Springer-Chef Döpfner über die Tagesschau-App "Hier ist eine rote Linie überschritten worden"

ARD und ZDF bekommen 8,5 Milliarden Euro Zwangsgebühren im Jahr. Nun dringen sie mit Gratisangeboten in den Markt für Apps. Springer-Chef Mathias Döpfner sieht das Geschäftsmodell der Verlage für die digitale Welt bedroht.

Interview: Christopher Keil

Acht deutsche Zeitungsverlage, darunter Axel Springer, FAZ, WAZ, DuMont Schauberg und auch der Süddeutsche Verlag, in dem die Süddeutsche Zeitung erscheint, klagen gegen die kostenlose Tagesschau-App der ARD für iPhones und TabletPCs. Die Anwendung wurde bisher 1,7 Millionen Mal heruntergeladen. Mathias Döpfner, 48, Springers Vorstandsvorsitzender , erkennt einen Grenzbruch an sensibler Stelle. Die Existenz des Verlagsgeschäftes werde durch einen zügellosen digitalen Ausbau des öffentlich-rechtlichen Rundfunks gefährdet.

SZ: Herr Döpfner, warum klagen Sie jetzt beim Landgericht Köln gegen die Tagesschau-App der ARD, die es seit Dezember 2010 gibt?

Mathias Döpfner: Nach Beginn eines unlauteren Wettbewerbsverhaltens, und als solches sehen wir die Einführung der Tagesschau-App, hat man sechs Monate Zeit, eine Klage einzureichen. Bis zum Ablauf dieser Frist hatten wir versucht, auf dem Gesprächsweg sinnvolle Lösungen zu finden. Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich allerdings nicht kompromissbereit gezeigt.

SZ: Worin genau liegt der Konflikt?

Döpfner: Es geht um die Medienordnung in Deutschland. Die Apps der mit Gebühren finanzierten Sender beschreiben eine symbolische und faktisch außerordentlich problematische Entwicklung. Wir klagen, weil wir überzeugt sind, dass die App gegen den Rundfunkstaatsvertrag verstößt. Im Rundfunkstaatsvertrag, Paragraph 11d, Absatz zwei, Ziffer drei, steht: Nicht sendungsbezogene, presseähnliche Angebote sind unzulässig. Die Tagesschau-App ist sehr eindeutig presseähnlich und nicht sendungsbezogen, also nicht zulässig.

SZ: Markiert die Selbstverständlichkeit, mit der auf einem Markt überwiegend bezahlter Angebote ein kostenloses Produkt eingebracht wird, für Sie die Grenze der zumutbaren Aktivitäten von ARD und ZDF?

Döpfner: Ja. Die Klage ist der Warnruf einer ganzen Branche. Alle privaten Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, auch die privaten Fernsehanbieter sind in Sorge, dass im Zuge der Digitalisierung durch einen Missbrauch der dominierenden, marktverzerrenden Rolle der Öffentlich-Rechtlichen die Geschäftsgrundlage für Qualitätsjournalismus und damit Meinungsvielfalt in Deutschland verloren geht. Und auch die Vielfalt der privaten Presse, 351 verschiedene Zeitungen in Deutschland, ist schützenswert.

SZ: Fürchten Sie tatsächlich, dass den Verlegern durch Apps der ARD und des ZDF existenzbedrohende Nachteile entstehen?

Döpfner: Wir kämpfen um unsere Existenzgrundlage. Die Klage ist deshalb auch ein Aufschrei, der im politischen Raum vielleicht etwas mehr Sensibilität für die tektonischen Verschiebungen hervorruft, die wir gerade bei der Digitalisierung der Medien erleben. Mir scheint es, als sei die Digitalisierung noch nicht von jedem verstanden.

Wir haben im Internet leider generell eine Gratiskultur sich etablieren lassen, die nur schwer zu revidieren ist. Bei den Apps, bei den mobilen Angeboten auf Smartphones und Tablets, den digitalen Lesegeräten, also den Zeitungen und Zeitschriften der Zukunft, gibt es zum Glück eine Zahlgewohnheit. Es wird für alles bezahlt: für jedes Telefonat, jede SMS, MMS, für Apps.

70 Prozent der Apps, die in den Appstores von Apple stehen, sind kostenpflichtig. Wir müssen keine Gewohnheiten ändern, wir müssen nur durch die Qualität unserer Angebote überzeugen. Wenn nun die Öffentlich-Rechtlichen in diesen Markt eindringen, werden sie zu unseren direkten Wettbewerbern. Weil ARD und ZDF ihre Budgets durch Zwangsgebühren beziehen, können sie ihre Apps kostenlos anbieten und zerstören so das Geschäftsmodell der privaten Verlage.

