TV-Kritik: Menschen bei Maischberger Wenn Katholiken lautstark Unverständnis predigen

Sandra Maischberger möchte über Salafisten sprechen, doch Journalist Matussek und Politiker Bosbach halten sich nicht mit Feinheiten auf und tauschen lebhaft Islam-Vorurteile aus. Die Diskussion mit Imam Dabbagh wird zum Schlagabtausch über Opferideologie und Micky-Maus-Religionen. Es gibt nur eine leise Stimme der Vernunft.

Von Sebastian Gierke

Ganz am Ende sagt Sandra Maischberger: "Wir haben heute einen Anfang gemacht." Es ist das letzte Mal in dieser Sendung, dass ein schmerzhaft falscher Satz lähmende Irritation beim Zuschauer hervorruft. In den eineinhalb Stunden zuvor sind erschreckend viele dieser Sätze gefallen.

Einen Anfang. Meint sie das ernst? Einen Anfang im Dialog der deutschen Mehrheitsgesellschaft mit dem Islam? Muss die Nacht zum 16. Mai 2012 zukünftig als historisch gelten? Natürlich nicht. In der 90-minütigen Diskussion, die unter dem Titel "Die Salafisten kommen" läuft, wird der Dialog zunächst in die seit Jahren übliche Sackgasse und schließlich mit Schwung an die Wand gefahren. Sie zeigt nur eines, das allerdings exemplarisch: Warum wir schon so lange über das Thema Islam in Deutschland diskutieren - und warum dadurch kaum etwas besser wird.

Im Vorfeld der Wahl in NRW war es zu Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und Salafisten gekommen, nachdem Rechtsradikale sie mit Mohammed-Karikaturen provoziert hatten. In der Runde ist man sich dann auch schnell einig, dass Gewalt abzulehnen ist. "Gewalt ist nicht zu rechtfertigen. Wir sind gegen jede Art von Gewalt", sagt Scheich Hassan Dabbagh, der von Boulevardmedien als "Hassprediger" betitelte "Imam von Sachsen". Nicht alle in der Runde scheinen ihm abzunehmen, dass er es ernst meint.

Anschließend wird über Salafisten kaum mehr gesprochen - sondern über den Islam. Daggagh versucht anfangs noch, die verschiedenen Strömungen innerhalb der ultrakonservativen und radikalen islamistischen Strömung zu erklären und bezeichnet sich statt als Salafist schlicht als Muslim. Doch für solche Feinheiten sind Talkshows nicht gemacht.

"Suchen Sie mal Kirchen in Saudi-Arabien"

Der Journalist, Autor und überzeugte Katholik Matthias Matussek weiß das. Aufbrausend und mit größtenteils undifferenzierten Argumenten trägt er dazu bei, dass sich die Diskussion sehr schnell in Getöse auflöst: "Ich sehe immer nur, dass ich mich nackig ausziehen muss, wenn ich fliegen will, nicht wegen dem Katholizismus, sondern wegen dem Islam."

Matussek zitiert Thilo Sarrazins Statistiken über straffällige Jugendliche, klagt, der Islam nehme eine ganze Gesellschaft zur Geisel, schwadroniert über eine Opferideologie, die hierzulande speziell auf islamische Jugendliche zugeschnitten sei und behauptet im Brustton der Überzeugung: "Wenn nicht die ganze Zeit die Versteher-Opern gesungen würden", hätte jeder hierzulande, der deutsch lernt und die Schule abschließt, die gleichen Chancen, eine "super Karriere" zu machen. Dabei haben Studien längst belegt, dass zum Beispiel viele Firmen qualifizierte Migranten gar nicht erst zum Vorstellungsgespräch einladen.

CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach zeigt sich gnädig: "Ich gehe noch nicht mal so weit, zu sagen, dass jeder Terrorist ein Salafist ist." Auch er betont aber, dass der Islam historisch nicht zu Deutschland gehöre - auch wenn von vier Millionen in Deutschland lebenden Muslime zwei Millionen deutsche Staatsbürger sind.

Die verfolgteste Religion ist laut Bosbach auch nicht der Islam, sondern das Christentum. In Deutschland könnte man doch Moscheen errichten: "Aber suchen Sie mal in Saudi-Arabien Kirchen." Eine elegante Art, die sozialen und moralischen Maßstäbe zu untergraben, die man zu verteidigen vorgibt: Denn wer Toleranz fordert, für den kann sie nicht dann ein Ende finden, wenn ein anderer nicht tolerant sein will.

Michel Friedman bemüht sich um Schlichtung

Erschreckend viele verzerrte, oft kenntnislose, immer pauschale und sogar rassistische Stereotype werden bemüht. Sandra Maischberger hat Mühe, sich Gehör zu verschaffen. "Stopp!" ist das Wort, das sie am häufigsten verwendet. Als sie irgendwann gar nicht mehr durchdringt, blickt sie ironisch-lächelnd auf ihren ausgestreckten Zeigefinger.

Neben dem Fernsehmoderator Michel Friedman, der sich hin und wieder um Schlichtung bemüht, sind es die eingeladenen Frauen, die zumindest versuchen, einen konstruktiven Dialog zu führen. Die türkischstämmige Schauspielerin und Autorin Renan Demirkan zeigt sich erschrocken über die Art der Diskussion und prangert Religionen als ideologisch abgeschlossene Systeme an. "Sie sind zwei Seiten ein und derselben Medaille", sagt sie zu Matussek und Daggagh. Leider dringt sie mit ihren vernünftigen Aussagen viel zu selten durch.

Die zum Islam konvertierte Fernsehmoderatorin Kristiane Backer berichtet sehr emotional von ihrer Religion, was sie daran berührt - im Gegensatz zum Christentum. Matussek ruft dazwischen: Das sei die Micky-Maus-Version der Religion.

Nein, diese Sendung ist kein Anfang für einen Dialog. Dieser wurde an anderer Stelle schon lange gemacht. Die Diskussion bei Sandra Maischberger hat ihn eher beschädigt.