Tatort aus Hannover Charlotte Lindholms Augenringe sind kaum mehr zu ertragen

Völlig verrannt: Kommissarin Lindholm am Tatort.

(Foto: NDR/Marion von der Mehden)

Was passiert, wenn Kommissare sich verrennen? "Der Fall Holdt" führt die "Tatort"-Ermittlerin aus Hannover an ihre persönlichen Grenzen. Das ist auf schmerzhafte Weise sehenswert.

Von Carolin Gasteiger

Die Erkenntnis:

"Der Fall Holdt" lässt Menschen seelisch zerbrechen. An körperlicher Demütigung, an emotionaler Distanz und gegenseitigen Verdächtigungen. Vor allem Kommissarin Charlotte Lindholm gerät an ihre persönlichen Grenzen. Als wäre das noch nicht genug, hat sie ihre Gefühle nicht im Griff und projiziert ihren Schmerz auf einen Verdächtigen. Jegliche professionelle Distanz ist damit verloren. Unbeabsichtigt ist dieser Tatort aber auch ein Beitrag zur aktuellen #metoo-Debatte. Denn er stellt die Frage: Was passiert, wenn Opfer von (sexueller) Belästigung versuchen, alleine mit ihrem Schmerz und ihrer Wut klarzukommen? Wer sich schämt, sich mitzuteilen und um Hilfe zu bitten, tut sich und anderen jedenfalls keinen Gefallen.

Darum geht's:

Charlotte Lindholm wird nach einem nächtlichen Clubbesuch von zwei Männern zusammengeschlagen. Sie meldet sich krank und bräuchte eigentlich eine Auszeit. Aber ihr Nein zählt beim Chef nicht. Und so muss die Kommissarin, körperlich verletzt und seelisch traumatisiert, die Entführung der Bankiersfrau Julia Holdt aufklären. Der Plot ist an den realen Entführungsfall der Maria Bögerl von 2010 angelehnt, der bis heute nicht aufgeklärt ist. Die Eltern der entführten Frau Holdt haben sich entgegen des Willens von Ehemann und Bankenchef Frank Holdt entscheiden, die Polizei einzuschalten. Charlotte Lindholm verliert bald die Beherrschung und sieht in jedem Mann, der ihr zu nahe kommt, einen potenziellen Angreifer. Das gefährdet die Ermittlungen und schadet Lindholms Ruf. Vor allem, da mit Frauke Schäfer eine jüngere Kollegin nur darauf wartet, Lindholms Posten zu übernehmen.

Eine kleine Wunde im Gesicht, eine viel größere an der Seele

Im sehr soliden Tatort "Der Fall Holdt" ermittelt Maria Furtwängler zum ersten und einzigen Mal in diesem Jahr als Charlotte Lindholm - und wird gleich in der ersten Szene zusammengeschlagen. Von Katharina Riehl mehr ...

Bezeichender Dialog:

Lindholms Kollegin Schäfer und ihr Chef Marc Kohlund sprechen über die Verfehlungen der Kommissarin und deren Bedeutung für den Fall.

Schäfer: Hören Sie zu, ich habe kein Problem damit, hier die zweite Geige zu spielen, ja? Aber ich werde nicht länger zusehen, wie diese Frau die Ermittlungen gegen die Wand fährt. Ich muss hier mal die Notbremse ziehen.

Kohlund: Da müssen Sie schon ein bisschen deutlicher werden. Jetzt mal Klartext, was ist vorgefallen?

Schäfer: Das Ganze gleicht mittlerweile nicht mehr einer kriminalistischen Untersuchung, sondern einem persönlichen Racheakt.

Top:

Irgendwann sind Lindholms Augenringe so dunkel und tief, dass man gar nicht mehr hinsehen möchte. Vor lauter Angst kann die Kommissarin nicht mehr zu Hause schlafen, sie übernachtet am Schreibtisch im Präsidium, die Haare verfetten langsam, die Nerven liegen blank. In ihrem 25. Fall spielt Maria Furtwängler die verstörte Charlotte Lindholm überzeugend am Rande ihrer Kräfte. Und konterkariert das Image, das die Hannoveraner Ermittlerin ansonsten pflegt: taff, professionell, souverän. In "Der Fall Holdt" ist sie dagegen schlapp, schwach und irrational. Frank Holdt (Aljoscha Stadelmann) gibt sich ähnlich gereizt und angeschlagen. Und so stehen sich mit den beiden zwei verletzte Seelen gegenüber, die scheinbar zu allem fähig sind. Lindholm verdächtigt Holdt schließlich auch, die Entführer seiner Frau selbst engagiert zu haben und macht ihn so zum Hauptverdächtigen. In der abschließenden Verhörszene versucht sie, Holdt zum Geständnis zu provozieren. Sie schildert ihm eindrücklich, was die Entführer seiner Frau angetan haben, packt ihn an den Haaren und schreit ihn schließlich an: "Warum, Herr Holdt? Warum dieser Hass?" Regisseurin Anne Zohra Berrached iszeniert gekonnt, wie die beiden Hauptfiguren mit sich selbst hadern, in ihren Augen ein Fünkchen Wahnsinn blitzt und ihren Schmerz in Aggression verwandeln. Das macht diesen Tatort auf schmerzhafte Weise sehenswert.

Flop:

Lindholm bekommt Unterstützung von Frauke Schäfer (Susanne Bormann), die jedoch auf plakativste Art als jüngere Ausgabe der Tatort-Kommissarin auftritt. Beide blond, beide lange Haare, in einer Szene streichen sie sich auf dieselbe Art und Weise eine Strähne aus dem Gesicht, sie tragen sogar die gleiche Bluse. Sollte die Ähnlichkeit der beiden Frauen ironisch wirken, so ist das Experiment misslungen. Es wirkt einfach nur platt.

Schlusspointe:

Frank Holdt nimmt sich aus Verzweiflung im Gefängnis das Leben. Lindholms Vorgesetzter entzieht ihr daraufhin den Fall: "Sie haben es einfach zu nah an sich herangelassen", sagt er zum Abschied. In den Armen ihres Freundes Henning atmet die Kommissarin in der Schlussszene tief auf. Ein kurzer Moment der Entspannung, der vermuten lässt, dass die Kommissarin kurze Zeit später wieder die Alte ist. Und taff, professionell und routiniert den nächsten Fall lösen wird.

Die besten Zuschauerkommentare: