Talkshows Wir diskutieren viel zu häufig über den Islam

Frank Plasberg diskutierte Anfang der Woche in Hart aber fair über Flüchtlinge und Kriminalität.

(Foto: WDR/Klaus Görgen)

Häufigkeit und Brisanz der Islamdebatten in deutschen Talkshows sind unverhältnismäßig. Solchen Alarmismus sollte man sich für die wirklich dringenden Themen aufheben.

Kommentar von Dunja Ramadan

Müsste man einen dieser einfach gestrickten Titel für die deutsche Talkshow-Misere finden, wäre es wohl dieser: "Islam geht immer: aufstoßen, erbrechen, wiederkauen". Anfang der Woche diskutierte Frank Plasberg in Hart aber fair über Flüchtlinge und Kriminalität, er stellte die Frage, ob "solche Flüchtlinge" überhaupt integriert werden und wie unsicher Deutschland dadurch werde. Natürlich saß kein Flüchtling mit am Tisch, der seine Sicht der Dinge hätte erklären können. Warum auch? Es sind ja genügend weiße Menschen vertreten, die seine archaischen Ehrvorstellungen erklären können.

Wenn der Soziologieprofessor Ruud Koopmans in Richtung der deutsch-iranischen Journalistin Isabel Schayani Sätze sagt, wie "Sie wissen doch wie es in Iran ist", erinnert das an die Arroganz und Einfältigkeit ehemaliger Kolonialherren: Menschen und Ländern wird auf erschreckend ignorante Weise ihre Vielfältigkeit abgesprochen. Man spricht nicht mehr über Einzelfälle (wie in der ARD-Doku "Der Flüchtling und das Mädchen", die zuvor lief), sondern über Iran und muslimische Männer - man unterscheidet nicht in Kultur, Tradition und Religion - sondern vermischt alles zu einer Brühe, die nun schon seit Jahren vor sich hin köchelt.

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Am Mittwochabend findet nun eine weitere Runde zum Thema Islam statt. Sandra Maischberger fragt: "Die Islamdebatte: Wo endet die Toleranz?" Erst einen Tag vor der Sendung hatte die Redaktion nach heftigen Reaktionen in den sozialen Medien den Titel geändert. "Sind wir zu tolerant gegenüber dem Islam?", hieß es in der ersten Fassung.

Die Häufigkeit und der alarmistische Ton der Debatten sind unverhältnismäßig

Viele behaupten, die AfD würde nun die Themen in deutschen Talkshows setzen. Doch das Erschreckende ist: Diese Themen sind nicht neu. Sie dominieren seit vielen Jahren die deutsche Medienlandschaft - lange vor den Erfolgen der AfD. Auch die Medien haben den Nährboden für das Gedankengut mit bereitet, das heute im Bundestag sitzt. Schon 2010 fragte Maischberger: "Kopftuch und Koran - hat Deutschland kapituliert?" Einen Monat später heißt es: "Schleier und Scharia: Gehört der Islam zu Deutschland?" Und nochmal einen Monat später wieder: "Die Sarrazin-Debatte: Ist Deutschland wirklich in Gefahr?" Das Ganze lässt sich in Monatsabständen weiterdeklinieren - bis heute.

Über all das darf man sprechen, keine Frage - aber dann bitte in der nötigen Differenziertheit: Was hängen bleibt sind Titel, wie diese, die so unverantwortlich irreführend sind: "Beethoven oder Burka - braucht Deutschland eine Leitkultur?" (Maischberger-Sendung vom Mai 2017). Zur besten Sendezeit werden 300 Burka-Trägerinnen, die es in Deutschland geben soll, als Symbol für fast fünf Millionen Muslime hergenommen - was bleibt da noch zu sagen? Es sind Scheindebatten, die unsere Gesellschaft auf perfide Art und Weise spalten.

Auch die Häufigkeit und der alarmistische Ton der Debatten sind unverhältnismäßig. Wer am Abend den Fernseher ausschaltet und am nächsten Tag zur Arbeit fährt, sieht nur noch Kopftücher und Salafistenbärte. Wer muslimische Mädchen sieht, denkt an den Schwimmunterricht, an dem das Kind wahrscheinlich nicht teilnehmen darf. Wer muslimische Männer sieht, weiß: Hier sitzt ein Macho vor mir - und erinnert sich vielleicht an die Maischberger-Sendung vom Mai 2016: "Mann, Muslim, Macho: Was hat das mit dem Islam zu tun?"

Deshalb ist es kein Wunder, dass der Durchschnittsdeutsche davon ausgeht, dass 20 Millionen Muslime in Deutschland leben - dabei sind es nur 4,4 bis 4,7 Millionen, wie Studien belegen. Es ist auch kein Wunder, dass die Angst vor dem Islam so hoch ist, wenn gefühlt jeden zweiten Abend über "den" Islam diskutiert wird - in einer Brisanz, in der man denkt, in Deutschland herrschen bürgerkriegsähnliche Zustände. Diese Brisanz wünscht man sich, wenn es um weitaus dringlichere Debatten wie Wohnungsnot, Pflegenotstand, Krippenplätze oder auch das Rentensystem geht. Denn das treibt wirklich alle Menschen in diesem Land um.

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