Doku zu Syrien Wenn Krankenhäuser zu Schlachthäusern werden

Der Film setzt ihn und seine Regierung auf die Anklagebank: Syriens Präsident Baschar al-Assad, hier zu sehen in einem Interview im Februar 2017.

(Foto: dpa)

Immer mehr Fotos und Dokumente zeichnen das grausame Bild von Assads Foltergefängnissen. Der Film "Syria's Disappeared" trägt die Beweise wie eine Anklageschrift zusammen.

Von Anke Sterneborg

Es ist ein Gesicht, das man so schnell nicht wieder vergisst. Weil es so unmittelbar und direkt in eine geschundene Seele blicken lässt. Und weil es trotzdem nicht von Hass und Rachegelüsten erfüllt ist, sondern vom Wunsch nach Gerechtigkeit und Wahrheit. Mazen Alhummada ist ein Überlebender der Foltergefängnisse von Baschar al-Assad. Wenn er in dem Film "Syria's Disappeared - The Case against Assad" vom Glück und der Hoffnung des Arabischen Frühlings 2011 erzählt, lassen die Erinnerungen seine Augen funkeln. Und wenn er rekapituliert, wie sie von den Schergen des Assad-Regimes zerschmettert wurden, wie er mit Penis-Schraubzwinge und Anusbolzen malträtiert wurde, laufen irgendwann die Tränen über die gerötete Haut. Er will Gerechtigkeit für seine ermordeten Freunde und Familienmitglieder, auch wenn es sein Leben kostet.

Aus Tausenden Porträts der Geschundenen entsteht ein Gewebe des Leidens

Sara Afshar ist eine britische Journalistin und Filmemacherin, die lange bei der BBC beschäftigt war und seit 2013 frei arbeitet. 2014 sah sie zum ersten Mal die Fotos, die ein Überläufer mit dem Decknamen Caesar aus Syrien geschmuggelt hatte, Fotos von Tausenden Opfern des Terrorregimes, die Caesar als forensischer Militärfotograf im Auftrag der Regierung akribisch dokumentiert hatte und die Garance Le Caisne in einem preisgekrönten Buch unter dem Titel "Codename Caesar: Im Herzen der syrischen Todesmaschinerie" veröffentlichte. Die Bilder erinnerten Sara Afshar an die Dokumente aus den nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Sie wollte nicht hinnehmen, dass die Fotos der ausgemergelten, geschundenen, zerschlissenen Körper, mit grauenvollen Wundmalen und leeren Augenhöhlen, so wenig Resonanz fanden.

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Als sie keinen Auftraggeber für einen Film fand, begann sie, auf eigene Faust zu recherchieren und zu drehen. Zusammen mit Überlebenden der Foltergefängnisse, mit Hinterbliebenen der Opfer, mit den Anwälten und Ermittlern von Menschenrechtsorganisationen trägt sie in ihrem Film "Syria's Disappeared - The Case against Assad" eine erdrückende Fülle von Beweismitteln zusammen. In nur fünfzig Minuten verwebt sie eine große Anzahl an Zeugenaussagen, Dokumenten und Fotos zu einem wuchtigen Argument gegen die Tatenlosigkeit.

Zu Beginn des Films sind einige der Fotos der Opfer aus der Nähe zu sehen. Dann entfernt sich die Kamera, bis die Masse der Porträts zum Teppich des Terrors wird, zu einer abstrakten Anklageschrift. Doch dann löst der Film aus der Masse der anonymen Opfer die Geschichten von drei Betroffenen.

Mit Hühnerknochen schreiben einige Gefangene ihren Namen auf Stofffetzen

Alles beginnt mit den friedlichen Protesten im Arabischen Frühling 2011, als die Menschen auf die Straßen gingen, um für eine bessere Regierung zu demonstrieren. Das in Bedrängnis geratene Regime geht mit Militärgewalt gegen die Demonstranten vor, mit einer Welle von Festnahmen. Massen von Verhafteten werden unter anderem im Mezze-Militärflughafen bei Damaskus und im berüchtigten Hospital 601 verhört und gefoltert. Krankenhäuser werden zu Schlachthäusern, Garagen zu Leichenhallen. Auch Ayham, der jüngste Sohn von Maryam Hallak, ein Zahnmedizinstudent, wird festgenommen. Achtzehn Monate lang kämpft die Mutter um Informationen über den Verbleib des Sohnes, bis sich ein Assistent erbarmt und ihr mitteilt, dass er bereits sechs Tage nach seiner Festnahme gestorben ist, angeblich an den Folgen eines Herzinfarkts. Später entdeckt sie unter den Tausenden Caesar-Fotos das Bild seiner Leiche, Nummer 320. Nicht weit entfernt im Gefangenenlager 215 schreiben 57 Gefangene mit Hühnerknochen als Feder und mit ihrem Blut oder Rost als Tinte ihre Namen auf Stofffetzen. Von einem Schneider in Kragen und Säume von Hemden eingenäht, werden sie hinausgeschmuggelt, als Zeugnisse des Grauens, damit etwas von ihnen bleibt, für den Fall, dass auch sie als Opfer auf Syriens Weg zur Befreiung von Assads Terrorregime verschwinden.

Neben den Caesar-Fotos und den verblichenen Stoffstücken ist es vor allem die bemerkenswerte Dokumentationswut des Regimes, die eine Beweiskette bildet. Tausende herausgeschmuggelte Regierungsdokumente dienen als Kreuzverweise. Der Amerikaner Stephen Rapp, einst im Außenministerium Sonderbotschafter für die Verfolgung von Kriegsverbrechen, hat schon viel gesehen. Er kann die Fülle des Beweismaterials nicht fassen. Es müsste ein Leichtes sein, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Doch Russland und China verhindern eine UN-Resolution.

In den meisten Ländern kann eine Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit nur dann erfolgen, wenn einer der eigenen Staatsbürger betroffen ist, so wie die spanisch-syrische Schwester eines Ermordeten, die gerade eine Klage anstrengt. Anders ist das in Deutschland, wo bei Verbrechen gegen die Menschlichkeit das Weltrechtsprinzip gilt und derzeit unter anderem auf Basis umfangreicher Zeugenaussagen der Filmprotagonisten eine Klage vorbereitet wird. Vor allem aber geht es den Filmemachern und ihren Protagonisten darum, jene Tausende Menschen zu retten, die in den Gefängnissen vom Tod bedroht sind.

Der Film von Sara Afshar ist da ein starkes Instrument. Nachdem er im März im Holocaust Memorial Museum in Washington gezeigt und unter anderem in Australien, England und Dänemark im Fernsehen ausgestrahlt wurde, soll er nun weltweit möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden. Nach einer vom European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR) und der Heinrich-Böll-Stiftung veranstalteten Berliner Preview des Films in der vergangenen Woche werden auch hierzulande Fernsehanstalten und Kinos gesucht, die ihn verbreiten, um den Druck auf die internationale Gemeinschaft zu erhöhen.

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