"Tatort" aus München Die narzisstische Versuchung, dem Reichsbürger die Stirn zu bieten

Reichsbürger zu befragen, ist gar nicht so einfach: Ivo Batic (Miroslav Nemec,l) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) stehen im neuen Münchner "Tatort" "Freies Land" vor verschlossenem Tor.

(Foto: dpa)

In "Freies Land" versuchen Leitmayr und Batic, mit Verschwörungstheoretikern zu diskutieren. Das geht natürlich schief, ist aber unterhaltsam anzuschauen.

Von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Das bayerisch-tschechische Grenzgebiet scheint ein ideales Biotop für Fernsehkrimis zu sein. Im vergangenen Jahr spielte dort die fabelhafte Mini-Serie "Das Verschwinden" und auch der Ausflug der Münchner Tatort-Kommissare in die Region stellt sich als recht sehenswert heraus. Vielleicht gilt einfach: Je abgelegener und verlorener eine Gegend ist, desto mehr Raum gibt es für Abgründiges.

Darum geht es:

Ein Mann wird tot in der Badewanne seiner Mutter aufgefunden. Selbstmord, vermuten die Kommissare Leitmayr und Batic. Komischerweise findet sich aber keine Tatwaffe und die Mutter des Toten ist überzeugt, dass ihr Florian ermordet wurde. Schließlich sei er gerade aus einer Kommune der sogenannten Reichsbürger zu ihr nach München geflohen, weil er sich bedroht gefühlt habe. Um der Spur nachzugehen, aber vor allem, weil Leitmayr Lust auf eine Landpartie hat ("Wir zwei jenseits der S-Bahn. Wann war'n mir des schon mal?" sagt er zu Batic), machen die Kommissare sich auf in die niederbayerische Provinz.

Dort leben auf einem alten Bauernhof die "Freiländer". Auf den ersten Blick könnte man die Gemeinschaft für eine Hippie-Kommune halten: Sie versorgt sich selbst, teilt ihr Eigentum und ihre Kinder tollen währenddessen fröhlich im Gras herum. Doch es gibt auch ein Call-Center, in dem die "Freiländer" aufgebrachte Bürger in ihrem Kampf gegen die Bundesrepublik unterstützen (die erste Szene dieses Tatorts beginnt selbstironisch mit einem Gespräch über die "scheiß Fernsehsteuer") und der Anführer der Gruppe, Ludwig Schneider, ruft in flammenden Reden zur Gründung eines eigenen Staates auf. Dementsprechend wenig kooperativ zeigen sich die Reichsbürger, als Batic und Leitmayr sie befragen wollen. Die örtlichen Polizisten essen derweil lieber im Dorfgasthaus "Alter Eber" ihren Schweinsbraten, als den Kollegen aus der Großstadt zu helfen.

Bezeichnender Dialog:

Nach einem Streit mit Batic irrt Leitmayr allein durch die niederbayerische Pampa und wird von Alois, dem örtlichen Wirt, aufgegabelt. Bei einem Bier beginnen die beiden darüber zu diskutieren, ob an den Verschwörungstheorien der Reichsbürger vielleicht doch etwas dran sein könnte.

Alois: Eine ziemlich lange Zeit haben die Leute geglaubt, die Sonne dreht sich um uns. Bis einer einmal plötzlich das Gegenteil behauptet hat. Wissen Sie, wie der da drauf gekommen ist?

Leitmayr: Beobachten, berechnen, nachdenken.

Alois: Aber selber nachgeschaut haben Sie nicht, oder?

Leitmayr: Das braucht es auch nicht. Waren Sie schon mal in Paris?

Alois: Nein.

Leitmayr: Da steht der Eiffelturm.

Alois: Das weiß ich.

Leitmayr: Woher?

Alois muss grinsen.

