Sat1-Film über Cybermobbing Leidvoller Feldzug gegen das Internet

Lara (Aleen Kötter, r.) ist auf einmal nackt im Netz zu sehen, Mutter Charlotte (Felicitas Woll) will sie schützen.

(Foto: A.Uhlig/Sat 1)

In "Nackt - Das Netz vergisst nie" wird ein Teenie mit Nacktbildern erpresst. Ein Film über Cybermobbing ist an sich eine gute Idee. Leider ist er nicht gut.

TV-Kritik von Claudia Tieschky

Neulich gab es wieder einen Tatort, in dem viel Böses aus dem Netz kam. Über das Darknet erfuhr man vor allem, was für ein unheimlicher Ort es ist. Dass es das Internet so oft in Krimis schafft, dürfte daran liegen, dass es als Lieferant für zeitgemäßes Gruseln ziemlich gut funktioniert.

In der realen Welt ist das Internet etwas, das auf ganz altmodische Art gemein sein kann, nur mit extrem höherem Wirkungsgrad als einfach so Gemeinsein. Auch darüber gibt es Filme, Filme wie Homevideo oder Das weiße Kaninchen. Auch sie handeln von einem unheimlichen Ort, den verstörten Herzen junger Cybermobbing-Opfer. Zur Einsamkeit realer Cybermobbing-Opfer gehört es, dass Eltern und Lehrer womöglich vom Internet nicht so wahnsinnig viel mehr wissen als der Tatort.

Insofern ist es eine gute Idee, wenn Sat 1 sich mit den für den Jugendschutz im Netz zuständigen Landesmedienanstalten zusammentut und Aufklärung anstrebt, mit einem Thementag und einem Film.

An Sat 1 fällt seit einer Weile auf, dass es sich unbedingt mit Filmen zu Problemthemen profilieren will, zu häuslicher Gewalt oder Spätabtreibung. Auf jeden Fall würden die Öffentlich-Rechtlichen bei der Altersstruktur ihrer Zuschauer eher die Omis und Opis junger Mobbing-Opfer erreichen.

In Nackt - das Netz vergisst nie hackt ein erpresserischer Plattformbetreiber Nacktbilder der 16-jährigen Lara, die bald jeder Mitschüler auf dem Handy hat. Ihre Intimbehaarung ist nicht modisch. Das erste Aufklärungsziel digitaler Zeiten - keine Nacktbilder! - ist schnell erreicht.

Ohne schadenfrohe Zuschauer gibt es gar kein Mobbing

Leider ist es kein guter Film. Das liegt auch daran, dass Felicitas Woll als anfangs hilflose Mutter einen leidvollen Feldzug gegen das Internet ausruft und man sich schwer entscheiden kann, was übler ist: Die plakativen Dialoge, in denen die Polizei dämlich/moralinsauer sein muss und Hacker empathielos die Freiheit des Netzes preisen? Die Tatsache, dass alle Nacktopfer Frauen sind? Dass Super-Mami nur lange vor einem Büro ausharren muss, schon wird ein fieser Geschäftsmann zum Helfer?

Viel wichtiger scheint da, dass Sat 1 mit der Prominenten-Kampagne #Augenauf gegen Cybermobbing wirbt und auch die EU-Initative Klicksafe bekannter machen will. Das Angebot dort reicht von Rat und Kontaktnummern für gemobbte Jugendliche bis zum Lehrerhandbuch oder einem Bereich, in dem Elternfragen beantwortet werden. Eine Videoreihe "Ich war fies" macht zudem bewusst: Ohne schadenfrohe Zuschauer gibt es gar kein Mobbing.

Wenn Opfer nicht wissen, dass sie Opfer sind

Jeder einzelne Bürger kann bei Datendiebstählen seine Würde verlieren. Sogar sexuelle Fantasien gelangen in die Hände von unbekannten Schwerkriminellen. Von Johannes Boie mehr ... Analyse

Man bekommt das alles mit einem Film, ob er gut ist oder schlecht, nicht in den Griff, aber Aufmerksamkeit ist dem Projekt zu wünschen. Denn auch das steht im Klicksafe-Handbuch gegen Demütigung: Rede darüber!

Nackt - das Netz vergisst nie, Sat 1, 20.15 Uhr im Rahmen des Thementags Cybermobbing - Gegen Hetze im Internet. Infos für Eltern, Kinder und Lehrer für Sicherheit im Netz unter www. klicksafe.de