US-Wahl 2016 Trumps Sieg - eine Zäsur für die USA und die Welt

Die Mehrheit in den USA will eine Revolution - die hat sie in Präsident Trump bekommen. Das Land ist polarisiert, viele versinken in Zukunftsangst. Die Welt hält den Atem an.

Kommentar von Stefan Kornelius

Natürlich geht auch an diesem Morgen in den USA die Sonne auf. Barack Obama, der scheidende Präsident, hat mit diesem lapidaren Satz in einer Videobotschaft in der Wahlnacht die Bedeutung des Ergebnisses schon vorzeitig schrumpfen wollen. Aber da gibt es nicht viel zu schrumpfen und zu relativieren, und selbst die Sonne kann nichts ausrichten gegen eine epochale Zäsur, wie sie die Vereinigten Staaten seit Menschengedenken nicht erlebt haben.

Donald Trump wird Präsident des Landes, die beiden Kammern des Kongresses werden von den Republikanern beherrscht, und die Vakanzen des Supreme Court werden nun von der konservativen Mehrheit in ihrem Sinne besetzt. Die Machtverschiebung in den USA ist umfassend und vollkommen. Die drei Säulen der Nation, die Exekutive, die Legislative und die Judikative, sind in der Hand einer radikalen und unberechenbaren Partei und eines Präsidenten, den man wohlwollend noch als skurril bezeichnen kann. Viel wahrscheinlicher ist, dass Trump gefährlich ist für die USA und die Welt. Die Demokraten sind vernichtend geschlagen. Das Land und die Welt stehen vor einer neuen Zeitrechnung.

Der Schock über diese Erschütterung ist so groß, dass es lange Zeit dauern wird, Gründe und Auswirkungen dieses Wahlergebnisses zu begreifen. Die Nation ist zerrissen, die Welt polarisiert, die Märkte sind in Aufruhr und die Zukunft erscheint düster. Es ist kaum möglich, dieser Entscheidung eine hoffnungsfrohe Note abzugewinnen. Aber der Wählerwille ist so eindeutig, dass er selbstverständlich akzeptiert und mit großer Demut analysiert werden muss.

Nach dem Brexit-Votum in Großbritannien ist dies das zweite Mal in diesem Jahr, dass eine vernachlässigte und fast vergessene Bevölkerungsschicht sich Gehör und Macht verschafft hat. Hier sind also Kräfte am Werk, die selbst ein Donald Trump nicht alleine entfesseln kann. Er hat sie sich nur zunutze gemacht.

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Das Land ist politisch polarisiert und hassgetrieben

Die Entscheidung zugunsten Donald Trumps widerspricht aller konventionellen Logik, allen Vorhersagen und aller politischen Vernunft. Warum er dennoch gewonnen hat? Die Mehrheit in den USA will sich Konventionen, Vernunft und den Vorhersagen des Establishments nicht mehr beugen. Sie will eine Revolution. Und die hat sie nun bekommen. Für die Umsturz-Stimmung gibt es viele Gründe, und sie reichen alle weit vor Trump zurück.

Erstens ist das Land politisch polarisiert und hassgetrieben, seitdem die Republikaner in den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts Politik nicht mehr als die Kunst des Kompromisses verstanden haben, sondern als eine Waffe. Diese Radikalisierung ist eng mit dem Namen Clinton verknüpft. Dass nun ausgerechnet Hillary Clinton als Dämon das Gegnerlager anführte, hat die Sache nur verschlimmert.

Zweitens erleben die USA einen radikalen Verfall der politischen Tugenden, vor allem einen Verfall des politischen Sachverstandes. Ein stets sinkendes Bildungsniveau und die Selbstabschaffung des klassischen Journalismus lassen das Bewusstsein in der Breite der Bevölkerung dafür schwinden, wo das Land in der Welt steht und welche Bedeutung Politik und staatliche Institutionen für den Zusammenhalt und das Wohlergehen einer Gesellschaft haben.

Die USA: Tech-Gewinner mit Dritte-Welt-Hinterhof

Drittens hat die Mehrheit der Gesellschaft Angst vor der Zukunft. Die Welt ist zu chaotisch, der Umbruch zu rasant, der Ausblick auf Wohlstand und Wachstum zu düster - diese untere Mittelschicht, häufig ohne College-Abschluss, ist die vergessene Mehrheit der USA. Eine Mehrheit aber darf man nicht vergessen. Hier haben die Regierungen der vergangenen 20 Jahre versagt. Die USA können nicht Globalisierungstreiber und Tech-Gewinner sein und sich gleichzeitig einen Dritte-Welt-Hinterhof mit Armut und sozialem Niedergang leisten.

Die politische Blockade in Washington hat dafür gesorgt, dass diese Menschen seit vielen Jahren nichts vom Staat gespürt haben. Dies ist freilich eine Schizophrenie: Einerseits wollen die Menschen den Staat, dieses verhasste Washington, nicht spüren. Andererseits machen sie diesen Staat für ihre eigene Misere verantwortlich.

Nun haben sie einen Mann zu ihrem Anführer gewählt, der Hass sät und Gewalt predigt - aber keine Lösung angeboten hat für die Krankheiten des Landes.

Trumps Präsidentschaft wird ein gewaltiges Wagnis. Weder gab es für den Sieg des Mannes ein politisches Programm, noch das nötige Personal. Die Kampagne war von Chaos und Egomanie gezeichnet. All das muss nun aufhören und in ein berechenbares Übergangsverfahren kanalisiert werden - hin zu einer Präsidentschaft von Donald Trump.

Die Welt wartet mit angehaltenem Atem. Es kommen schwere Zeiten.

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