"Mudbound" auf Netflix Blut und Schlamm und vielleicht bald ein Oscar

Die Hölle ist schmutzig – und das Leben in den Südstaaten derzeit ein sehr beliebtes Filmthema.

(Foto: Steve Dietl/Netflix)

Zwei Familien, die eine weiß, die andere schwarz, kämpfen in den Südstaaten der USA um ihr Überleben: Das Netflix-Drama "Mudbound" ist ein heißer Oscar-Kandidat.

Von Peter Richter

Hart ist das Leben als Landwirt, wenn das Land eher ein Schlamm ist. Da, wo der Mississippi mündet, ist es besonders schlammig, und die Redewendung to sell somebody down the river - für: jemandem das Fell über die Ohren ziehen - erinnert in Amerika bis heute daran, wie beliebt schon bei den Sklaven die Aussicht war, aus der Hölle der nördlichen Südstaaten in die noch höllischeren Höllen von Louisiana und Mississippi verhökert zu werden. Die haben dafür heute eine Filmförderung, die es sowohl Hollywood als auch dem Fernsehen neuerdings angeraten sein lässt, dort immer neue Dramen zu drehen.

Auf Netflix hat nun eines Premiere, das gewissermaßen beides ist: Breitwandkino für den Bildschirm. Mudbound ist ein Mehr-als-zwei-Stunden-Melodram mit sichtbaren Ambitionen und vermutlich sogar Chancen auf die Oscars, was erstens am Thema (Rassismus), zweitens an der politischen Debattenlage heute (wiederum Rassismus) und drittens natürlich schon auch an den Darstellern liegt, zum Beispiel Mary J. Blige, die für den Nebendarstellerinnen-Oscar im Gespräch ist, wobei auch Carey Mulligan als ihr Gegenstück viel Ausdruckskraft aufs Leiden verwendet.

Außerdem ist die Regisseurin ein interessanter Ausnahmefall im weitgehend von weißen Männern und neuerdings ja auch weitgehend von den Themen Macht und Sex und Missbrauch dominierten Filmbusiness Amerikas: eine talentierte, junge, schwarze und offen homosexuelle Filmemacherin, die mit Pariah erst vor ein paar Jahren auf sich aufmerksam gemacht hat.

In Mudbound, nach einem Roman von Hillary Jordan, nun geht es um zwei Familien, die zur Zeit des Zweiten Weltkriegs an dasselbe trostlose Stück Schlamm in Mississippi gebunden sind: Die McAllens sind weiße Farmer, die Jacksons sind schwarz und Sharecroppers. Das sind Pächter, die den Eignern des Landes einen Teil der Ernte überlassen müssen. Die schwarze Mutter muss dann ihren ältesten Sohn in den Krieg verabschieden, die weiße ihren mehr als nur schwägerlich geliebten Schwager, und als die beiden in Europa die Nazis besiegt haben, bekommen sie es bei ihrer Rückkehr mit brutalem Blut-und-Boden-Wahnsinn amerikanischer Bauart zu tun.

Es regnet viel, es ist viel dunkel, und es wird sehr viel gesungen

Wenn es auch eine eigene Oscar-Kategorie für wirklich durchdringend furchterregende Ku-Klux-Klan-Ekel gäbe, hätte Jonathan Banks (Breaking Bad, Better Call Saul) seinen hiermit sicher. Es geht, mit anderen Worten, schon sehr ans Eingemachte. Dies aber erst in Stunde zwei des seinerseits recht mississippihaft dahinfließenden Films. In der ersten regnet es vor allem viel, ist es viel dunkel, es wird viel Gospel gesungen, und wenn jemand im gähnenden Schaukelstuhl-auf-der-Veranda-Akzent der Südstaaten sagt, dass er gern nach Los Änscheliiiiiiiiiiiiiiis ziehen würde, dann braucht er halt allein für das Wort doppelt so lang wie jemand in Los Angeles, geschweige denn New York. Das liegt ganz einfach an der Hitze dort und ist von daher am ehesten etwas für lange, kalte Abende.

Mudbound, bei Netflix.

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