Reality-TV-Mitarbeiterin über #verafake "Manche finden ihren Auftritt gut, während das Publikum ihn peinlich findet"

Zum Schatten ihrer selbst - neben den Darstellern ist Reality-TV auch für die Filmcrew eine Herausforderung.

(Foto: dpa; Collage SZ.de)

Jan Böhmermann stellt die Praktiken von Reality-Sendungen an den Pranger. Eine ehemalige Redakteurin erzählt, wie Lebensgeschichten auf Minuten verkürzt werden.

Protokoll: Carolin Gasteiger

Mit #verafake kritisiert Jan Böhmermann Vera Int-Veen und ihre RTL-Sendung "Schwiegertochter gesucht". Der Tenor: alles fake, alles Ausbeute. Eine ehemalige Jungredakteurin erzählt.

Wir haben den Leuten nichts in den Mund gelegt oder im Nachhinein ihren Charakter verändert. Aber wir haben im Vorfeld schon sehr genau nach Protagonisten gesucht, die in das Bild passen, das wir wollten. Und dann wurden sie eben zur "süßen Susi" oder der "toughen Tanja" - Alliterationen ziehen, hieß es immer. Bei einigen Sendungen war die Zielgruppe weiblich, da waren Pastellfarben gern im Bild gesehen. Also lieber Blümchentapete als braune Schrankwand. Im schlimmsten Fall konnte das sogar ein Auswahlkriterium sein. Ansonsten lässt man aber alles auf sich zukommen und "staged" nicht, wie es im Fachjargon heißt. Es gibt also kein Drehbuch.

Manche Bewerber haben sich initiativ bei uns beworben, auf andere kamen wir über Foren oder Facebook. Im Nachhinein frage ich mich schon, vor allem bei den Formaten mit Jugendlichen, was die sich davon versprochen haben. Vielleicht wirklich nur die Tatsache, dass sie ins Fernsehen kommen.

Alles andere wird ausgeblendet

Viele sagen, die Bewerber seien selbst schuld, wenn sie an diesen TV-Formaten teilnehmen. Pauschal kann man das nicht sagen, finde ich. Oft sehen die Protagonisten sich selbst anders als der Zuschauer: Manche finden ihren Auftritt im Fernsehen gut, während das Publikum ihn peinlich findet. Dann kann man schlecht sagen, die Teilnehmer sind selbst schuld. Das liegt auch daran, dass ganze Lebensgeschichten oder Teile davon rigide in ein Format gepresst werden. Wir hatten mal eine Protagonistin, deren besondere Eigenschaft ihre Schüchternheit war. Alles andere an der Person wurde dann aber ausgeblendet. Das hatte ich selbst auch unterschätzt. Wie krass da Lebensgeschichten auf ein paar Sendeminuten runtergekürzt werden.

Und was die Bewerber auch nicht absehen können, ist die Macht des Mediums. Wenn einem jemand sein Leben erzählt, das aber am Ende in zwei Sätzen vorkommt. Das können die Protagonisten nicht einschätzen und das kann man ihnen auch nicht vorwerfen. Inzwischen habe ich gelernt, dass man in anderen Formaten auf jeden Fall sensibler mit den Leuten umgehen kann, vor allem mit jungen Leuten. Formate, bei denen man nicht so einen großen Sender und dann auch noch die Quote im Rücken hat.

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Wie gesagt, wir haben nie Aussagen gefaked. Aber wir haben bei Leuten, die nur schlecht Deutsch sprechen, auch keinen Übersetzer engagiert, weil das nicht ins Format gepasst hat. So konnten sich die Protagonisten aber nur schlecht ausdrücken, was ja auch zu ihrem Image vor der Kamera beiträgt. Der Spielraum, Leute in einem bestimmten Bild zu präsentieren, ist da ziemlich groß, ohne dass man bewusst Angaben fälscht. Dass das trotzdem passiert, wie Böhmermann in seiner Sendung behauptet, kann ich mir schon vorstellen. Wer sollte das auch kontrollieren? Bei uns gab es nie eine Instanz, die gesagt hat "Das und das geht aber nicht".

Mir hat der Job bei der Produktionsfirma trotzdem geholfen, weil ich in kurzer Zeit wahnsinnig viel gelernt habe. Ich hatte schnell viel Verantwortung, durfte Castings alleine durchführen, ohne dass mir das jemand gezeigt hat. Als Berufseinsteiger Anfang 20 habe ich das zunächst dankbar angenommen und gar nicht so hinterfragt. Und für meine jetzige Arbeit, ich bin im Dokumentarfilmbereich tätig, war das auch eine gute Schule. Aber Fernsehen schaue ich momentan gar nicht mehr.

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