Axel Springer AG Ein Konzern auf Selbstsuche

Der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner: sieht die Zukunft des Konzern offenbar im Digitalen.

(Foto: dpa)

Bemüht um eine Flucht nach vorne: Springer plant angeblich massiven Stellenabbau, 20 Millionen Euro sollen gespart werden - am meisten im Print-Bereich. Der ist zwar nach wie vor hoch profitabel, doch die Auflage der "Bild" sinkt. Die Zukunft des Konzerns sieht Vorstandschef Döpfner offenbar im Digitalen.

Von Claudia Tieschky

Als "Wendepunkt" deutete der Vorstandschef Mathias Döpfner Anfang März die Bilanzzahlen seines Konzerns: 2012 war für die Axel Springer AG das erste Jahr, in dem die digitalen Medien mehr Umsatz brachten als die Zeitungen. Die hatten drei Prozent zum Vorjahr verloren, blieben aber vor allem mit der Bild-Gruppe die größten Gewinnbringer. Das konnte man als Erfolgsbilanz eines digitalen Aufbruchs lesen, den Springer früher als andere betrieben hat. Trotzdem würde natürlich kein Kaufmann die schönen Printgewinne hergeben. Und auch die Mitarbeiter nicht, die 1200 Euro Erfolgsbeteiligung erhielten. Doch der gelernte Zeitungsjournalist Döpfner erklärte im März: Man wolle nun das führende digitale Medienunternehmen im Land werden: "Das frühere Randgeschäft wird das Kerngeschäft." Finanzvorstand Lothar Lanz sprach etwas ominös davon, das Printgeschäft "wetterfest" zu machen, Pläne für einen Stellenabbau gebe es aber nicht, so Lanz damals.

Trotzdem scheinen nun harte Stellenstreichungen nicht mehr ausgeschlossen: Wie der Spiegel mit Berufung auf nicht namentlich genannte Quellen bei Axel Springer schreibt, könnten für ein Kostensenkungsprogramm ausgerechnet in der sogenannten "roten Gruppe" der Bild-Titel bis zu 200 Stellen wegfallen, das Sparziel soll bei 20 Millionen Euro liegen. Die Redaktionen von Bild in Berlin und B.Z. könnten demnach zusammengeführt werden. Dabei ist die rote Gruppe hoch profitabel, und Bild nach wie vor der größte Geldmacher unter den Springer-Titeln. Doch die Auflage sinkt unter dem Chefredakteur Kai Diekmann seit Langem, 2012 verlor das Boulevardblatt 6,3 Prozent und lag noch bei 2,66 Millionen Exemplaren täglich. Erst vor wenigen Tagen kündigte Döpfner zudem neue Investitionen im Digitalen an. Der Jahresauftakt im Printgeschäft sei "nicht einfach" gewesen, sagte er auch.

Ein Springer-Sprecher teilte auf Anfrage am Sonntag mit: "Richtig ist: Axel Springer beschleunigt die digitale Transformation der journalistischen Angebote und investiert in multimedialen Journalismus." Die vom Spiegel genannten Zahlen zu Sparplänen und Personalabbau bei Bild seien aber "nicht korrekt und ohnehin viel zu hoch. Ob und in welchem Umfang in diesem Zuge Stellen abgebaut und in welchen Bereichen wiederum aufgebaut werden, wird derzeit in verschiedenen Szenarien diskutiert." Das Vorstandsgremium habe sich noch nicht mit der Sache befasst, Entscheidungen gebe es keine.

Der größere Teil des Digitalumsatzes stammt gar nicht aus dem Journalismus

Dass es um Neuerungen im großen Stil geht, ist trotzdem klar. Bei Springer möchte man aber ganz offensichtlich lieber nicht den Eindruck von Sparen und Kostendruck erwecken. Man bemüht sich um das Bild einer Flucht nach vorne in jene digitale Zukunft, die Döpfner beschwört. Dazu sollen auch neue Umsätze im Netz jenseits der Werbeerlöse gehoben werden - ein Wunsch, der im Moment die gesamte Medienbranche eint. Bei Springer wird nun Ende dieses Monats nach der Welt-Gruppe auch für Bild.de eine Bezahlschranke im Netz vorgestellt. Zum Einsatz kommen soll ein sogenanntes Freemium-Modell, das unter dem Arbeitstitel Bild + entwickelt wurde. Dort sollen Bezahl- und Gratisangebote nebeneinander stehen. Vor allem durch Exklusiv-Geschichten will Springer zahlende Leser locken. Solche Geschichten kosten Recherche, also Geld. Ebenso wie die Online-Verwertungsrechte an der Fußball-Bundesliga, die sich der Verlag sicherte. Ohne Investitionen dürfte der digitale Wandel schnell versacken.

Eine Tatsache ist aber auch, dass der größere Teil des Digitalumsatzes von Springer im Moment gar nicht aus dem Journalismus stammt. Renditebringer sind etwa das Preisvergleichsportal Idealo.de, die Einkaufsseite Kaufda oder die Fernsehproduktion Schwartzkopff-TV. Anders gesagt: Während die traditionellen Printprodukte Auflage verlieren, verdient der digitale Journalismus noch zu wenig Geld, um die Rendite wetterfest zu machen. Und dass man bei Springer auch sonst gern mal den Rotstift ansetzt, zeigt die verordnete Redaktionsgemeinschaft von Hamburger Abendblatt, Welt-Gruppe und Berliner Morgenpost.

Wenn man die Springer-Erklärung richtig versteht, soll jedenfalls demnächst eine ordentliche Menge Geld nicht nur im alten Geschäft gespart, sondern auch ins neue - und zwar journalistische - Digitalbusiness investiert werden. Wohin genau, dazu hört man noch auffällig wenig. Anfang Juni soll Bild-Chef Kai Diekmann aus Kalifornien heimkehren, wo er bei den digitalen Gründern im Silicon Valley seit vorigem Sommer sozusagen Exerzitien absolviert - als Abgesandter eines Konzerns auf Selbstsuche. Wenn Diekmann zurück ist, braucht er ja vielleicht Geld.