Dokumentation zum Olympia-Attentat 1972 "Niemand hat auf uns aufgepasst"

"Die Polizisten sahen aus wie Dressmen. Sie hatten keine Waffen." Ein Film begleitet israelische Überlebende der Münchener Geiselnahme von 1972 zurück an den Ort des schrecklichen Geschehens.

Von Jörg Seewald

Dem zerfurchten Gesicht von Zelig Shtorch ist die Qual bei diesem Gedanken noch immer anzusehen. Der israelische Sportschütze hatte 1972 den Anführer der palästinensischen Terroristen im Münchner Olympiadorf im Visier seiner Waffe. "Ich hätte ihn treffen können, auch ohne Zielfernrohr. Er stand ja nur fünf bis sieben Meter entfernt. In dem Augenblick hätte ich mit einem Schuss alles ändern können." Doch Shtorch dachte an das gefährdete Leben seiner olympischen Gefährten, die von den Terroristen als Geiseln festgehalten wurden in Apartment 1 in der Connollystraße 31. "Ich nahm die Kugel aus dem Lauf und verstaute das Gewehr unter dem Bett."

Dann flüchtet er über den Balkon zur Polizeistation. "Wir sind dort nur eine halbe Stunde befragt worden", daran erinnert sich der frühere Fechtmeister Dan Alon, der mit der SZ kürzlich am Telefon über seine Rückkehr nach München im Februar 2012 sprach. Denn Alon und Shtorch sind zwei der sieben Überlebenden der israelischen Mannschaft, die von Emanuel Rotstein für seine anrührende Dokumentation in diesem Winter zum Ort des Geschehens begleitet wurden.

Der elfte Tag - Die Überlebenden von München 1972 entpuppt sich als verdienstvolles Unterfangen. Natürlich werden noch einmal die mangelhaften Sicherheitsvorkehrungen thematisiert, aber auch die Freude der Mannschaft, damals "nach Deutschland zu kommen und zu zeigen, wir leben noch. Als Israel an der Reihe war, ins Olympiastadion einzumarschieren hab ich angefangen zu zittern", erinnert sich der einstige Geher, Shaul Paul Ladany, der als Kind das Konzentrationslager von Bergen Belsen überlebte.

Ein Glück, bis heute nicht einzuordnen

Zunächst scheinen die Spiele von München ihr heiteres Versprechen einzulösen. Dann beginnt in der Nacht vom 5. September die Geiselnahme. Dan Alon sagt: "Die Polizisten sahen aus wie Dressmen. Sie hatten keine Waffen. Niemand hat auf uns aufgepasst." Alon hat in dem Turner André Spitzer bei dem Blutbad nach der missglückten Befreiungsaktion am Flughafen Fürstenfeldbruck einen Freund verloren. Er selbst verlor das Vertrauen in seine Sicherheit - "ich bekam Paranoia". Das Glück, überlebt zu haben, kann er bis heute nicht einordnen: "Es ist Schicksal, warum es mir nicht passierte." Der schlimmste Tag in ihrem Leben sei die verfrühte Rückreise am 7. September nach Tel Aviv gewesen, mit den Särgen an Bord. Die Fassungslosigkeit darüber, dass die Spiele weitergehen mussten, ist bis heute bei keinem gewichen.

Nur indem man den Protagonisten Zeit und Raum lasse, ihre persönliche Geschichte authentisch und emotional zu erzählen, werde "Pay-TV eine ernsthafte Alternative zu Öffentlich-Rechtlichen und Privaten Fernsehstationen", sagt sich Biography-Geschäftsführer Andreas Weinek. Dabei muss man zwar gleich an das berühmt-berüchtigte Zeitzeugenfernsehen des Guido Knopp denken, aber tatsächlich wurde Weineks deutsche Eigenproduktion Der elfte Tag erstmals in der Sendergeschichte von der amerikanischen Konzernmutter A&E Networks für die internationale Ausstrahlung rücklizensiert. Derzeit verhandelt Weinek mit dem ZDF über eine Ausstrahlung im Digitalkanal ZDF info.

Der elfte Tag, Samstag, Biography Channel, 20 Uhr.

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