"Tatort" aus Berlin Jede Berliner U-Bahn-Werbung ist geistreicher als dieser "Tatort"

Die Sequenzen aus den Berliner U-Bahn-Schächten sind mit Abstand das Ansehnlichste an "Dein Name sei Harbinger". Im Bild: Die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke)

(Foto: rbb/Gordon Muehle)

Übermotivierte Reproduktionsmedizinerinnen und ein Kommissar, der durch U-Bahn-Schächte geistert: Der neue Berliner "Tatort" ist einer der abstrusesten Fernsehkrimis des Jahres.

Von Luise Checchin

Die Erkenntnis:

Der öffentlich-rechtliche Fernsehkrimi hat das Kinderwunsch-Thema für sich entdeckt. Im Polizeiruf "Das Beste für mein Kind" stritten vergangene Woche zwei Paare um einen Säugling. "Dein Name sei Harbinger" kreist nun um die Taten zweier übermotivierter Reproduktionsmedizinerinnen. Allerdings interessiert sich dieser Berliner Tatort nicht ernsthaft für sein Thema. Es bietet schlicht den Hintergrund für einen Plot, der so verquer ist, dass man sich über alles freut, was davon ablenkt. Sogar die abgedroschenen Kabbeleien zwischen Kommissarin Nina Rubin und ihrem misanthropischen Ermittlungspartner Robert Karow kommen einem gar nicht mehr so schlimm vor.

Darum geht es:

In einem ausgebrannten Transporter wird eine verkohlte Leiche gefunden. Schnell stellen die Ermittler Rubin und Karow fest, dass in den vergangenen Jahren noch drei andere Menschen im Berliner Umland nach demselben Muster getötet wurden. Alle vier Opfer, so stellt sich heraus, wurden per In-Vitro-Fertilisation in derselben Berliner Kinderwunsch-Klinik gezeugt. Rubin und Karow verdächtigen bald einen gewissen Werner Lothar, der die Inhaberin der Klinik vor Jahrzehnten bedroht hatte, danach in die Psychiatrie eingewiesen wurde und nun ein Einzelgängerleben in den U-Bahn-Schächten Berlins fristet. Aber handelte er wirklich alleine?

Bezeichnender Dialog:

Die verkohlte Leiche ist identifiziert, es handelt sich um den jungen Doktoranden Tobias Schiffel. Kommissarin Nina Rubin schickt sich an, seinem Vater die Todesnachricht zu überbringen, aber ihr Kollege Robert Karow hält sie auf.

Karow: Wir müssen erst die Verbindungen zwischen den Opfern finden, bevor Vater Schiffel davon erfährt.

Rubin: Soll ich ihm etwa nicht sagen, dass sein Sohn tot ist?

Karow: Trauer würde ihn lähmen, das will doch keiner, oder?

Rubin: Immer, wenn ich denke, Sie könnten ein menschliches Wesen sein...

Karow: Also, ich hole Arjona Madzikow hierher, Sie holen Ernst Schiffel hierher und wir befragen die beiden gleichzeitig, dann finden wir vielleicht die Gemeinsamkeiten.

Rubin: Ist ne gute Idee. Aber das passiert erst, wenn ich Herrn Schiffel mitgeteilt habe, dass sein einziges Kind gestorben ist.

Karow: Ich würd' ganz gern den Fall aufklären.

Rubin: Nicht immer so'n Arsch sein.

Karow lacht.

Top:

Wenn man diesem unterdurchschnittlichen Tatort etwas Positives abgewinnen wollte, dann wäre es wohl die Figur des Werner Lothar aka Harbinger. An der Frage, was diesen Typen mit dem Hipsterschnauzer, der nicht hipsterig gemeint ist, antreibt, hängt das kleine bisschen Spannung, das "Dein Name sei Harbinger" bereithält. Christoph Bach gelingt es, Harbinger gleichzeitig zart und bedrohlich zu spielen. Wenn Harbinger in seinem Kabuff unterm Alexanderplatz sitzt und geflissentlich die Ergebnisse seiner rätselhaften Ausspähungsaktionen in sein Kassettendiktiergerät spricht, wird einem schon ein bisschen mulmig. Selbst so irre Sätze wie "die Digitaldichte in der Wohnung ist auf Standardniveau, trotzdem ist das Anfangsstadium des ersten Zyklus klar durchschritten", klingen bei Bach nicht total lächerlich. Das muss man auch erst mal schaffen.

Flop:

"Dein Name sei Harbinger" erzählt eine Geschichte, die sich, vorsichtig formuliert, nicht gerade täglich ereignet: Eine Medizinerin spendet in den Achtzigerjahren ihre Eizellen, um Paaren, die keine Kinder bekommen können, welche zu ermöglichen, sagt den Paaren davon aber nichts, worauf nach ein paar Jahrzehnten der Sohn der Medizinerin einen psychisch kranken Mann so manipuliert, dass er für ihn seine ahnungslosen Halbgeschwister ausspäht und sie ihm zuführt, damit der Sohn sie töten kann.

Weil den Drehbuchautoren dieser Plot offenbar noch nicht unglaubwürdig genug erschien, bauten sie noch eine persönliche Verwicklung des Ermittlerteams ein: Kommissaranwärterin Anna Feil gehört zu den Kindern, die illegal in der Kinderwunschklinik gezeugt wurden. Die Welt ist eben klein, und Berlin sowieso, da kann es schon mal vorkommen, dass man sich plötzlich mit einer neuen biologischen Mutter und einem Halbbruder wiederfindet, der im Nebenberuf Serienmörder ist.

Das Ganze gipfelt schließlich in einer völlig hirnrissigen Undercover-Aktion, in der Kommissar Karow an der Seite des gestörten Harbingers durch die Berliner U-Bahn-Schächte geistert. Kann das wirklich ernst gemeint sein?, fragt man sich am Ende dieser anderthalb Stunden. Hat da jemand zu viele Telenovelas geschaut? Oder ist das alles vielleicht nur ein weiterer Marketing-Coup der Berliner Verkehrsbetriebe? Immerhin sind die U-Bahn-Sequenzen mit Abstand das Ansehnlichste an "Dein Name sei Harbinger". Nein, das ist ein bösartiger Gedanke. BVG-Werbung ist in der Regel um einiges geistreicher als dieser unausgegorene Tatort.

Die Pointe:

Wie schön sich doch selbst in den abstrusesten Tatorten am Ende alles regelt: Der mörderische Sohn und sein Helfer Harbinger gehen in Flammen auf. Die Reproduktionsmedizinerin wird verhaftet. Nina Rubin rettet ihren Kollegen, wobei sie es sich nicht nehmen lässt, Karow noch ein bisschen zu quälen. Kommissaranwärterin Feil schließlich vernichtet alle Zeugnisse, die sie mit dem Fall verbinden, und macht damit sämtliche Zuschauer neidisch, die die vergangenen anderthalb Stunde auch gerne ungeschehen machen würden.