Hamburg und der Springer-Verlag Schaut auf diese Stadt

Verleger Axel Springer vor dem Verlagshaus in Hamburg im Jahr 1956.

(Foto: Axel Springer AG)

Dass der Axel-Springer-Verlag mit "Hörzu" und "Hamburger Abendblatt" ausgerechnet die Titel verkauft, die seinem Gründer so wichtig waren, ist Grund für Wehmut, aber nicht für Schwermut. Den Hamburger Verlegern von einst ging es immer um den wahren Journalismus, nie nur um die Ware Journalismus. Und jetzt?

Von Michael Jürgs

Dass früher alles besser war und alle sowieso, behaupten alle, die früher nicht besser waren als heutige Journalisten. Weil aber fast alle Jungen damals einen Job fanden auf dem Mediamarkt, ganz egal, wie blöd sie auch sein mochten, hielten sie sich bereits nach der ersten gedruckten Zeile zu Höherem, mindestens zum Chefredakteur, berufen. Auf diesem Irrglauben beruht die Ballade von den guten alten Zeiten der sogenannten Vierten Gewalt. Heutzutage angestimmt nach Trauerfeiern, in denen Grabredner wieder mal den Tod des Printjournalismus beklagen. Zuletzt am vergangenen Donnerstag, nachdem um 9.45 Uhr die Axel Springer AG verkündet hatte, mehrere Titel, unter anderem das Hamburger Abendblatt und Hörzu, verkauft zu haben.

Was allerdings weder den Medienstandort Hamburg gefährdet, noch ein Beleg dafür ist, dass Journalismus in gedruckter Form beerdigt werden muss, bevor sich die Geier auf ihn stürzen. Es ist im konkreten Fall eher Anlass für die klassische journalistische Geschichte von einem, der auszog, per verkündetem verlegerischen Mut die mutmaßlich Kleingläubigen in anderen Verlagen das Fürchten zu lehren. Jedoch aus Sorge, irgendwann ermordet zu werden, rechtzeitig Selbstmord beging.

Darf man so brutal einseitig über Mathias Döpfner urteilen, der nur "schweren Herzens" den Deal mit der Funke Mediengruppe unterschrieb? Ein Journalist darf das. In Fällen wie diesen hätte Axel Springer jenen sogar zu Klartext ermuntert und mit Informationen über sich selbst gefüttert.

Erfolgreiche Todfreunde

Solchen zum Beispiel: Bei der Bergedorfer Zeitung, die jetzt ebenfalls ins Ruhrgebiet verkauft wurde, hat der junge Journalist Axel Springer volontiert. In eine schwarze Kladde, die er als Filmvorführer im Hamburger "Waterloo"-Kino führte, notierte er 1944 eine Geschäftsidee für eine wöchentliche Illustrierte. Auflage 250.000, Preis dreißig Pfennig. Die Hörzu, die zum ersten Mal im Dezember 1946 mit einer Lizenz der englischen Besatzer erschien, die Hamburg 1945 von den Nazis befreit hatten, kostete dreißig Pfennig und hatte eine Druckauflage von 250 000.

Die Redaktionskonferenz des Hamburger Abendblatts, das zeitlebens sein Lieblingskind blieb, aus dessen Biotop er sich die beiden erfolgreichsten Todfreunde Christian Kracht und Peter Tamm als Manager an seine Seite holte, besuchte er anfangs spontan und erklärte dem ihm ergebenen journalistischen Fußvolk, wie man Bildunterschriften formuliert, warum die Schlagzeile über dem Bruch einer Seite stehen muss und vor allem immer wieder, warum das Motto der Zeitung - "Seid nett zueinander" - nach den zwölf gerade erst vergangenen Jahren der Nazidiktatur eine heilende Wirkung habe.

War Axel Springer etwa einzigartig? War er in seinen Eigenarten als Verleger typisch oder untypisch? War früher wirklich alles besser? Oder doch gar alle?