nicht sehr viel mehr als hektisch zusammengeschnittener Polit-Kitsch.

Lobbyistin, ZDF Neo, mittwochs, 21.45 Uhr.

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