Top:

Dieser Tatort hat eine ganz eigene Atmosphäre. Traitach, das fiktive Dorf im niederbayerischen Nirgendwo, in dem sich die Reichsbürger niedergelassen haben, erinnert an eine ausgestorbene Wild-West-Stadt: Eine unbarmherzige Sonne brennt die Äcker nieder, die Häuser zeigen tiefe Risse und die wenigen, die noch in ihnen leben, sehen ähnlich zerfurcht aus wie ihr Gemäuer. Ein paar dieser Dorfbewohner sind als Figuren wirklich gelungen. Zum Beispiel der verfressene Dorfpolizist (Sigi Zimmerschied), der aufgegeben hat, gegen die renitente Gemeinschaft vorzugehen und seine Arbeitsverweigerung mit schönen Sätzen wie diesen begründet: "War's das jetzt? Mein Schweinsbraten wird kalt und die Lisl ist keine, die irgendwas aufwärmt." Das alles ist natürlich ein Spiel mit Klischees, aber ein ziemlich unterhaltsames. Und auch wenn die Figuren überspitzt sind, sind es trotzdem keine Abziehbilder, sie wirken sehr lebendig.

Das gilt auch für die Reichsbürger, die durchaus differenziert dargestellt sind. Die "Freiländer" sind eine Gruppe von Außenseitern, jeder von ihnen hat etwas erlebt, das ihn anfällig gemacht hat für die abstrusen Theorien ihres Anführers Ludwig Schneider. Der kommt so nahbar und eloquent daher, dass sogar Leitmayr einen Google-Impuls verspürt, als Schneider behauptet, die Bundesrepublik Deutschland sei in Wahrheit lediglich eine GmbH. Überhaupt führt "Freies Land" gut vor, wie schwer es ist, mit Menschen zu diskutieren, die sich durch rationale Argumente nicht mehr erreichen lassen. "Die Beamten sollten tunlichst der narzisstischen Versuchung widerstehen, dem Reichsbürger die Stirn bieten zu wollen. Jeder missionarische Eifer im Sinne einer Gegenreformation hat in jedem Falle zu unterbleiben," zitiert Batic einmal eine Handreichung des Verfassungsschutzes. Die Szenen, in denen die Kommissare sich nicht daran halten, gehören zu den stärksten dieses Tatorts.

Flop:

Bei all der Mühe, die dieser Tatort in die Ausschmückung seines Milieus steckt, vernachlässigt er seinen Kriminalfall. Spannung will sich nicht recht aufbauen. Man weiß so wenig über den toten Florian Berg, dass einem das Opfer schlicht egal ist. Auch die Irrungen und Wirrungen zwischen den Bewohnern der Reichsbürger-Gemeinde sind oberflächlich inszeniert. Und Wortführer Schneider wird von Andreas Döhler zwar gut gespielt, aber seine Figur ist zu harmlos angelegt, als dass von ihm echtes Bedrohungspotenzial ausgehen könnte. Wie um das auszugleichen, eskaliert das Ganze gegen Ende in übertrieben dramatischen Dialogen zwischen Schneider und "Freiländerin" Lene. Es wäre womöglich ein interessanterer Krimi herausgekommen, wenn man noch mehr auf die starken Figuren dieses Tatorts vertraut und auf etwas Tragik verzichtet hätte.

Die Pointe:

Batic und Leitmayr sind überzeugt, den Fall gelöst zu haben: Schneider hat ihrer Meinung nach Florian Berg umgebracht, weil dieser von den finanziellen Betrügereien seines Anführers erfahren hatte. Die Kommissare lassen das Reichsbürger-Anwesen stürmen und Schneider stirbt lieber im SEK-Kugelhagel, als vor seinen Anhängern als Betrüger dazustehen. Ein Mörder ist er allerdings nicht, wie sich ein paar Sekunden später herausstellt. Florian Berg hat sich nämlich doch selbst getötet. Es war seine Mutter, die die Tatwaffe versteckte, um den Reichsbürgern eins auszuwischen. Ein ärgerlicher Fehler, der den Kommissaren da unterlaufen ist, und der die Reichsbürger nur noch stärker radikalisiert. Aber etwas Erfreuliches gibt es zum Schluss dann doch: Leitmayr darf endlich das Landleben genießen und nackt in den Dorfsee springen.

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