Tatort Polyamore sind die neuen Lieblings-Freaks der Medien

Wie das deutsche Fernsehen sich Polyamorie vorstellt: In diesem Fall eine Szene aus dem "Tatort".

(Foto: Claussen+Putz Filmproduktion Gmb)

Der aktuelle "Tatort" hat mal wieder bewiesen, wie grauenhaft schief der sexuelle Diskurs hierzulande läuft: Alternative Beziehungsmodelle werden pathologisiert, ihre Figuren ins Soaphafte verzerrt. Eine Polemik.

Von Friedemann Karig

Es dauert ziemlich genau 75 Minuten, bis das angebliche Thema dieses Tatorts benannt wird: "Ich bin poly", verrät die flippige Psychotherapeutin den Kommissaren. "Polyamor", meint sie, also viel-liebend, und diese Ansage wirkt so peinlich deplatziert, man würde von "Product Placement" sprechen, hätte die Polyamorie eine milliardenschwere Lobby. Es geht hier aber nicht um Geld, sondern um eine härtere Währung: Aufmerksamkeit.

Die Polyamoren sind momentan so etwas wie die Lieblings-Freaks der Medien. Und nun hat sich also der große Tatort an den Trendsport "Polyamorie" herangetraut. Die ARD hat versucht, mit diesem Mode-Modell, das durch die Verarbeitung in Feuilleton und Kulturradio halb schlüpfrig, halb intellektuell satisfaktionsfähig daherkommt, noch ein paar Sonntagabend-Abenteurer zu locken. Erfolgreich: 8,74 Millionen Menschen haben eingeschaltet. Ein Marktanteil von 26,1 Prozent.

Erst staunen die Zuschauer, dann fühlen sie sich bestärkt

Kein Wunder, dieser Tatort versprach, was der deutsche Fernsehkrimi-Fan gerne sieht: Sex. Mord. Und zwei goldige Kommissare, die sich als Vertreter des Homo Normus ordentlich über diese Freaks wundern dürfen, die am Ende eben doch die schlechteren Menschen sind. Und Millionen Zuschauer werden für Polyamorie halten, was simpler Betrug ist.

Denn die Frauen des Star-Architekten, der fünf parallele Beziehungen führt, wissen - bis auf eine - nichts voneinander. Als eine nach der anderen ermordet wird, kommt sein Fünffachleben ans Licht. Und Kommissar Batic, selbst gerade mit einer verheirateten Frau zugange, sowie Leitmayer, ewiger Junggeselle, dürfen ein bisschen staunen:

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Über den erotischen Appetit und die emotionale Skrupellosigkeit des Architekten. Über die Naivität der Frauen. Und über die Toleranz der einzigen Dame, die von allem wusste: die "polyamore" Psychotherapeutin, die selbst nach eigener Aussage mit vier Männern lebt. Die also bei Minute 75 "Ich bin poly" sagen darf, damit die Kommissare den Begriff erklären können wie das Paarungsverhalten eines seltenen Tieres. Und zusammen mit dem Zuschauer wohlig feststellen, dass ihr Lebensmodell vielleicht das ödere, aber letztlich doch wohl bessere ist.

Der Architekt und seine Frauen führen schließlich hochgradig prekäre Beziehungen, sind vielleicht sogar seelisch verkrüppelt. Und wenn an dieser mörderischen Bande dann scheinheilig die polyamore Frage aufgeworfen wird, wie viele Menschen man lieben kann, dann kann der Zuschauer zu Hause beruhigt die Hand ausstrecken nach seinem Schatz und wohlig seufzen: "Ich verpasse nichts." Grauenhafte Klischees.

Schaut man nämlich echte Polyamore an, ist das Gegenteil - nämlich Transparenz und Ehrlichkeit - oberstes Gebot. Alle wissen voneinander. Sonst wäre es ja auch kein neues Modell. Sondern nur der übliche Betrug und Seitensprung, wie sie monogame Paare seit Jahrtausenden perfektioniert haben.

Das ist leider typisch für den sexuellen Diskurs hierzulande: Alternativen zu dem, was als normal betrachtet wird, werden pathologisiert, ihre Figuren ins Soaphafte verzerrt. Das gesellschaftliche Pendel muss nach etwas Verwirrung zurück in die konservative Ruhelage schwingen. Neugierde ja - Interesse oder gar Reflexion? Zu gefährlich. Die Scham, über sich, andere und die Liebe wirklich nachzudenken, vielleicht sogar davon zu erzählen, scheint meist größer als der Leidensdruck, den viele Menschen angesichts gescheiterter Beziehungen und Liebesunglück spüren.

Polyamore müssen häufig ein Coming-out wagen, als täten sie etwas Verbotenes

So auch dieser Tatort, an dem vor allem wütend macht, wie die Polyamorie mangels echter Abgründe als Geisterbahn benutzt wird. Indem die ARD im Vorfeld diese Lebens- und Liebesform explizit als Sujet des Films herausstellt. In Presse-Aussendungen großspurig mit ihr wirbt, als wage man es, einen politischen Skandal aufzugreifen, und nicht zuerst einmal eine ziemlich harmlose Privatsache. Dann wird so mutwillig das Thema verfehlt, man muss förmlich Absicht unterstellen.

Denn es wird ja gerade kein anderes Beziehungsmodell gezeigt - sondern ein einziger Mensch: die TV-handelsübliche Psycho-Tante (natürlich mit zu ihrem quirligen Lebensstil passenden Locken), bei der sowieso alles geht. Das Beziehungsmodell des Architekten ist nicht nur offensichtlich pathologisch, sondern auch schlichtweg unmöglich aufgebläht. Wie der Mann über Jahre fünf parallele Beziehungen als exklusiv verkauft haben soll, mittels platter Lügen wie der von seinem behinderten Sohn, das wäre Stoff für einen postmodernen Felix-Krull-Porno.

Dass polyamore Menschen heute selten offen mit ihrer Art zu lieben umgehen können, dass ihnen aggressive Vorurteile entgegenschlagen, sie wären ja nur sex-süchtige Egoisten, dass sie deshalb ein "Coming-out" wagen müssen, als täten sie etwas Verbotenes - diesen bedauerlichen Zustand zementiert dieser Tatort. Und man muss befürchten, dass die dramaturgische Mode, den Voyeurismus des Publikums durch mangelhafte Kolportage alternativer Realitäten zu befriedigen, weiter geht. Hallo Drehbuchschreiber, es gäbe da noch die Dendrophilen, die Bäume begatten, die Asexuellen, die sich komplett raushalten - und sicher auch noch eine Randgruppe mit Polizistenfetisch. Erzählt doch mal von denen.

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