Literarisches Quartett Wer wird der neue Diskurszampano?

Das Literarische Quartett Maxim Biller, Christine Westermann, Volker Weidermann, Juli Zeh

(Foto: ZDF und Jürgen Detmers)

Im Berliner Ensemble wurde die erste Folge des neuen "Literarischen Quartetts" aufgezeichnet. Schon jetzt ist klar, wer das Erbe von Marcel Reich-Ranicki antreten könnte.

Von Alex Rühle

Volker Weidermann konnte einem fast schon leidtun in den letzten Wochen. Immer und immer wieder musste der Literaturkritiker des Spiegel Antwort geben auf die Frage, ob das denn nun eine große Last sei, als Nachfolger von Marcel Reich-Ranicki. So oft war die Rede von den riesigen Fußstapfen, in die er da trete, dass man glauben konnte, Reich-Ranicki sei so was wie ein Yeti. Weidermann antwortete immer wohlerzogen und geduldig in Richtung: ja, extrem schweres Erbe, aber man werde das schon irgendwie würdig fortführen. Kein leichter Anfang also. Und dann stirbt noch ausgerechnet am Tag vor der Aufzeichnung der ersten neuen Sendung Hellmuth Karasek, der zweite Trumpf des ursprünglichen Quartetts.

Gibt es im Quartett ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals! Wird hier vereinfacht? Unentwegt!

Berliner Ensemble, Mittwochmittag. Bert Brecht war hier lange Jahre Hausherr, momentan werben große Fahnen für die Neuinszenierung von "Der gute Mensch von Sezuan", das war doch das Stück, aus dem Marcel Reich-Ranicki seine legendäre Abmoderation hatte: "Die Zeit ist um, wir sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen." Also gleich mal die erste offene Frage: Warum zeichnen die das denn jetzt auf? Früher wurde "Das Literarische Quartett" immer live gespielt, jetzt heißt es "live on tape", live auf Band. Antwort: Zum Glück wurde das aufgezeichnet, denn sie haben hier ziemliche technische Anlaufschwierigkeiten. Mal klatscht das Publikum zu lang in Weidermanns Anfangsmoderation, dann rauscht ein Mikro, und es muss hinter den Kulissen minutenlang nach der Fehlerquelle gesucht werden. Aber da ist ja schon die nächste offene Frage: Wenn die das jetzt immer vorab aufzeichnen, wird doch am Mittwoch schon getwittert, was am Freitag gesagt wird. Die ganze Branche wartet schließlich darauf, ob das Quartett zu einem Buch den Daumen hebt oder senkt. Geht dadurch nicht was verloren? Hashtag Suspense. Ich will doch auch nicht wissen, wie ein Buch ausgeht, bevor ich es zu lesen anfange.

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Während die Journalistin Christine Westermann einfach ruhig abwartet und Weidermann nervös und stumm auf seine Moderationskarten guckt, überbrückt Schriftsteller Maxim Biller, der Dritte im Bunde, diese irgendwann fast schon groteske Vorlaufzeit, indem er dem Publikum die Anfänge der russischen und tschechischen Nationalhymne vorsingt. Gerade als er vorschlägt, auch noch die deutsche zu singen, geht es wirklich los, herzlich willkommen zum neuen Quartett, "vier Kritiker, vier Bücher, keine Einspieler, keine Einigkeit", wie Volker Weidermann das alte, neue Sendeformat zusammenfasst. Wie früher sind es zwei Männer und eine Frau. Wie früher wird jedes Mal ein Gast dazugeladen, diesmal ist das die Autorin Juli Zeh.

Biller hat die Gesetze des Fernsehens besser verstanden als die anderen

Und wie früher geht es gleich in medias res: Maxim Biller fängt an mit dem Satz: "'Der dunkle Fluss' ist das beste zeitgenössische Buch, das ich seit Jahren gelesen habe." Ein dunkler Strudel aus Aberglaube, Mord und Totschlag, die Grundidee im Debütroman des Nigerianers Chigozie Obioma sei so stark wie der Anfang in Kafkas "Prozess". Aus den Gegenreden der drei anderen Kombattanten geht zwar ziemlich überzeugend hervor, dass das Buch eher ziemlich hanebüchner Ethno-Kitsch ist, aber Biller hat die Gesetze des Fernsehens besser verstanden als die anderen drei: ein Superlativ plus Kafka, die Runde geht an Biller. Wie schrieb doch der Mann mit den großen Fußstapfen in seiner Autobiografie: "Gibt es im Quartett ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals! Wird hier vereinfacht? Unentwegt! Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich!" Als Christine Westermann sagt, Obiomas Buch sei doch furchtbar schlecht übersetzt, hat sie damit ganz bestimmt recht, wirkt aber eben auch sofort etwas hausmeisterlich-kleinkariert.

Volker Weidermann sagt, er habe das Buch ja schon mal angefangen, da habe es ihm überhaupt nicht gefallen, ein Haufen Afrika-Klischees, Tiere, mystischer Nebel. Jetzt aber überzeuge ihn die Kraft der Geschichte. Das Buch habe Größe, "und ich glaube ihm auf jeder Seite". Solch einen Meinungsumschwung kann man mit viel Glück und noch mehr Rhetorik vielleicht in einer langen Rezension in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung überzeugend darlegen, deren Feuilletonchef Weidermann bis vor Kurzem war. In eineinhalb Fernsehminuten wirkt es eher bizarr.