20 Jahre Dokumentarfilmreihe In der Nacht verborgen

Esel Gorrión muss in Donkeyote mit seinem Besitzer Manolo übers Meer, denn Manolo will Amerika bereisen.

(Foto: Julian Schwanitz/ZDF)

Mauerhasen, reisende Esel und Eindrücke von der Casting-Couch: Arte zeigt montags um Mitternacht besondere Dokumentarfilme.

Von Kathleen Hildebrand

Seit die meisten Sender Mediatheken im Internet eingerichtet haben, hat ein schönes altes Fernsehklischee ein bisschen an Gültigkeit verloren: der Nischensendeplatz mitten in der Nacht. Dort laufen, so will es dieses Klischee, all jene anspruchsvollen Experimentalfilme, Kinoklassiker und leisen Dokus, deren Publikum nur aus nachtschwärmenden Nerds besteht und also so winzig ist, dass es dankbar sein muss, überhaupt irgendwo bedient zu werden.

Auf Arte feiert jetzt ein Format seinen 20. Geburtstag, das dieses Klischee schon immer selbstbewusst umarmt hat: Spätvorstellung heißt der Sendeplatz, der immer montags gegen Mitternacht mit sehr besonderen Dokumentarfilmen bespielt wird, auf Französisch La Lucarne, "Dachfenster". Zum Jubiläum zeigt Arte nun an drei aufeinander folgenden Montagen jeweils eine ganze Nacht lang ausgewählte Filme aus den vergangenen Jahren und mehrere Erstausstrahlungen. Filme wie Braguino über eine Großfamilie, die in Ostsibirien von dem lebt, was im Wald zu finden und zu jagen ist, oder Donkeyote über einen alten Spanier, der mit seinem Esel gern durch die USA wandern würde, sich am Ende aber mit dem Strand begnügen muss, der nur ein paar Tagesmärsche entfernt ist. Nach den Jubiläumsnächten werden die Filme für mindestens 30 Tage in der Mediathek zu sehen sein. Dank dem schönen Namen der Reihe behalten sie aber die dunkel glimmende Aura vom herausfordernden, in der Nacht verborgenen Programm.

Den Nischensendeplatz gibt es in Zeiten von Mediatheken nicht mehr. Seine Aura aber schon

Und der sollte man in diesem Fall unbedingt folgen, zum Beispiel wegen der Wildkaninchen vom Potsdamer Platz. Der Film Mauerhase (2010 für den Oscar nominiert) erzählt die Geschichte von jenen Tausenden Tieren, die auf dem Sperrgelände zwischen Ost- und Westberlin ein idyllisches Dasein führen konnten. Das wird zur ironischen Fabel über die DDR. Klar, sie waren eingesperrt, aber das Gras war üppig und sie waren sicher vor Fressfeinden und Menschen. "Da hätte niemand geschossen. Außer . . . also, auf die Kaninchen", sagt im Film ein Jäger, der ganz ernsthaft zum Biotop im Mauerstreifen Auskunft gibt, wobei ihm gerade noch einfällt, dass auf dieser hübschen Wiese bei Weitem nicht jedes Lebewesen sicher war. Als die Mauer fällt, gibt es neue Grasgeschmacksrichtungen auf anderen Wiesen zu probieren. Aber das Leben wird schwieriger. "Die jungen, flexiblen Tiere konnten sich am besten an die neuen Verhältnisse anpassen", sagt ein Evolutionsbiologe.

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Oder Vita Brevis, ein vierzigminütiger Schwarzweißfilm, dessen Tonspur nur aus Rascheln besteht - dem Geräusch von Weiden am Ufer eines Flusses und von Flügeln Tausender Eintagsfliegen, die nach und nach schlüpfen. Diese filmische Meditation von Thierry Knauf aus hyperscharfen ruhigen Bildern ist ein so liebevoll-demütiger Blick auf das Leben an einem Sommertag, dass man beim Zuschauen hin- und herschwankt zwischen Mitleid für diese Insekten mit ihrer kurzen Daseinsfrist und Faszination für ihre Fragilität.

Am meisten gehen einem aber die Frauen aus dem formal schlichtesten Film nach, den Arte in seiner Auswahl zeigt: Venus - Nackte Wahrheiten besteht ausschließlich aus Videoaufnahmen von einem Casting, das zwei junge dänische Filmemacherinnen für einen Erotikfilm gemacht haben. Aus den Vorgesprächen wurde dann der Film selbst. Und was diese Frauen Ende zwanzig, Anfang dreißig, da von ihren sexuellen Erlebnissen erzählen - den guten und den schlechten, von ihren Fantasien oder davon, wie schwer es ist, einen Namen für die eigenen Geschlechtsteile zu finden, der weder peinlich noch allzu klinisch klingt, das gehört zum Klügsten, Offensten und Anrührendsten, was seit Langem öffentlich über Sex gesagt worden ist.

Lucarne, Arte, Nacht von Montag auf Dienstag Mrs. Fang, 23.35 Uhr; Venus - Nackte Wahrheiten, 1.05 Uhr, Mauerhase, 2.30 Uhr. Weitere Filme am 20. und 27. November.

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