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Eurovision Song Contest:Mit einer "Mischung aus Leidenschaft, Verstand und Analyse"

Germany's Levina performs with the song 'Perfect Life' during the Eurovision Song Contest 2017 Grand Final Dress rehearsal 1 at the International Exhibition Centre in Kiev

Vorletzter Platz für Levina beim ESC 2017: Musikalisch ist es mit dem "Perfect Life" nicht so einfach.

(Foto: REUTERS)
  • Mit einem neuen Auswahlverfahren wird in der ARD-Sendung "Unser Lied für Lissabon" der deutsche ESC-Kandidat gekürt.
  • Der NDR hatte Datenexperten verpflichtet, außerdem sollen ein 100-köpfiges "Europa-Panel" und eine internationale Jury mit 20 bis 25 Mitgliedern den Gewinner aussuchen.
  • Der Eurovision Song Contest findet am 12. Mai 2018 in Lissabon statt.

Anm. d. Red.: Dieser Text wurde erstmals nach Bekanntgabe des neuen Auswahlverfahrens im Oktober 2017 publiziert und anlässlich der Ausstrahlung von "Unser Lied für Lissabon" am 22. Februar erneut veröffentlicht.

Dass es mit dem "Perfect Life" nicht so einfach ist, musste im Mai beim Finale des Eurovision-Song-Contest (ESC) nicht nur die deutsche Sängerin Levina schmerzhaft erfahren, sondern auch der NDR, der für die ARD den großen europäischen Trällerwettbewerb betreut. Wieder einmal war der deutsche Beitrag ganz weit hinten gelandet. Vorletzter Platz für Levina. Es schien, als wolle das besungene perfekte Leben für deutsche Liedkunst einfach nicht mehr stattfinden. Endgültig vorbei schienen die Zeiten, da Stefan Raab 2010 Lena zum Sieg in Oslo führte und auch in den beiden Folgejahren für respektable Platzierungen sorgte. Immerhin gab es 2017 eine leise Verbesserung. Nach zwei letzten Plätzen in den Vorjahren wirkte es fast wie ein Hoffnungsschimmer, dass man diesmal noch ein anderes Land hinter sich wusste.

In der Folge gab es Rufe, die personelle Konsequenzen beim NDR forderten. Wie üblich in der Anstalt wurden diese Rufe konsequent überhört. Immerhin versprach Thomas Schreiber als zuständiger Unterhaltungschef, dass man das Verfahren überdenken werde. Wieder einmal.

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Das Ergebnis liegt nun vor, und wenn man das recht kompliziert anmutende Verfahren, das man nicht auf Anhieb verstehen muss, einmal flapsig zusammenfasst, kann man sagen, dass die ARD die Verantwortung auf ganz viele Schultern verteilt und offenbar hofft, sich einen Siegertitel, nun ja - ausrechnen lassen zu können.

Man will sich halt beim NDR nicht länger auf Bauchgefühl und Zuschauerabstimmungen verlassen

Darauf deutet zumindest die Verpflichtung von Simon-Kucher & Partners hin, die als Experten für komplexe Datenmodelle verkauft werden. Was die Dienste solcher Experten kosten, wollte man beim NDR am Freitag auf Anfrage nicht sagen. Das unterliege der branchenüblichen Vertraulichkeit, hieß es. Man darf aber getrost davon ausgehen, dass sich solche Experten honorartechnisch nicht mit Freikarten fürs ESC-Finale begnügen.

Man will sich halt beim NDR nicht länger auf Bauchgefühl und Zuschauerabstimmungen verlassen, weil die oft nur die nationale Befindlichkeit und nicht die internationalen Chancen beim Wettbewerb spiegeln. Bei der Analyse soll auch eine Rolle spielen, welche Songs in der ESC-Statistik wie abschnitten. Dahinter steckt die Vorstellung, man könne aufgrund der Ergebnisse vergangener Jahre errechnen, was der Publikumsgeschmack europaweit bevorzugt, selbst wenn der Sieger des diesjährigen ESC, der leise Portugiese Salvador Sobral, wahrscheinlich von keinem Algorithmus prognostiziert worden wäre.

"Mit der richtigen Mischung aus Leidenschaft, Verstand und Analyse wollen wir gemeinsam für den ESC in Deutschland diesen Neuanfang starten", sagt NDR-Mann Schreiber, der sich entschlossen zeigt, alle Variablen zu berücksichtigen. "Unser Ziel ist, den internationalen Publikumsgeschmack und die internationale musikalische Fachkompetenz - von der ersten Kandidaten-Auswahl bis zum deutschen Vorentscheid - konsequent zu berücksichtigen und international wiedererkennbarer, kantiger und erfolgreicher zu werden." Neben den Daten sollen vor allem ein Europa-Panel mit 100 Mitgliedern und eine aus 20 bis 25 Personen bestehende internationale Jury für Ausgewogenheit sorgen. Die 100 vom Europa-Panel werden aus 10 000 Menschen zusammengestellt, die man sich in den sozialen Medien zusammensucht. Niemand kann sich für diese Gruppe bewerben, man wird gefragt.

Wenn es schief geht, sind ganz viele schuld

In mehreren Stufen sollen die Gremien ermitteln, welcher der Interpreten, die sich ab sofort bewerben können, es unter die letzten 20 Teilnehmer schafft und wer, nachdem er vom NDR im Studio in den Kategorien Gesang und Bühnenpräsenz beurteilt wurde, zum deutschen Vorentscheid fährt. Dort wird aus fünf Songs der gewählt, der Deutschland am 12. Mai 2018 in Lissabon vertreten darf und hoffentlich für ein finales Halleluja gut ist.

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Man könnte auch sagen, das ESC-Verfahren ist jetzt ungefähr so kompliziert wie auch sonst alles in der ARD. Wie auch immer die Entscheidung in Portugal ausfällt, eines ist sicher: Wenn Deutschland wieder ganz hinten landet, sind ganz viele schuld und nicht mehr die vom NDR allein.

Eurovision Song Contest 2018 - Unser Lied für Lissabon, ARD, 20.15 Uhr