TV-Kritik zu "Glööckler, Glanz und Gloria" Die Diva von nebenan

Arbeitslose, die nach Mallorca auswandern? Bauern, die Städterinnen freien? Von gestern. Reality-Formate sind passé, Personality-Dokus sollen die Quote retten. Dumm nur, wenn die Personality nicht wirklich aufregend ist. Bling-Bling-Designer Harald Glööckler ist einfach nur ein Schwabe in Berlin.

Eine TV-Kritik von Lena Jakat

Ein Mittvierziger sitzt in seinem Häuschen auf der Couch, streichelt seinen Hund und sagt: "Es gibt genug Leute, die sagen: Arbeit adelt, aber wir bleiben lieber bürgerlich." Ein durch und durch schwäbischer Satz ist das, deutsche Tüchtigkeit schwingt da mit, Exportwunder, die Verachtung für den Müßiggang. Schaffe, schaffe. Ebenso gut könnte er aus einer Rede des grünen Oberlehrers von Baden-Württemberg, Winfried Kretschmann, stammen.

"Wir leben stinknormal", beteuert Dieter Schroth (re.), seit 25 Jahren Geschäfts- und Lebenspartner von Harald Glööckler (hier bei der Präsentation einer Tapetenkollektion Ende April in Berlin).

(Foto: dpa)

Wäre der Mann auf der Couch nicht Modeschreck Harald Glööckler, das Häuschen nicht sein Monster-Penthouse in Berlin, vollgestopft mit barockem Kitsch und hieße der Hund nicht "Billy King", wäre das ein Satz, für den sich normalerweise keine TV-Kamera der Welt interessieren würde. Und genau das ist das Problem der neuen "Personality-Doku" am Dienstagabend.

Während anderswo die Liebe, der beste Koch, der Weg aus den Schulden, das leckerste Essen oder sonst irgendwas gesucht wird, funktioniert die Personality Doku nur über die prominente Hauptperson. In den USA hat die Rockerfamilie Osbourne dieses Erfolgsmodell begründet, von dem heute ganze Familienclans wie die Kardashians ein Auskommen haben.

In Deutschland dagegen war es bislang meistens umgekehrt: Erst durch ihre Reality-Soaps wurden die Katzenbergers, Geissens und Wollnys der Republik zu leidlich bekannten Namen von zweifelhaftem Ruhm. Den umgekehrten Weg versucht Vox gerade mit Lothar Matthäus' "Immer am Ball" einzuschlagen, was so ordentlich danebenging, dass Loddar sein Dasein im Nachtprogramm fristen muss. Und jetzt also Harald Glööckler.

Die Voraussetzungen scheinen nicht schlecht: Ein schwuler, exzentrischer Modedesigner mit Hang zu Barockem und Schönheits-OPs, mit Hündchen und einem Luxuspenthouse in der hippen Hauptstadt. Der "Prince of Fashion" macht zwar Haute Couture, wird von den Marc Jacobsens dieser Welt höchstens mit einem milden Lächeln bedacht. "Mitleid bekommt man geschenkt", sagt Glööckler, "Neid muss man sich erarbeiten."

Und das hat er anderswo getan: Seine Prêt-à-porter-Modelle vertreibt der Schwabe, der 1987 in Stuttgart seinen ersten Laden eröffnete, über Homeshopping-Kanäle und Versandhäuser. Der Beststeller auf QVC ist ein Hausanzug mit goldener Kapuze für nicht einmal 90 Euro. Glööckler macht Heimtextilien, Porzellan, Unterwäsche und Abendkleider, die sich mit enormem Erfolg verkaufen. Glööcklers Berliner Residenz mag überborden von Stühlen mit goldenen Schwingen, Engelsstatuen und anderem Bling-Bling. Aber was billig aussieht, muss noch lange nicht billig sein.