SZ: Könnten Sie wie alle anderen Medienhäuser nicht selbstbewusster auf die eigene Qualität setzen, in diesem Fall auf eigene, gut oder besser gemachte Apps?

Döpfner: Mit Qualität hat das nichts zu tun. Wenn zwei sehr gute Produkte gleichen Charakters nebeneinander angeboten werden, das eine kostenpflichtig und das andere kostenfrei, dann ist doch klar, wofür der Leser sich entscheidet.

SZ: Die Tagesschau-App wurde bisher 1,7 Millionen Mal heruntergeladen ...

Döpfner: ... und die Verlage sind froh, wenn sie ein paar Tausend oder auch mal Hundertausend Downloads ihrer kostenpflichtigen Apps bekannt geben können. Es geht schlicht um die Frage, ob Qualitätsjournalismus als Geschäftsmodell noch Bestand haben wird. Auf Papier allein wird das nicht mehr gehen. Die Bedeutung der gedruckten Zeitung und Zeitschrift als Vertriebsweg für unsere Inhalte nimmt kontinuierlich ab. Den Trend kann niemand mehr ernsthaft bestreiten. Das heißt, die Zukunft des markengebundenen Qualitätsjournalismus liegt weltweit in den digitalen Vertriebskanälen. Und wir stehen mit Tablets und Smartphones erst am Anfang einer dynamischen Wachstumsentwicklung.

SZ: Sie trauen einer App zu, den Qualitätsjournalismus zu sichern?

Döpfner: Es geht um die mobilen Vertriebskanäle. Dort werden journalistische Inhalte konsumiert werden. Und wenn die digitalen Vertriebskanäle die Zukunft sind, dann geht es um die Frage: Wer wird dort im Wettbewerb stehen? Bisher standen die Fernsehsender untereinander im Wettbewerb, die Zeitungen und die Zeitschriften untereinander. Das gilt nicht mehr. Auf jedem Gerät finden sie heute bewegte Bilder, geschriebene Informationen ganz selbstverständlich nebeneinander und miteinander verzahnt. Es ist ein völlig neues Wettbewerbsumfeld entstanden. Das bedeutet: Entweder müssen die Öffentlich-Rechtlichen ihre Apps kostenpflichtig machen, oder sie müssen auf Apps verzichten. Oder sie müssen auf Gebühren verzichten. Alles andere ist nicht vertretbar.

SZ: Der Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm, sagt: Die Zukunft des Qualitätsjournalismus könne nur in Kooperationen der Medienhäuser mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gestaltet werden.

Döpfner: Herr Wilhelm gehört zu den wenigen, die erkennen, dass es auch in der digitalen Welt eine wirklich duale Ordnung braucht, in der öffentlicher und privater Sektor existieren können. Aber was heißt Kooperation? Die Websites oder die Apps der FAZ, der Süddeutschen Zeitung, des Spiegel, der Welt oder anderer stehen in direktem Wettbewerb zu einem Anbieter der sich, ausgestattet mit 8,5 Milliarden Euro Jahresbudget, große Investitionen in die digitalen Vertriebskanäle leisten kann, ohne sich am Markt monetarisieren zu müssen. Die Verlage werden immer auf jeden zahlenden Werbekunden, jeden zahlenden Leser angewiesen sein. Da wird Kooperation schnell zur tödlichen Umarmung.

SZ: Was stört Sie mehr: die möglichen Einnahmeverluste durch die kostenlose Konkurrenz oder der Reichweiten-Nachteil, der nebenbei entsteht?

Döpfner: Beides. Lassen sie es mich ganz klar sagen: Wenn Gratisangebote der Öffentlich-Rechtlichen den Privaten das Geschäftsmodell in der digitalen Welt zerstören, wird es in den nächsten zehn Jahren Zeitungspleiten geben. Und dann werden irgendwann Gremien zusammentreten, um die Zukunft des Qualitätsjournalismus zu retten und den Zeitungen gnädig Gebühren anbieten. Verteilt und kontrolliert von politisch besetzten Beiräten. Und dann haben wir sie, die Staatspresse. Vielleicht ist die Idee ja für manchen verlockend, den politischen Einfluss auf diese Weise zu vergrößern.

SZ: Glauben Sie, dass noch viele öffentlich-rechtliche Gratis-Apps entstünden, würde man das jetzt nicht verhindern?

Döpfner: Die Tagesschau-App ist Ausdruck ungezügelter öffentlich-rechtlicher Expansion. Hier ist eine rote Linie überschritten worden.

SZ: Bisher sind Sie immer wieder zu Kompromissen bereit gewesen. Werden Sie sich nun anders verhalten?

