ESC-Vorentscheid Abhak-Moderationen der Pilawa-Klasse

Michael Schulte (links) freut sich mit Moderator Elton über seinen Sieg.

(Foto: dpa)
  • Michael Schulte hat den deutschen Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC) gewonnen.
  • Der 27-Jährige aus Buxtehude wird Deutschland mit dem Song "You Let Me Walk Alone" beim ESC-Finale am 12. Mai in Portugal vertreten.
  • Schulte setzte sich mit dieser Powerballade in der Fernsehsendung "Unser Lied für Lissabon" im Ersten gegen fünf Konkurrenten durch.
TV-Kritik von Hans Hoff

Wäre man böse, könnte man sagen: Den letzten Platz beim Eurovision Song Contest (ESC) am 12. Mai in Lissabon wird in diesem Jahr der Hamburger Sänger Michael Schulte belegen. Auf solche Gedanken kommt man halt, wenn man sich die obermiesen deutschen ESC-Platzierungen der vergangenen Jahre in Erinnerung ruft und dann schaut, welcher Song am Donnerstag beim nationalen Vorentscheid in Berlin fürs europäische Finale gekürt wurde. "You let me walk alone" heißt Schultes Titel, der eine klassische Powerballade ist mit linksdrehendem Schmalz und jeder Menge Pathos.

Die Nation wird nun also vertreten durch einen sympathischen, strubbelköpfigen Mann und ein Lied, das zwischendrin schon mal klingt, als habe Adele es im Waschsalon zu heiß geschleudert und dann dort vergessen. Aber man ist ja nicht böse und deshalb freut man sich halt mit dem gebürtigen Flensburger, der am 30. April 28 Jahre alt wird. Es hätte auch alles viel schlimmer kommen können.

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Das legte auf jeden Fall die vom NDR ausgerichtete Vorentscheid-Show "Unser Lied für Lissabon" nahe, die an Trostlosigkeit kaum zu überbieten war. Das ging schon los, als die Moderatoren Linda Zervakis und Elton die etwas eigenartig geformte Bühne betraten, deren ins Publikum weisender Catwalk eine seltsame Biegung und eine besondere Schwellung am Ende aufwies. "Wir stehen auf einer Bühne mit einem Riesenpimmel", entfleuchte es Zervakis, und da wollte Elton nicht hintenan stehen und schlug einen Alternativtitel für den Abend vor: "Unser Glied für Lissabon." Was man alles so sagt, wenn man einen auf locker machen will und schon beim ersten Versuch kräftig verkrampft.

Aber wahrscheinlich war diese Niveau-Herabsetzung nur ein dramaturgischer Kniff, um alles, was folgte, glanzvoller aussehen zu lassen. Davon musste man zumindest ausgehen, denn schließlich hatte der NDR doch gelobt, in diesem Jahr beim ESC alles neu und besser zu machen. Fast im Wochentakt schlugen im vergangenen Jahr Meldungen ein, die sagten, dass man nun internationales Fachwissen einbeziehe, dass man aus zwei abstimmenden Parteien drei machen würde, dass man überall nach Künstlern suche und diese dann von professionellen Songschreibern betreuen lasse. Alles nur, damit Deutschland nicht schon wieder Letzter oder Vorletzter wird, wie in den vergangenen drei Jahren geschehen.

Immerhin ist es Deutschland erspart geblieben, sich von VoXXClub vertreten lassen zu müssen, also von fünf festzelterfahrenen Jodlern mit Hang zur Ballermannpolka und krachledernen Gute-Laune-Attacken. Es hätte ja auch Natia Todua gewinnen können mit einem sehr durchschnittlichen Poptitel, den sie mit viel ungelenker Hampelei und eigenwilliger Tonsetzung schon vergeigt hatte, bevor der Song zu Ende war.

Es hätte auch Ryk werden können aus Hannover, jener Gemeinde, die in ESC-Kreisen besser bekannt ist als Lenastadt. Immerhin hatte sich der so gar nicht nach Popstar aussehende Sänger und Pianist all dem vom NDR inszenierten Songwritingcamp-Wahn verweigert und seinen Titel, der sich klar aus der Masse der abwaschbaren Wendesongs abhebt, im Alleingang geschrieben. Leider konnte er aber nicht verhindern, dass man ihm zur besseren Illustration seiner Präsentation eine Tänzerin auf den Flügel packte, die ein bisschen aussah, als wolle sie in drei Minuten alle schweren Figuren der olympischen Eiskunstlaufwettbewerbe nachstellen.

So etwas schreit förmlich nach besserer Koordination

"Der Flügel und die Tänzerin", sagte danach Kommentatorenlegende Peter Urban, der nicht seinen besten Tag hatte und kurz danach freudig berichtete, dass Ivy Quainoo derzeit in New York lebt und extra für die Show rübergekommen ist. Direkt nach dem Satz folgte der Vorstellungsfilm zur Sängerin, in dem sie direkt zu Beginn sagte, dass sie derzeit in New York lebt und extra für die Show rübergekommen sei. So etwas schreit förmlich nach besserer Koordination.

Der folgende Song klang dann wie schon tausendmal komponiert, kam nie aus den Puschen und leierte einfach so vor sich hin. Da halfen auch die lodernden Flammen im Hintergrund nicht. Dort brannte während des Vortrags das Haus vom Nikolaus ab, weil der Song ja "House On Fire" heißt.

Das ließ die Frage keimen, ob nicht in irgendeiner der gefühlt 100 000 vollmundigen Ankündigungen des NDR mal die Rede davon war, dass man sich diesmal etwas Besonderes trauen wolle. Und dann fällt denen nichts Besseres ein als ein brennendes Haus? Und Peter Urban sagte hinterher noch: "Ein wahrhaft feuriger Auftritt". War in der Grabbelkiste für abgegriffene Klischees nichts anderes drin?

Da fiel der Auftritt von Xavier Darcy fast schon als Gegenentwurf zu solch sinnentleertem Bombast auf. Der Singer/Songwriter mit Gitarre, der ein bisschen aussah, als führe er die Haare von Anton Hofreiter Gassi, explodierte fast auf der Bühne, gab alles und noch ein bisschen mehr. Das war wenigstens ein kleines "Wow" wert.

Und dann kam da noch Michael Schulte, der als YouTube-Star angekündigt wurde und ordentlich ablieferte. Nichts wirklich Sensationelles, aber auch nichts, für das man sich schämen müsste. Er wird nun am 12. Mai in Lissabon das deutsche La-La-Land vertreten, und die Chancen, nicht wieder ganz hinten zu landen, stehen nicht so schlecht, weil Deutschland ja schon dreimal ganz hinten gelandet ist. Allerdings hat diese Logik den entscheidenden Fehler, dass sie gerne auch von Roulette-Spielern benutzt wird, die den ganzen Abend nur auf Rot setzen, weil ja irgendwann mal die Serie mit dem Schwarz enden muss.

Auf jeden Fall tröstete Schulte über einen ziemlich miserablen Auftritt des Moderatorenpärchens Zervakis und Elton hinweg. Beide waren mit solch einer Veranstaltung komplett überfordert und übten sich in Abhak-Moderationen der Pilawa-Klasse, bei denen sie die Antworten auf ihre komplett uninspirierten Fragen alle schon vorher kannten. Und als am Schluss die Punkte vergeben wurden, kommentieren sie jede zweite Wertung mit einem nervigen "Okaaaaay".

Nein, nichts war da okay, und man sehnte sich schnell nach der Moderatorin der Vorjahre. Wo ist eigentlich Barbara Schöneberger, wenn man sie wirklich mal braucht?

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