In der ersten Folge seines verfilmten Lebens darf der Zuschauer den 47-Jährigen zum Tätowierer begleiten, zu diversen Shootings, zum Botox-Guru und sogar in die schwäbische Heimat. Da könnte man erwarten, dass der Tätowierer, ein berlinernder Bilderbuch-Koloss, zumindest zusammenzuckt, als ihn sein Stammkunde mit Wangenküsschen begrüßt. Dass die fürchterlich berlinerische Jungdesignerin mit der Retro-Bluse und der Nickelbrille in Tränen ausbricht ob der überzogenen Anforderungen ihres Chefs. Dass beim Ausflug ins württembergische Mühlacker Glööcklers Ausbilder von einst entsetzt den Kopf schüttelt ob des Frankensteins, den er da erschaffen hat. Dass zumindest die Botox-Behandlung Abgründe offenbart.

Aber nichts dergleichen passiert. So schauderlich all die Nebendarsteller auch teilweise sind, so arm an Konflikten ist diese Stunde am Dienstagabend.

Denn die Armee der Randfiguren darf nur herumstehen und nette Dinge aufsagen: Ein netter Junge, der Harald, so herzlich. Ein guter Geschäftspartner der Harald, anspruchsvoll, aber er kümmert sich. Ein angenehmer Patient, der Harald, keine übersteigerten Ansprüche. Möglicherweise haben die Produzenten nicht lange genug nach den richtigen O-Ton-Gebern gesucht, aber wahrscheinlich wird das Format selbst nur aus einem Grund so langweilig: weil Harald Glööckler es insgeheim selbst ist.

"Wir leben stinknormal, das glaubt keiner", sagt Dieter Schroth, seit 25 Jahren der Geschäfts- und Lebenspartner des Designers. Demnächst wollen Schroth und Glööckler sogar heiraten. Wie der ältere Herr da auf dem Sofa sitzt, im Bademantel, in der Hand ein großes Glas mit wenig Flüssigkeit (und an den Füßen bestimmt auch Puschen), ist der Zuschauer allen entgegengesetzten Beteuerungen zum Trotz durchaus geneigt, das zu glauben.

Glööckler selbst bezeichnet sich gerne als Gesamtkunstwerk. Aber ebenso macht er keinen Hehl daraus, dass das nur die eine Hälfte ist. "Es ist schwer, Harald Glööckler zu sein", sagt Harald Glööckler. Sein Äußeres: "eine Oper, die jetzt erst mal renoviert werden muss, ehe der Vorhang wieder aufgeht".

Doch zieht man all das Nervengift ab, das Make-up, die Pailletten-Leggins und die klimpernden Armkettchen, dann ist da: ein Schwabe in Berlin. Der schafft und schafft und schafft. Ein Mann, der sich erst das zweite "ö" ausdenken musste, um wild zu wirken.

So kommt es, dass der Stimme aus dem Off, die sonst Reality-TV-Darsteller mit bissigen Kommentaren in Spottobjekte verwandelt, die Ideen ausgegangen zu sein scheinen. Nirgends zeigt sich das besser, als in der - ach so schlüpfrigen - Badewannenszene. Glööckler liegt im Wasser und kommentiert die Whirlpooldüsen mit den Worten "Die sind angepasst an meine Problemzonen." "Oho", antwortet die Stimme aus dem Off bedeutungsschwanger, "Problemzonen? Hast du uns etwa was verschwiegen?" Die Auflösung könnte profaner kaum sein: "Verspannungen", sagt Glööckler. "Ich habe Probleme mit Verspannungen."

Er mache diese Show, sagt Glööckler im endlosen, wirr zusammengeschnittenen Vorspann, weil er wolle, dass die Zuschauer den "Menschen" kennenlernten, seine "Seele, nicht nur die Äußerlichkeiten". Vielleicht ist ihm das tatsächlich ein bisschen gelungen. Immerhin sahen 1,82 Millionen Zuschauer Glööcklers Premiere auf Vox, wie der Sender mitteilte. Der Marktanteil lag bei zehn Prozent. Fragt sich nur, ob das in den kommenden Folgen so bleibt.