Döpfner: Ich habe immer versucht, den Konflikt zu moderieren. Ich habe gesagt, dass man die Öffentlich-Rechtlichen fair behandeln muss. Denn ich glaube an das duale System. Auch ARD und ZDF brauchen einen Zugang zur digitalen Welt. Nur haben unsere Kompromissangebote nicht zu Einsicht, Verständnis und Augenmaß geführt, sondern im Gegenteil zu einer Mentalität der Hemmungslosigkeit. Teile der Politik unterstützen das. Man will es sich nicht mit den mächtigen Fernsehanstalten verderben und legt sich lieber mit der sehr heterogenen Printmedienlandschaft an.

SZ: Thomas Bellut, der nächste Intendant des ZDF, hat gerade angedeutet, dass er den Sender, was Apps betrifft, zurückhaltender führen möchte.

Döpfner: Ich habe das mit sehr viel Sympathie vernommen. Herr Bellut ist ein kluger Mann, der weiß, dass man sich auch zu Tode siegen kann. Er ahnt, dass es Menschen gibt, die es interessant fänden, unter verfassungsrechtlichen Gesichtspunkten prüfen zu lassen, ob circa 150 Millionen Euro für Champions-League-Rechte, die das ZDF nun ausgeben wird, noch im Einklang mit dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks stehen.

SZ: Es ist ein großer Schlag, den Sie und die anderen sieben Verlage stellvertretend gegen ARD und ZDF führen. Müssten die Verlage sich nicht als große Gruppe konsequenterweise auch darüber klar werden, wie sie ihre wirtschaftliche Existenz im Internet insgesamt sichern - also entscheiden, was an kostenlosen Inhalten sie weiter auf ihre Portale stellen? Derzeit ist das noch nahezu fast alles, was gedruckt verkauft wird.

Döpfner: Das stimmt. Im Grundsatz stehen die Verleger zusammen. Wenn es aber darum geht, in einer koordinierten Form Bezahlmodelle zu etablieren, ist das schwierig, auch verständlicherweise kartellrechtlich. Wir dürfen keine Absprachen treffen. Jeder muss seinen eigenen Weg gehen. Kaum einer will der Erste sein, solange es starke kostenlose Konkurrenz gibt. Etwas mehr Mut täte gut.

SZ: Die Netzgemeinde findet es schick, alles frei zu bekommen. Mit der würde man es sich mit einer Pay-Strategie verderben.

Döpfner: Wir kennen die Sprüche: "The future is free." Nur wer seine Inhalte kostenlos anbiete, sei modern und liege im Zeitgeist. Das sind knallharte Wettbewerbsinteressen von Suchmaschinen und Piratengeschäftsmodellen. Davon lässt sich mancher verunsichern und übersieht, dass irgendeiner die Rechnung bezahlen muss. Journalistengehälter, unabhängige Recherchen können so nicht finanziert werden. Das Umsatzvolumen der Zeitungen in Deutschland beträgt 8,5 Milliarden Euro. Die Öffentlich-Rechtlichen setzen dieselbe Summe dagegen. Ich verstehe den Verleger, der in der augenblicklichen Situation sagt: "Wenn ich es nicht auch kostenlos anbiete, verliere ich nicht nur Geld, sondern auch Reichweite". Das ist das Dilemma.

SZ: Würden Sie, wenn ARD und ZDF nicht einlenken, auch bei der Europäischen Kommission für Wettbewerb Beschwerde einreichen?

Döpfner: Wenn wir nicht zueinander fänden, wird der nächste Schritt nötig, unter wettbewerbsrechtlichen und europarechtlichen Gesichtspunkten die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Systems in Deutschland in Frage zu stellen. 1961, beim ersten Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wurden zwei Kriterien definiert, die die Existenz von ARD und ZDF rechtfertigten: erstens die Frequenzknappheit, zweitens der hohe finanzielle Aufwand für das Betreiben einer Sendeanstalt.

Beide Kriterien sind heute faktisch, nachweislich seit der Digitalisierung, nicht mehr gegeben. Eigentlich könnte sich die Brüsseler Behörde hinstellen und sagen: Die Regulierungsbedingungen sind entfallen, das ganze Gebührensystem widerspricht insbesondere in der digitalen Welt dem europäischen Wettbewerbsverständnis.

Es gibt heute Hunderte Sender, Meinungsvielfalt, Vertriebskanalvielfalt ad libitum. Warum wird ausgerechnet in diesem Bereich vom Staat eingegriffen? Warum nicht, wie neulich ein Kollege vorschlug, in der Pharmaindustrie? Da gibt es ein viel höheres öffentliches Interesse. Man sieht, die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Systems bewegt sich in der digitalen Welt auf dünnem Eis.

Meine Prognose ist: Je schamloser ARD und ZDF jetzt ihren Siegeszug, unterstützt von der Politik, fortsetzen und private Qualitätsangebote in die Knie zwingen, desto schneller kriegen wir diese Grundsatzdebatte.