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Arte-Sendung "Streetphilosophy":Mit Ronja von Rönne beim Beleidigungswettbewerb

Zivilisationsgewinn durch Aggressionsabbau? Die Straßenphilosophin hört vergnügt dem Berliner Battle-Rapper Bong Teggy beim Reimen zu.

(Foto: Arte)

Sie ist die neue Sinnsucherin in der Arte-Sendung "Streetphilosophy": Ronja von Rönne. Man sieht sie beim Rauchen, Anziehen, Zähneputzen. Wer das aushält, gewinnt sogar Einsichten.

"Ich heiße Ronja, bin Autorin und Mitte zwanzig. Das ist sicher, der Rest ist mir nicht immer klar."

So beginnen die neuen Folgen in der dritten Staffel von Streetphilosophy. Die Doku-Serie, ein preisgekröntes Berlin-Schwarz-Weiß-Wackelkamera-Format, läuft seit 2016 auf Arte. Im Wechsel mit dem bisher sich durchfragenden "Antihelden" Jonas Bosslet wird diese Serie jetzt von Ronja von Rönne - man kann nicht sagen: moderiert, sondern eher zu einer persönlichen Sinnsuche gemacht.

Die Autorin und Kolumnistin, die gerade von der Welt zur Zeit gewechselt ist, hat sich mit Stimmungen zwischen Ennui und Pose, zwischen schmerzhafter Aufrichtigkeit und spielerischer Arroganz einen Namen gemacht, der allerlei Reize auslöst. Sie selbst ist ihr ein wichtiges Thema. Folgerichtig ist sie auch in Streetphilosophy extrem viel im Bild, wo sie aus der Begegnung mit den Menschen da draußen etwas über große Lebensthemen herausbekommen soll, etwa über Macht, Identität oder das Verhältnis von Mensch und Natur.

Wer sich davon abschrecken lassen will, dem wird das gleich mit dem Anfang der ersten Folge zum Thema Macht leicht gemacht. Da geht Ronja von Rönne zu einem Beleidigungswettbewerb in einen Kreuzberger Club, wo sich Rapper voreinander aufplustern, aber eben nur die Macht der Sprache ausreizen, ohne sich zu hauen. Zivilisationsgewinn durch Aggressionsabbau - oder der Rausch der Manipulation eines Publikums? Egal, jedenfalls erlebt man danach beim Späti-Flaschenbier mit Bong Teggy, einem der Meister des reimenden Wortgefechts, wie es ist, wenn die Straßenphilosophin in den Party- und Generationsmodus schaltet: Dann fraternisiert sie, wie auch in anderen, auf jung getrimmten Szenen, mittels einer elastischen, breiig werdenden, oft fast entgleisenden Artikulation ihrer Sprache, etwa wenn sie sehr legato sagt: "Also ich glaub' schon, dass irgendwie Battle-Rap-Kurse in Schulen gar nicht so beschissen wären."

Aber Ronja von Rönne kann auch präzise, sensibel und auf elegantere Art gewinnend sein. Das sieht man schön in derselben Folge, wenn sie die Patronin eines italienischen Restaurants besucht, die über Küche und Familie herrscht; oder die gelinde gesagt burschikose Bürgermeisterin von Bad Saarow, die ihr das Geheimnis lokaler Herrschaft verrät; oder einen weisen alten Förster in der Folge über Natur und Mensch, der seinen "sehenden Beruf" im Wald auf keinen Fall mit dem Schicksal der nervösen Städterin tauschen will.

In solchen Momenten merkt man dann: Wenn man sich an den Personality-Zugang, was nicht leicht ist, gewöhnt hat, also daran, dass man Ronja von Rönne ständig beim Rauchen, Anziehen, Kaffeetrinken oder Zähneputzen zusehen darf, dann beginnt die Serie durchaus kleine geistige Massage-Effekte zu haben. Und auch wenn der philosophische Ertrag recht überschaubar bleibt, auch wenn die Freundin "Philosophin Jorinde" bei Wodka und Capri-Sonne auf einem Hochhausdach nur ein paar Sätze über Hannah Arendt und Michel Foucault sagen darf, zu denen Ronja ganz kurz gelehrig nickt, bevor die nächsten Beats drübergelegt werden - immerhin kann man sich nach dem Zuschauen all die Unbekannten vor der Haustür, die wir nie ansprechen, gut als Alltagslehrer vorstellen. Und für ein jüngeres Entertainment- und Besinnungsfernsehen zugleich, für eine reine Laberreportage ohnehin, ist das schon ganz gut gemacht. Das gilt auch für die neuen Folgen mit Jonas Bosslet über die Themen Neid und Spiel.

Es gibt allerdings einen, der die Straßenphilosophie einmal erfunden hat, und der hieß Sokrates. Gemessen daran fehlt Ronja von Rönne etwas Entscheidendes. Und da ist jetzt nicht der Verzicht auf Eitelkeit gemeint, sondern: mehr zu insistieren, zu nerven, freizulegen. Ohne den beharrlichen Willen zum Argument bestätigt Streetphilosophy leider immer wieder das Vorurteil gegenüber einer ganzen Generation, nämlich nur in eigenen Identitätssorgen verfangen zu sein. Einmal heißt es denn auch zum Thema Identität: "Irgendwann habe ich beschlossen, dass Ronja von Rönne öffentlich meist Kragen trägt."

Streetphilosophy , Arte, von 11. November an immer samstags ab 23.40 Uhr.

Literatur Es kommt niemand, nicht mal im übertragenen Sinn

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Es kommt niemand, nicht mal im übertragenen Sinn

Ronja von Rönne wurde bekannt, weil sie "der Feminismus anekelt". Ihr Debütroman "Wir kommen" ist so lustlos geschrieben, als wäre ihr der eigene Text genauso egal wie alles andere auch.   Buchkritik von Meredith Haaf