Wissenschaftsverlag Springer Nature Warum ein deutscher Verlag seine chinesische Webseite zensiert

Schild vor Buchhandlung in Hongkong, die schließen musste.

(Foto: Philippe Lopez/AFP)

Springer Nature hat unter anderem wissenschaftliche Artikel über Tibet, Taiwan oder die Kulturrevolution blockiert. Der Fall zeigt, wie wenig der Westen auf Chinas wachsenden Einfluss vorbereitet ist.

Von Kai Strittmatter, Peking

Der deutsche Wissenschaftsverlag Springer Nature zensiert auf Verlangen der chinesischen Regierung sein Internetangebot für China. Wie der Verlag am Mittwoch mitteilte, habe er in Übereinstimmung mit "lokalen Regularien" wissenschaftliche Artikel so blockiert, dass sie von China aus nicht mehr einsehbar sind. Es handle sich dabei allerdings um "weniger als ein Prozent" des Verlagsangebots. Die Financial Times hatte die Zensurmaßnahme aufgedeckt und mehr als eintausend Artikel gezählt, die nun blockiert sind. Die betroffenen Akademiker waren vom Verlag selbst nicht informiert worden, viele ChinaWissenschaftler reagierten mit Protest. "Der Verlag muss die Artikel wieder freischalten", sagte Christopher Balding, Wirtschaftsprofessor in Shenzhen, der SZ. Er mache sich sonst zum Komplizen Pekings beim "Schönfärben der Geschichte".

"Für all unsere Kunden in China ist der Zugang zu 99 Prozent aller Inhalte weiterhin gewährleistet."

Verschwunden sind unter anderem Veröffentlichungen zu den für Peking heiklen Themen Tibet, Taiwan, Kulturrevolution oder das Tiananmen-Massaker. Springer Nature nannte in einer Erklärung den Schritt "zutiefst bedauerlich". Er sei jedoch notwendig gewesen, "um wesentlich massivere Auswirkungen für unsere Kunden und Autoren" zu vermeiden, nämlich die Abschaltung der kompletten SpringerLink-Webseite in China. "Für alle unsere Kunden in China ist weiterhin der Zugang zu 99 Prozent aller Springer Nature Inhalte gewährleistet."

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Springer Nature ist einer der renommiertesten Wissenschaftsverlage der Welt und gehört mehrheitlich der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck. Balding, ein Amerikaner, der seit neun Jahren in China lebt, hält den Verweis auf die "weniger als ein Prozent" für die Debatte für "irrelevant". Es gehe immer um dieses eine Prozent, nicht um die 99. "Natürlich will keiner etwas zensieren, mit dem er ohnehin einverstanden ist." Er sieht einen gefährlichen Trend: Chinas Zensur trete immer aggressiver auf, gleichzeitig finde das Land unter westlichen Institutionen und Firmen immer mehr Handlanger: "Diese Firmen, auch die Verlage, haben ein starkes wirtschaftliches Interesse in China, sie fürchten um ihren Marktzugang."

Springer Nature ist nicht der erste solche Fall. Im August schon war ein Proteststurm losgebrochen, als die altehrwürdige Cambridge University Press CUP die chinesische Webseite ihrer Zeitschrift China Quarterly von ähnlichen Artikeln säuberte. CUP argumentierte damals ähnlich wie jetzt Springer Nature. "Die Wissenschaft ist nicht dazu da, die Mächtigen zu beruhigen", schrieben seinerzeit Greg Distelhorst vom MIT und Jessica Chen Weiss von der Universität Cornell in einer Erklärung: "Das ist nicht nur respektlos gegenüber den Autoren, es zeugt von einer abstoßenden Missachtung der chinesischen Leser." Christopher Balding organisierte damals eine gemeinsame Petition Hunderter Akademiker - am Ende ruderte CUP zurück und schaltete die Artikel wieder frei.

Bei der Säuberung im eigenen Hause ging den Selbstzensoren von Springer Nature diesmal offenbar auch allerlei Beifang ins Netz. John Sullivan etwa, Direktor des China Policy Instituts an der Universität Nottingham zeigte sich "verblüfft", dass es ausgerechnet einen seiner harmloseren Artikel über Chinas Mikrobloggingszene erwischt hatte. In einem Aufsatz schrieb Sullivan am Donnerstag, es gehe hier um Größeres: "Das ist ein Symbol dafür, wie wenig vorbereitet wir im Westen sind auf den Umgang mit Chinas wachsendem Einfluss in der Welt." Solche Zensur in westlichen Institutionen und Verlagen erzähle etwas "über uns und unsere Werte".

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Christopher Balding assistiert: "Was viele im Westen noch nicht verstanden haben, ist, dass China sich zunehmend als ideologische Alternative zum Westen präsentiert. Und gleichzeitig ist die Zeit der Öffnung vorbei. In den letzten fünf Jahren unter Xi Jinping hat sich China Stück für Stück weiter abgeschottet." Die entscheidende Frage sei, so Jonathan Sullivan, wie weit Chinas Normen und Werte auf unser Verhalten Einfluss nehmen: Die Frage sei dabei "nicht länger 'ob', sondern 'bis zu welchem Maße'" China damit schon Erfolg habe.