Echtzeit-Doku "Hautnah Heiligabend" So wie wir waren

Was machen die Menschen eigentlich genau an Weihnachten? Der SWR richtet den Blick auf die Bewohner seines Sendegebietes und zeigt an Heiligabend neun Stunden lang in Echtzeit, wie 30 Protagonisten das Fest im vergangenen Jahr verbrachten. Das ist mutig, doch Risiko ist im öffentlich-rechtlichen Fernsehen ja ein Wert an sich.

Von Karoline Meta Beisel

Früher galt im Lokaljournalismus die Devise, dass möglichst jeder Leser einmal im Jahr in der Zeitung stehen muss. Vielleicht hat der SWR, der als Drittes Programm ja auch ein regionales Programm ist, sich diesen Vorsatz zu Herzen genommen. Vielleicht will er auch dem RBB nacheifern, der 2009 mit der Echtzeit-Dokumentation 24h Berlin Lob und Preise einheimste.

Was machen die Deutschen an Heiligabend? Der SWR wollte es genau wissen - und fand unter anderem eine Polizistin, einen Schäfer und einen Weihnachtsengel. 

(Foto: SWR/Peter A. Schmidt)

Im SWR läuft am 24. Dezember mit Hautnah Heiligabend ein Programm mit einer ganz ähnlichen Idee, nur sozusagen in der Version für die kleine Welt: Statt 24 Stunden Berlin gibt es an Weihnachten neun Stunden Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz - ein Heimatabend, wenn man so will.

Aber auch ein sehr ungewöhnliches Projekt für einen Fernsehtag, der normalerweise eher die verklärte, realitätsferne Familienunterhaltung aufbietet. Der SWR dagegen richtet den Blick auf das Sendegebiet und seine Bewohner und zeigt gewissermaßen phänotypisch, was das ist: Weihnachten, dort.

Oder besser gesagt, was es im Vorjahr war: Ein Team aus 30 Autoren und 60 Kameraleuten unter der Leitung von Produzentin Ulrike Gehring hat damals einen Rettungssanitäter, einen Weihnachtsengel aus dem Krippenspiel und 28 weitere Protagonisten am Heiligen Abend 2010 jeweils neun Stunden lang begleitet.

Nach acht Monaten im Schnitt sendet der SWR nun das neunstündige Destillat der Zeit von neun bis 21 Uhr aus insgesamt 127 Stunden Rohmaterial.

Was ist zu sehen? Eine Terminal-Managerin am Flughafen Frankfurt-Hahn zum Beispiel, die sich aufs Fest freut, aber dann im Schneechaos erst mal dafür sorgen muss, dass ein Flugzeug trotz vereister Landebahn heil ankommt. Ob sie es zu ihrer eigenen Familie rechtzeitig schafft? Es sind viele solch kleine Geschichten über viele unterschiedliche Weihnachtsgefühle.

Natürlich haben die Autoren auch bei Hautnah Heiligabend versucht, die neun Stunden in kleinen Episoden dramaturgisch so zu gestalten, dass niemand genötigt ist, alles ununterbrochen anzuschauen.

Trotzdem bleibt es ein mutiges Unterfangen: Am 24. Dezember schauen sowieso weniger Menschen fern als an anderen Abenden, außerdem stellt sich die Frage, ob die, die trotz des Festtags zuschauen, wirklich Lust haben, sich das Fest anderer Leute anzusehen, irgendwo in Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg. Anders gesagt: Das Projekt ist eigentlich zu ambitioniert für den Risikotag Heiligabend. Aber Risiko im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, das ist ja auch ein Wert für sich.

Und warum gerade neun Stunden? SWR-Redakteur Rolf Schlenker, der einer der Erfinder des Projekts ist, sagt, man wollte früh genug beginnen, um noch den Einkaufsstress zeigen zu können und abends "auf jeden Fall die Spätmessen mitbekommen". Genau diese Feiertagsplanung könnte 2011 für die Zuschauer ein Problem werden. Aber die Rettung ist die Mediathek: Noch bis zum 8. Januar ist die Sendung dort abrufbar.

Hautnah Heiligabend, SWR, 24. Dezember, 12 bis 24 Uhr.