Scripted Reality Echt nicht wahr

Alles soll möglichst echt wirken, auch bei "Richterin Barbara Salesch".

Jeden Nachmittag gaukelt das Privatfernsehen seinen Zuschauern das reale Leben vor. Das ist günstig und macht Quote. Aber viele halten es für echt. Nun sollen die Regeln für die sogenannten "Sozialpornos" strenger werden.

Von Laura Hertreiter

Warum er zu den meistgebuchten Darstellern im deutschen Privatfernsehen zählt, kann sich Erwin Lennartz nicht erklären. Eine Schauspielausbildung hat der 40 Jahre alte Bankkaufmann nie gemacht. Er spricht flapsig-sonores Kölsch, vergräbt die Hände gern in seinen Hosentaschen und kann sich selbst wenig abgewinnen: "Ich habe mich immer gefragt: Wer will mich kleinen, unattraktiven Typen denn sehen?" Doch genau deshalb hat er Fernsehkarriere gemacht.

Lennartz steht hauptsächlich für Scripted-Reality-Sendungen vor der Kamera. Frei erfundene Alltagsdokumentationen über Familien, Makler oder Gerichtsverhandlungen, über schwangere Schulmädchen, adipöse Arbeitslose und promiskuitive Proleten. Gesellschaftsdramen. Oder auch: Sozialpornos. Die Sendungen mit Namen wie Verdachtsfälle, Pures Leben oder Berlin Tag und Nacht füllen seit Jahren das Nachmittags- und Vorabendprogramm im deutschen Privatfernsehen.

Schnell produzierter Trash

Ebenso lange stehen sie schon in der Kritik. Weil sie mit Laiendarstellern, krawalligen Drehbüchern, Wackelkameras und groben Schnitten billig und schnell produzierter Trash sind. Vor allem aber, weil sie mit genau dieser Art der Inszenierung bei vielen Zuschauern den Eindruck erwecken, das echte Leben zu dokumentieren.

Vor allem sehr junge oder sehr alte Zuschauer haben Studien zufolge oft den Eindruck, die Kameras hätten echte Nachbarschaftsstreits, Gerichtsverhandlungen oder Seitensprünge eingefangen. Die Kontrolleure der Landesmedienanstalten fordern deshalb seit Monaten, dass die Sender die Fiktion mit deutlichen Hinweisen im Vor- und Abspann kennzeichnen. Und jetzt macht auch die Politik Druck.

Lennartz dreht mehrmals pro Woche. Zwei bis vier Tage für eine Folge, für eine Tagesgage von 200 bis 600 Euro. Bis vor sechs Jahren hat er als Anlageberater gearbeitet, dann kam die Finanzkrise. Er spielt jetzt Dealer, Diebe, oder Schläger, oft unter seinem eigenen Namen. Das wollen die Produktionsfirmen, weil es echter wirkt - und er selbst, weil es ihm mehr Fans bringt.