Journalismus Die Presse - weit mehr als nur Schreivorlage für Pegidisten

Nur gucken, nicht anfassen: Schaut so die Krise der Medien aus? Szene vor einem Zeitungskiosk in Athen, 2015.

(Foto: Yorgos Karahalis/Bloomberg)

Nicht erst seit den "Lügenpresse"-Rufen wird intensiv über den Zustand der Medien diskutiert. Hat das Internet wirklich alles verändert? Einige Analyseansätze.

Rezension von Tanjev Schultz

Die freie Presse sei für die moderne Demokratie "unentbehrlich". Sie halte die Diskussion in Gang, beschaffe Informationen, nehme dazu Stellung und gebe Orientierung. So schlicht, so gut haben es einst die Bundesverfassungsrichter in ihrem Urteil zur Spiegel-Affäre formuliert. Das war im Jahr 1966.

Sind ihre Sätze heute nur noch die Spott- und Schreivorlage für Pegidisten? Sind sie nur museale Rhetorik, überholt und übertönt vom Gegoogel und Getwitter der vereinigten User aller Länder?

Glaubt man dem Autor Stefan Schulz, pfeift das Publikum auf die "normative Überhöhung", mit der Journalisten ihre Arbeit als Dienst an der Demokratie darstellen. Es lege wenig Wert auf diesen "ideologischen Schmuck", und auch nicht auf Seriosität. Das Vertrauen, das der Journalist früher unter dem Dach bekannter Medienmarken genossen habe, sei "fast gänzlich" in die Technologien abgewandert.

Schulz, der bei der FAZ gearbeitet hat und nun eine "Zeit nach der Zeitung" ausruft, zitiert eine Umfrage. Sie behauptet, Internet-Suchmaschinen hätten die traditionellen Medien als glaubwürdigste Quelle abgelöst. Kunststück. Suchmaschinen leisten ja etwas ganz anderes als eine (gedruckte oder digitale) Zeitung. Man kann diese Leistungen nicht gegeneinander ausspielen. Der Vergleich ist etwa so sinnvoll wie die Frage, ob die Menschen den Autobahnen mehr vertrauen als den Autos.

Naiv, unfähig, von vorgestern: So lauten die gängigen Vorurteile

Eine Erosion des Vertrauens in "die" Medien mag ins Weltbild des jungen, ernüchterten Journalisten (oder Ex-Journalisten) Schulz passen, aber die Belege, die er liefert, sind dünn. Andere Studien belegen, dass viele Bürger weiterhin Wert auf einen seriösen Journalismus legen, der professionelle Standards einhält. Eine Umfrage, die Kollegen des Instituts für Publizistik in Mainz durchgeführt haben, zeigt beispielsweise, dass nur eine Minderheit denkt, man könne den Medien nicht vertrauen und diese berichteten nicht präzise.

Regt sich Unmut, so oft deshalb, weil die Medien den Standards mal besser, mal schlechter genügen. Das bedeutet: Die Standards sind den Menschen nicht egal. Jenseits der infamen Attacken à la "Lügenpresse" gibt es jede Menge berechtigte oder diskussionswürdige Kritik, und diese speist sich nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus demokratischer Wachheit. Viele Bürger wünschen sich auch heute das, was die Verfassungsrichter damals beschrieben haben: ordentliche Information, Diskussion und Orientierung.

Deshalb ist es weder altmodisch noch ideologisch, wenn Ulrich Wickert in einem Büchlein über die Macht und Verantwortung der Medien gleich zu Beginn Immanuel Kant und den Wahlspruch der Aufklärung zitiert. "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Ach, wie originell, mögen die naseweisen Post-Journalisten murren.

Natürlich kann man fragen, ob dem guten alten Tagesthemen-Mann bei einem Glas Rotwein nicht eine frischere Referenz hätte einfallen können. Nur: Stimmt es etwa nicht mehr, dass Journalisten kritisch sein sollen? Dass sie Gebrauch machen sollen von ihrer Vernunft - und so auch ihr Publikum, das ja nicht immer einig sein muss mit dem Journalisten.

Während Wickert am Ideal eines aufklärerischen Journalismus festhält und zeigt, wo es annähernd verwirklicht oder grob verletzt wird, wirkt der junge Schulz bereits resigniert. Er proklamiert eine "Nachrichtendiät", vom klassischen Journalismus verspricht er sich nicht mehr viel. Sein Buch ist gut geschrieben, aber der Gestus nervt. Es erweckt den Eindruck, als seien Verleger und Journalisten allesamt naiv, unfähig und von vorgestern. Es unterschlägt all die Anstrengungen, mit denen Verlage auch im Internet qualitativ hochwertige Stücke anbieten.

Es unterschlägt, wie Journalisten sich auf ihre Stärken besinnen und durch aufwendige Recherchen der Welt wichtige Informationen abtrotzen. Es unterschlägt, dass es immer noch eine große Zahl von Menschen gibt, die Nachrichten und Reportagen lesen wollen, die auf Papier gedruckt sind. Und dass von den anderen, die alles auf Bildschirmen lesen, keineswegs nur billigste, schnellste und schlechteste Ware verlangt wird.