Dschungelcamp und das "Leben danach" Wenn der RTL-Psychologe zum Dauergast wird

Therapiebedarf nach dem Dschungel-Intermezzo: Für die Kandidaten der RTL-Show wird es richtig ernst, wenn sie das Camp verlassen und wieder mit der Außenwelt konfrontiert werden. Denn wer sich einmal mit dem Fernsehen eingelassen hat, der hat keinen Anspruch mehr auf ein Selbst jenseits der Öffentlichkeit.

Von Andreas Bernard

Jetzt, da bis zum Finale an diesem Samstag wieder täglich einer von ihnen das Camp verlassen muss, steht den Kandidaten der Dschungelshow der gefährlichste Moment der gesamten Sendung bevor. Denn es sind nicht die Kakerlakenmassen oder die nach Erbrochenem schmeckenden Käsefrucht-Drinks, die für die Teilnehmer am schwersten zu verkraften sind, ebenso wenig die spärlichen Mahlzeiten oder die Wasserfluten im Lager.

Die eigentliche Krise droht, wenn ein Kandidat nach seiner Abwahl ins mondäne Hotel Palazzo Versace zurückkehrt, gut hundert Kilometer vom Drehort entfernt, und erfahren muss, wie weit seine eigene Wahrnehmung der vergangenen Tage von der kunstvoll zusammengeschnittenen Fernsehrealität abweicht.

"Meine Freundin hat mich damals aus dem Camp abgeholt", erinnert sich Giulia Siegel, die 2009 als "Dschungelzicke" die Sendung prägte. "Sie hat mir im Auto gesagt, welches Bild die Öffentlichkeit jetzt von mir hat. Ich konnte das nicht glauben. Im Hotel habe ich mir im Internet eine Übersicht verschafft und musste dann direkt den RTL-Psychologen rufen, der mich drei Tage lang betreut hat."

Matthieu Carriere und Rainer Langhans wiederum berichten davon, wie ihr Mitkandidat Jay Khan im vergangenen Jahr nach seiner Abwahl zusammenbrach, nicht nur das eine Mal in der Lobby des Palazzo Versace, wie es im Fernsehen zu sehen war. "Sein Manager hatte ihm wohl auf dem Weg vom Dschungel ins Hotel mit seinen Berichten Angst gemacht. Er ist dann kurz darauf in seinem Zimmer noch mal in Ohnmacht gefallen", sagt Carriere. "Indira, der Psychologe und sein Manager waren auch dabei; wir haben den Notarzt gerufen, und er wurde ins Krankenhaus gefahren."

Wenn es riskant wird für die Teilnehmer der RTL-Sendung Ich bin ein Star - Holt mich hier raus!, dann ist das also nicht während ihres Aufenthalts im Lager. Die Atmosphäre dort wird von früheren Kandidaten zwar als zäh empfunden, als ein endloser Strom von unstrukturierter Zeit, in dem es keinerlei Orientierungspunkte geben darf (die Mitarbeiter, die alle fünf Stunden ins Camp kommen, um die Batterien der Mikrophone zu wechseln, müssen sogar die Ziffernblätter ihrer Armbanduhren überkleben). Doch übereinstimmend betonen Langhans, Siegel und Carriere das grundsätzlich harmonische Miteinander der Gruppe.

Sex, Konflikt und Lebensbeichte

In der Fernsehfassung, wenn ein 24-Stunden-Tag von mehr als fünfzig Kameras rund ums Camp zu einem 60-minütigen Konzentrat verdichtet wird, entsteht natürlich ein anderes Bild. Jedes Aufblitzen von Sex, Konflikt oder Lebensbeichte - den drei erzählenswerten Elementen des Reality-Fernsehens - wird aus dem Zeitstrom herausgelöst und in Beziehung gesetzt.

Was wird das Dschungelcamp 2012 am Ende gewesen sein? Der ewignackte Körper Micaela Schäfers, die Streitereien zwischen Ramona Leiß und den jüngeren Kandidaten, die Konfessionen von Jazzy, Brigitte Nielsen und Radost Bokel ("Da ist so viel Ähnlichkeit, dass ich denke, ich bin gar nicht so fucked up")? Den Kandidaten selbst mögen ganz andere Gespräche und Erfahrungen in Erinnerung bleiben - aber die werden nirgendwo gesendet und spielen keine Rolle.

Gegen das jähe Auseinanderklaffen von Selbst- und Fremdbild im Camp bleibt auch die Medienkompetenz und Selbstreflexion machtlos, die von den Kandidaten inzwischen geballt demonstriert wird. Vincent Raven: "Wir sind keine Stars, wir sind höchstens bekannt." Jazzy: "Mir ist völlig klar, worum es in dieser Sendung geht." Martin Kesici: "Wir sind einfach Teil einer geilen Show."

Die verfehlteste Kritik am Dschungelcamp bestand ohnehin immer darin, die Teilnehmer als Opfer zu betrachten. Denn der eine Teil von ihnen, derzeit etwa Brigitte Nielsen und Micaela Schäfer, ist souverän genug um zu wissen, ob sich der Deal "zeitweilige Entwürdigung gegen Aufmerksamkeit und Geld" für sie lohnt. Und der Rest fasst, so befremdlich es auch sein mag, die Sendung tatsächlich als Herausforderung und Therapie auf.

Ich bin Wahrsager - holt mich hier raus!

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