Der neue Papst im deutschen TV Nebendran statt mittendrin

Millionen Deutschen wird der Anblick des neuen Papstes Franziskus in Erinnerung bleiben. Sofern sie das entsprechende Programm gewählt haben. Denn einige Sender hören auch im Moment der größten Spannung nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.

Eine TV-Kritik von Irene Helmes

"Hat der Mensch im Fernsehen besser zu sein, als der Mensch daheim, der zuguckt?" Diese Überlegung wird Boris Becker zugeschrieben. An Abenden wie dem des 13. März 2013 stellt sich eine solche Frage dann ganz neu. Wenn nämlich im Fernsehen der neue Papst erwartet wird und daheim die meisten anderen zugucken. Ein solches Kennenlernen ist schon etwas, der erste Eindruck zählt bekanntlich. Millionen Deutschen wird die Präsentation von Franziskus rückblickend als Fernsehmoment in Erinnerung bleiben, zumal wie von Zauberhand zur besten Sendezeit über die Deutschen gekommen.

Was sieht man also auf deutschen Bildschirmen in den ersten Momenten der neuen Papst-Ära? Los geht es noch vor 20 Uhr, oder möchte man eher sagen: Es geht weiter, nach der Reihe der Sondersendungen seit Beginn des Konklave. Manche ewig Unzufriedene denken sich in solchen Momenten, ach wären wir doch dabei in Rom. Das Fernsehen tröstet dann. "Wir haben - anders als die Menschen auf dem Platz - noch einen besseren Blick", heißt es gegen 20 Uhr im ZDF und Hadernde dürfen sich getrost zurücklehnen. So soll das sein.

Dass gerne jeder irgendwas sagen darf, wenn es zwar weißen Rauch aber noch keinen Namen gibt, zeigt sich gegen 20 Uhr im selben Programm, als eine US-Touristin auf dem Petersplatz in breitestem Slang erklärt, "an American Pope would be awesome" und eine junge Österreicherin alles "supergeil" findet. Was genau, auch egal. Damit nur bloß nichts verpasst wird, arbeitet das ZDF mit Split-Screen. Abgesehen davon rollt das Pflichtprogramm auf den wartenden Kanälen - vorsichtige Prognosen und das Wiederholen der Herausforderungen, die auf den neuen Papst warten.

"Du schon wieder"

Was soll man auch zeigen, nach fast 24 Stunden und davor ja mehreren Wochen des Wartens? Vielleicht einfach was ganz Anderes: RTL und ProSieben halten mit dieser Strategie am längsten durch. Bei RTL bricht eine traurige Serien-Brünette über ihrem Schwangerschaftstest in Tränen aus und bei Galileo wird irgendwas mit Fleisch getestet. Als RTL dann doch Richtung Rom umschaltet (den Serienabspann hat man geduldig abgewartet), startet bei Kabel Eins fast zeitgleich zum geöffneten Vorhang des Petersdoms der Spielfilm. Und wenn der Papst sehen könnte, was die promisken Ärzte von Grey's Anatomy auf ProSieben da so miteinander treiben, während seine Christen auf dem Petersplatz frohlocken, was würde er davon wohl halten? Das zu analysieren, ist es leider noch zu früh. Erstmal müsste er sich zumindest zeigen auf diesem leersten Balkon der Welt.

Sat 1 hat irgendwas nicht richtig verstanden, denn während die Konkurrenz weiter auf den Neuen wartet, liest der Zuschauer dort auf dem Bildschirm "Du schon wieder". Du schon wieder? Nein, Benedikt hat es sich nicht anders überlegt und macht einfach selber weiter. "Du schon wieder" heißt nur die Komödie, die hier trotz allem anläuft. Und am anderen Ende des TV-Spektrums hält sich auch ein Sender wie Arte vornehm raus, zeigt "Les grandes personnes" und meint damit wohlbemerkt nicht die Herren im Vatikan.

"Wir wollen die Spannung nun wirklich auflösen", "Wir hoffen, dass es jetzt bald soweit sein wird" - nicht nur in der ARD werden die Moderatoren langsam ungeduldig. Endlich sind Schatten hinter dem leicht transparentem Vorhang zu erkennen. Und schließlich - da ist er. Ein Mann. Ein Papst. Aber wer? Kein großer Jubel brandet auf dem Platz auf, bemerken die deutschen Kommentatoren. Kurz ist es recht ruhig. Dann rappeln sich alle zusammen und los geht's mit der Analyse. Ist der Argentinier Jorge Mario Bergoglio eine große Überraschung? "Jein" heißt es in der ARD. Ein paar Überlegungen weiter ist schon von "ausgleichender Gerechtigkeit" die Rede, er war schließlich vor acht Jahren schon mal im Gespräch. Ob er nun besser ist als die anderen, um auf die Beckersche Problemstellung zurückzukommen, darüber kann auf die Schnelle nur gemutmaßt werden.

Und nun zum Fußball

Während Franziskus sich nach Ansprache und Gebet langsam von den neuen Verehrern nah und fern verabschiedet, küssen sich bei RTL zwei Frauen und Röcke rutschen in ungeahnte Höhen. Bei ProSieben läuft Reklame für die Duschgel-Serie einer Marke, die weltweit für ihre Nacktfotoserien bekannt ist. Ja, und da war doch noch was. Fußballfans müssten schon nägelkauend von der Sofakante rutschen, doch dann tut das ZDF das, was sich fast perfekt ergibt, gerade noch rechtzeitig: Es schaltet vom Vatikan nach München. Denn auch dort singen Engelschöre. Für den sogenannten Fußballgott allerdings. Und während auch alle anderen wieder auf ihr Abendprogramm umschwenken, hält für die Unersättlichen Phoenix die Stellung.

Insgesamt müsste an diesem Abend also jeder sein Plätzchen gefunden haben, der vom Sofa aus eines gesucht hat. Sei es öffentlich-rechtlich oder privat. Ob man den neuen Papst sehen wollte oder alles bloß das nicht. Oder wie der Publizist Bazon Brock einmal formuliert hat: "Selig sind, die da immer nur fernsehen wollen, angstfrei sind, die wissen, dass Bilder nicht beißen, wunschlos glücklich sind, denen auf Knopfdruck die ganze Welt vor Augen erscheint."