John de Mol und sein "Utopia" Stall der Stunde

John de Mol weiß, wie man Stroh zu Gold macht. Nun sperrt er 15 Menschen mit Kühen und Hühnern ein, bis Jahresende sollen sie eine neue Gesellschaft errichten. Eine Begegnung mit dem Macher von "Utopia".

Von Claudia Fromme

Wie eine andere große Geschichte beginnt auch diese in einem Viehstall. Auch hier irren Menschen in einer Winternacht umher, um eine Bleibe zu finden. Es sind nicht Ochs und Esel, die das Stroh wärmen, aber zwei Kühe und 25 Hühner. Und auch hier geht es um eine bessere Gesellschaft. Irgendwie jedenfalls.

Laren in den Niederlanden. Birken rascheln im Wind, Lärchen wachsen hoch in den Himmel über der offenen Brache. Flecktarn und Stacheldrahtrollen säumen drei Meter hohe Zäune. Wollte man eine Geisel verstecken, wäre das hier wohl ein guter Ort. Ein stillgelegtes Militärgelände im Nirgendwo, so laut schreien könnte man gar nicht, als dass einer das hören könnte.

Aber eigentlich muss man nur flüstern.

In den Bäumen hängen 360-Grad-Kameras und Mikrofone, gesteuert aus einer Baracke heraus, in der Menschen Tag und Nacht vor Bildschirmen sitzen. Hinter den Zäunen dösen 15 Leute in der Mittagssonne. Die meisten tragen sehr kurze Hosen und bare Oberkörper, was eine Million Niederländer im TV verfolgen und im Internet wohlwollend kommentieren.

Irgendwann schon einmal da gewesen, oder?

Wenn es um Kameras, die Niederlande und TV-Geiseln geht, hat das immer mit John de Mol zu tun. Gut 40 Jahre nach George Orwells "1984" und 14 Jahre vor dem NSA-Überwachungsskandal sperrte der Fernsehproduzent 1990 Menschen in einen Container und filmte sie rund um die Uhr, zur Erheiterung der Fernsehzuschauer, zum Entsetzen der Medienwächter. Big Brother hat John de Mol reich gemacht.

An Tag 56 tritt Nicoline in Kuhscheiße

Utopia heißt sein neues Projekt. Dafür sind in einer frostigen Januarnacht 15 Menschen in Skianzügen in eine riesige Bretterbude nebst Kühen und Hühnern eingezogen. Alle paar Wochen fliegt einer raus, ein neuer kommt rein. Bei Bezug gab es einen Wasser- und Stromanschluss, einen Tresor mit 10 000 Euro, ein Mobiltelefon mit 25 Euro Guthaben, keine Heizung, keine Möbel, keine Toilette, aber den Auftrag, bis Silvester die "ideale Gesellschaft" zu entwickeln. Gerade haben sie Bergfest gefeiert.

An Tag 26 spielen die Bewohner "Was bin ich?" An Tag 32 duscht Aike mit Ruud. An Tag 56 tritt Nicoline in Kuhscheiße. An Tag 103 kuscheln Billy und Ruud. An Tag 113 suhlen sich alle im Dreck beim Schlammcatchen. An Tag 131 schlägt einer vor, sich für den Playboy auszuziehen. An Tag 137 gibt es eine Wrestlingshow. An Tag 190 baut ein Kammerjäger Kakerlakenfallen auf. Und immer wieder zwischendurch fragt einer: "Was soll ich hier eigentlich?"

Reicht man die Frage an John de Mol, 59, weiter, presst er die Lippen zusammen. Er sitzt an einem Konferenztisch in einer alten Militärbaracke, nur ein paar Meter vom Utopia-Gelände entfernt. Er ist gewohnt braun gebrannt, sein weißes Oberhemd trägt er zwei Knopf offen. Geht es bei Utopia denn wirklich um eine "neue Gesellschaft"? Man merkt ihm an, dass er sie hasst, diese satte, bürgerliche Frage, ob das okay ist, was er da in Laren treibt, eine Dreiviertelstunde von Amsterdam entfernt. Und wenn es okay ist, ob es nicht nur der Aufguss seiner Goldgrube Big Brother ist, der Fernseh-Peepshow.

"Man kann Utopia nicht mit Big Brother vergleichen", sagt John de Mol. Sein neues Projekt sei ein "soziales Experiment", das unter anderen Bedingungen ablaufe. "Es gibt keine Spiele, keine Show, keine Aufgaben", sagt er. Als Fernsehmacher habe er keinen Einfluss darauf, was drinnen passiere. "Es ist auch für uns ein Experiment." Die Bewohner müssten sich selbst organisieren, ihre Betten zimmern, ihr Essen anbauen, Geschäfte treiben mit der Welt draußen, nur zu Freunden und zur Familie dürfen sie keinen Kontakt haben. "Es ist wie eine Soap, jeden Tag lernt man die Menschen besser kennen", sagt John de Mol. Am Tag vor dem Treffen mit ihm hat man etwa gelernt, dass Bewohner Dennis seine Wut nicht im Zaum hat: Er hat einem anderen Utopisten eins auf die Nuss gehauen. "Auch im echten Leben gibt es Kriege, warum sollte das bei Utopia anders sein?", sagt de Mol.

Es gibt keine Frage, auf die der Fernsehproduzent keine Antwort hat. Vielleicht juckt ihn Kritik auch einfach nicht. Der sehr schräge Vogel Liberace sagte einmal: Sollen die Leute doch über mich lästern, ich lach' mich den ganzen Weg zur Bank darüber kaputt. Forbes zählt John de Mol zu den 1000 reichsten Menschen der Welt, sein Vermögen soll zwei Milliarden Euro betragen.