Presseschau zur US-Wahl "Eine amerikanische Tragödie"

Der Schock über den Wahlsieg Donald Trumps schlägt sich auch in der internationalen Presse nieder. Ein Überblick.

Das Unvorstellbare ist wahr geworden. Donald Trump ist zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden. Die internationalen Medien reagieren fassungslos. Ein Überblick:

New York Times

Vergleichsweise nüchtern kommentiert die New York Times unter dem Titel "Donald Trumps Revolte" und resümiert: Frauenfeindlichkeit und Rassismus hätten zu Donald Trumps Aufstieg geführt, aber auch ein nachhaltiges und rücksichtsloses Verlangen nach Wandel. Dann ist vom drohenden Absturz die Rede. Genau heißt es: "Der Wandel stellt Amerika an den Abgrund."

Washington Post

Dan Balz wirft in der Washington Post einen Blick in die unschöne Vergangenheit des Wahlkampfs - und in eine ungewisse Zukunft:

"Es ist unmöglich, überzubewerten, wie unsicher der Weg zu diesem Zeitpunkt ist. Wie wird Trump regieren, und wie erfolgreich wird er sein? (...) In seiner Kampagne ging es nicht um politische Strategiepapiere. Sie war ein Nagel im Fleisch des Establishments, die amerikanische Version der populistischen Protestbewegungen gegen offene Grenzen und Globalisierung, die wir in anderen westlichen Gesellschaften beobachten konnten. (...) Was am Dienstag passiert ist, war ein Sieg der ausströmenden Wähler, mit überwältigender Mehrheit weiß und viele ohne College-Abschluss, die das Gefühl haben, am wirtschaftlichen Aufschwung nicht teilzuhaben, von Washington ignoriert und von den politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Eliten verachtet zu werden. (...) Die Schockwellen werden für Monate, vielleicht Jahre zu spüren sein."

The New Yorker

Unter "Eine amerikanische Tragödie" resümiert David Remnick, Herausgeber des New Yorker, den Ausgang der US-Wahl:

"Am 20. Januar 2017 werden wir den ersten afroamerikanischen Präsidenten verabschieden, einen Mann voller Integrität, Würde und großzügigem Geist - und die Amtseinführung eines Betrügers miterleben, der wenig dazu beitrug, ausländerfeindliche Kräfte und die weißer Vorherrschaft einzudämmen."

Ein Freund habe ihn, Remnick, traurig und ängstlich zugleich angerufen und gefragt, ob man nicht einfach das Land verlassen solle. "Aber Verzweiflung ist keine Lösung." Autoritätsdenken zu bekämpfen, Lügen aufzudecken, und für amerikanische Werte ehrenwert und vehement einzustehen, das sei nun die Maxime. "Das ist alles, was zu tun ist."

Los Angeles Times

"Präsident Trump - gewöhnt Euch dran", fordert die Los Angeles Times. Man hätte innigst gehofft, nicht ausgerechnet Trumps Wahlsieg kommentieren zu müssen. "Aber nun ist es doch soweit gekommen." Trump solle sich von klugen, politisch erfahrenen Köpfen umgeben, seine provokativen Slogans hinter sich lassen und versuchen, das zu ergründen, was Amerikaner wirklich wollen. Die Empfehlung des Blattes: "Trump sollte mit der Wahlkampagnenfinanzierung beginnen."

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Guardian

"Die USA haben ihren gefährlichsten Anführer gewählt. Nun müssen wir alle viel fürchten", konstatiert Jonathan Freedland im Guardian. Trump sei eine Figur, die aus einem Schulbuch stammen könnte, in dem sie die dunkelste Geschichte des 20. Jahrhunderts erzähle. Die USA seien in den Abgrund gestiegen, resümiert Freedland.

The Times

Der Londoner Times zufolge hat Donald Trump vor allem von Hillary Clintons Schwäche profitiert. Das Blatt schreibt: "Weil Donald Trumps Mängel so groß sind, haben europäische Beobachter unterschätzt, wie viele Menschen in den USA der Ansicht sind, dass Hillary Clintons Mängel denen ihres Kontrahenten in nichts nachstehen. Das mag für viele auf dieser Seite des Atlantik eine außerordentliche Einschätzung sein." Wenn man dies nicht begreife, könne man die US-Wahl 2016 unmöglich verstehen.

