"Personality-Doku" über Lothar Matthäus Stilbruch mit Rührei und Viererkette

Er gibt seiner Freundin Modetipps, singt mit Roberto Blanco und organisiert den Joghurt im Kühlschrank in Viererketten. Die sechsteilige "Personality-Doku" "Lothar - immer am Ball" führt Lothar Matthäus hämisch vor. Der merkt es nicht - und niemand schützt ihn vor sich selbst.

Von Werner Bartens

Wenn man Fußball liebt, musste man Lothar Matthäus lieben. Sein kraftvoller Raumgewinn, die traumhaft sicheren Pässe, seine Torgefahr und die Dynamik, mit der er als Fußball-Methusalix im Alter von 39 Jahren noch ein Spiel prägen konnte, waren einmalig. Der zweimalige Weltfußballer, der an fünf Weltmeisterschaften teilnahm und mehr als 20 Jahre lang für die deutsche Auswahl aufgeboten wurde, ist einer der großartigsten Kicker, die dieses mit talentierten Fußballern wahrlich gesegnete Land je hervorgebracht hat.

"Wer schön sein will, muss leiden." Ex-Fußballer Lothar Matthäus empfiehlt seiner Freundin Joanna Tuczynska auch bei Minusgraden, keine Strumpfhosen zu tragen.

(Foto: dpa)

Leider hat es Lothar Matthäus nach seinem Karriereende geschafft, eine andere Seite seines Ruhms kontinuierlich auszubauen. So wie er die Liste der Rekordnationalspieler mit 150 Länderspielen mit großem Abstand anführt, steht er auch in der Disziplin der peinlichen Selbstinszenierungen deutscher Sportler an erster Stelle. Allenfalls Boris Becker stellt in dieser Kategorie eine ernsthafte Konkurrenz dar; auch er hat die Öffentlichkeit nach einer Weltkarriere im Sport an vielen irritierenden Momenten seines Privatlebens teilhaben lassen.

Lothar Matthäus wird seit Jahren verhöhnt und verlacht. Sein Englisch, seine Frauengeschichten und seine vergebliche Suche nach einem neuen Trainerjob sind legendär. Der Wutausbruch vergangenes Jahr bei Al-Jazeera ("If you want to play with me - I'm not a child") und andere Witzvideos wurden bei Youtube zum Renner. Warum er, der sich im Fußball jahrelang mit den besten der Welt gemessen hat und selber einer war, auf eine "Personality-Doku" bei Vox eingelassen hat, bleibt absolut schleierhaft.

Matthäus wird in seiner Wahlheimat Budapest beim Einkauf gezeigt. Er fährt mit dem SUV in die Tiefgarage seines Domizils, mit dem Aufzug direkt in die Wohnung und packt Lebensmittel in den Kühlschrank. Umständlich erläutert er, wie sehr er die ordnungsgemäße Ausrichtung der Joghurts schätzt ("Linien sind für mich wichtig, ein Fußballfeld besteht ja auch aus vielen Linien") und dass er die Viererketten im Kühlschrank so organisiert hat, dass Joghurts, die am längsten haltbar sind, hinten stehen.

Matthäus brät mit seiner Freundin Joanna, einem Unterwäschemodel, Eier. Er gibt Modetipps bei Minusgraden ("keine Strumpfhose, weil Stilbruch - wer schön sein will, muss leiden, verstehst Du?"). Mit Roberto Blanco singt er - kein Witz - "Ein bisschen Spaß muss sein", nachdem dieser anzügliche Scherze über Joannas Sprachkenntnisse gemacht hat.

Das ist so gruselig und falsch und man möchte den kleinen Mann aus Herzogenaurach davor schützen, dass er sich entblößt und den Zuschauern verzweifelt zeigen möchte, "wie ich wirklich bin". Traurig-trashig, wie Matthäus im Film auch vom Sender vorgeführt wird. Hämisch kommentiert der Sprecher Weltsicht und Macken von Matthäus aus dem Off. Wenn er selbst nicht merkt, wie er durch den Kakao gezogen wird, sollten Menschen, die sich als seine Berater bezeichnen, ihn davon abhalten, bei so etwas mitzumachen.

Man kann ihm nur wünschen, dass seine Beziehung hält, er bald einen Trainerjob bekommt und die Menschen ihn als großartigen Fußballspieler im Gedächtnis behalten. Das kann aber nur gelingen, wenn er mindestens fünf Jahre nicht im Fernsehen auftritt.

Lothar - immer am Ball, Vox, sechs Teile, sonntags 23.10 Uhr.