Die Presse

Die Wiener Zeitung Die Presse kommentiert:

"Diese Wahl war ein krachendes Votum gegen die herrschende Elite in Washington und gegen die politische Korrektheit. Die Ablehnung gegen "die da oben" wog schwerer als die Abscheu gegen die geschmacklosen Rundumschläge Trumps. (...) Ein Schlüssel zu seinem Erfolg lag in seiner einfachen und oft auch ordinären Sprache, die einige zutiefst anwiderte, aber offenbar mindestens ebenso viele anzog, vor allem die ältere weiße Mittel- und Unterschicht. Trump verwendete keine typischen Politiker-Floskeln, sondern bediente enthemmt Ressentiments. Seine Gegnerin, die vermeintliche Favoritin Hillary Clinton, verkörperte hingegen das verhasste Establishment. Am Ende war diese Wahl auch ein Referendum gegen sie. Das ist tragisch. Denn die US-Demokratin hätte zweifellos die Erfahrung und nötigen Fähigkeiten für das höchste Amt im Staat mitgebracht. Sie scheiterte in dieser aufgewühlten Stimmung letztlich paradoxerweise an ihrer kalten Professionalität."

La Repubblica

Die italienische La Repubblica vergleicht Trump mit Silvio Berlusconi, einem Politiker, der mehr Schein als Sein pflege und dessen Kernbotschaft laute: "Das Establishment hat euch betrogen." Auf diese Weise reihe sich Trump ein in eine Liste an Show-Politikern. Das Blatt resümiert: "Aus einem Teflon-Kandidaten ist nun ein Präsident geworden, wie seinerzeit Ronald Reagan."

La Stampa

Als "Hurrikan der Unzufriedenheit" tituliert die italienische Zeitung La Stampa Trumps Wahlsieg, der "aus dem Bauch der Nation schlägt und der seine Hochburg in den Midwest-Staaten hat, die Barack Obama einst erobert hatte und die nun die Farbe gewechselt haben." Millionen verarmte Familien hätten sich dazu entschieden, aus Washington die Dynastien der letzten 30 Jahre zu vertreiben: "die Bushs und die Clintons".

Le Figaro

Der konservative französische Le Figaro beleuchtet in seinem Kommentar die Spaltung, innerhalb Amerikas und in der demokratischen Welt.

"Der Schock ist groß, der Schaden ist gewaltig. Die Vereinigten Staaten sind zutiefst gespalten. Der neue Präsident muss zuallererst versuchen, das Land wieder zu vereinen. (...) In diesem Wahlkampf hat sich ein anderes Amerika gezeigt. Vor allem die demokratischen Eliten Europas sind ernüchtert. Sie haben sich zuerst über das vermeintlich Undenkbare lustig gemacht, nun sind sie entsetzt. Der Brexit und der Aufstieg systemfeindlicher Parteien auf dem Alten Kontinent waren für sie bereits ein schlechtes Vorzeichen. Die neue Realität wird sich aber nicht wie Pulverdampf nach einer Schlacht auflösen. Weder auf der einen Seite des Atlantiks noch auf der anderen."

Russlands Iswestija

Die russische Zeitung Iswestija schreibt, dass US-Präsidentschaftskandidat Donald Trump sich gegen viele Widerstände durchgesetzt habe: "Nicht nur für die Demokraten, sondern auch für einen Teil der republikanischen Führung galt ein Präsident Donald Trump als die schlechtere Variante. Denn er fürchtet sich nicht, gegen das etablierte System anzugehen, und er sagt, was er denkt, und nicht das, was konform ist. Aus genau diesem Grund haben in diesem Wahlkampf nicht nur die Anhänger Clintons gegen ihn gearbeitet. Und genau aus diesem Grund hat die Mehrheit der Amerikaner Trump zu ihrem 45. Präsidenten gewählt."

Schwedens Aftonbladet

Der bisherige Kandidat und nun designierte US-Präsident Trump weckt beim schwedischen Aftonbladet Assoziationen, die mit Demokratie nichts mehr zu tun haben.

"Er hat freie Medien angegriffen, unabhängige Richter infrage gestellt und gedroht, seine Gegenkandidatin ins Gefängnis zu werfen. Das sind Methoden, die wir mit Diktaturen und autoritären Staaten verbinden - nicht mit den USA und der westlichen Welt."

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