ARD und ZDF WM-Basislager Baden-Baden

Senden in der Nähe von Heilbad und Roulette: ZDF-Moderatoren Jochen Breyer (r.) und Oliver Welke bei der WM-Präsentation.

(Foto: Christian Charisius/dpa)

Für die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland richten ARD und ZDF eine gemeinsame Fernsehzentrale ein. Die steht 2500 Kilometer weit weg vom Roten Platz und könnte allein räumlich für Distanz sorgen.

Von Peter Burghardt

Hamburg war schon mal ein dankbarer Platz, um die großen Pläne von ARD und ZDF für die Fußball-WM in Russland vorzustellen. Mit großem Fußball hat die Hansestadt ja eher wenig zu tun. Mit großem Fußball praktisch überhaupt nichts zu tun jedoch hat jener Ort, in dem die beiden öffentlich-rechtlichen Sender ihr WM-Hauptquartier einrichten, wie sie nun mit erstklassigem Hafenblick bekannt gaben. Denn die vereinte deutsche WM-Fernsehzentrale wird nicht in Moskau stehen, wo vom 14. Juni bis 15. Juli unter anderem Eröffnungsspiel und Finale stattfinden, sondern: in Baden-Baden.

Vom Roten Platz, der mit seinen Zwiebeltürmen auf den WM-Bildschirmlogos zu sehen ist, sind es ungefähr 2500 Kilometer dorthin. Russen erfreuten sich schon früher gerne an den Heilbädern und Roulettetischen dieses badischen Kleinods, sie reisten damals oft mit der Dampfeisenbahn. Auch der Schriftsteller und Spieler Fjodor Dostojewski war zu Gast. Noch immer geht es in Baden-Baden recht russisch und reich zu. Vor allem aber steht in Baden-Baden außer einem Kurhaus und einem Festspielhaus das Funkhaus der ARD-Landesrundfunkanstalt SWR. In diesem Gebäude werden Moderatoren und Experten von Erstem und Zweitem Deutschen Fernsehen brüderlich, schwesterlich und abwechselnd alle jene 64 Spiele besprechen, die in den zwölf Stadien zwischen Kaliningrad und Jekatarienburg über die Bühne gehen.

Schwarzwald statt Russland? Gewöhnlich richten die wichtigen Kanäle ihre mächtigsten Studios jeweils im International Broadcast Center IBC ein, bei WM 2014 und Olympia 2016 war das zum Beispiel in Rio de Janeiro oder bei Winter-Olympia kürzlich in Pyeongchang. Oft kriegen Fernsehmenschen in solch durchklimatisierten Medienhallen jenseits der Arenen zwar nicht allzu viel von dem mit, was draußen stattfindet. Aber sie sind immerhin irgendwie nahe dran und erörtern die Lage mehr oder weniger in Sichtweite von Zuckerhut, Kreml oder Skipiste. Das Problem: Es ist alles sehr teuer, noch dazu, wenn jeder Sender fast alles alleine macht. Also haben sich ARD und ZDF jetzt für ein Gegenmodell entschieden, das sie bereits beim WM-Test Confed-Cup 2017 ausprobiert hatten und zuletzt wieder bei den Olympischen Spielen. Sie machen gemeinsame Sache - aus der südwestdeutschen Provinz.

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Das spart einerseits Techniker, Technik und mithin gebührenfinanzierte Kosten (die dennoch beträchtlich sind). Andererseits liegen gute drei Flugstunden zwischen dem Rasen und Deutschlands Zentrum von Analyse und Unterhaltung. ARD und ZDF, sonst Rivalen, arbeiten in diesen fünf Wochen auf dem SWR-Gelände enger zusammen denn je, wenn auch mit nach wie vor getrennten Teams vor den Kameras und jeweils eigenen Programmen. Gleichzeitig sind einige ihrer bekanntesten Gesichter weit entfernt von den Reportern und Kommentatoren wie Béla Réthy (ZDF), Tom Bartels (ARD) oder Gerhard Delling (ARD), die in Russland natürlich trotzdem am Start sind.

So werden zum Beispiel die zwei ZDF-Ollis in Baden-Baden empfangen, Oliver Welke und Oliver Kahn. Oder Jochen Breyer, der einen neuen Partner braucht, weil der Fachmann Sebastian Kehl wieder bei seinem alten Verein Borussia Dortmund anheuert und die WM als ZDF-Erklärer deshalb verpasst. Oder der Schweizer Schiedsrichterbeobachter Urs Meier oder der Hamburger Holger Stanislawski mit seiner Taktiktafel. Oder Alexander Bommes und Matthias Opdenhövel von der ARD und der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger. Für Letzteren hat Baden-Baden den Vorteil, dass es nah an Stuttgart liegt, wo er sich neuerdings um die Ausbildung von Talenten des VfB kümmert. Die ARD bietet diesmal eine ganze Riege von Fachleuten auf. Dazu zählen auch der bei eben jenem VfB Stuttgart entlassene Trainer Hannes Wolf und Stefan Kuntz, der die U 21-Nationalelf des DFB zum Europameister gemacht hat und bei der WM zwischen Heimat und Russland hin und herfliegen soll. "Die ARD baut Personal auf, das ZDF baut ab", witzelte Jochen Breyer, ZDF-Conferencier bei dieser WM-Pressekonferenz auf St. Pauli. "Abgerechnet wird zum Schluss."

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Das zusammengelegte Basislager Baden-Baden könnte auch für eine gewisse Distanz zwischen ARD/ZDF hier und dem Russland des Wladimir Putin dort sorgen. Ja, Herr Frey, erkundigte sich Jochen Breyer bei seinem ZDF-Chefredakteur Peter Frey - werde man bei der WM eine Putin-Show erleben wie bei den Olympischen Winterspielen vor vier Jahren in Sotschi?

Jedenfalls müsse man skeptisch sein, erwiderte Frey. Die Möglichkeit zur Selbstinszenierung besteht, das hatte 2006 auf seine Weise auch das fahnenschwenkende Deutschland entdeckt. Das System Putin und das System Fifa wollen sich ARD und ZDF mit ihren Korrespondenten und Gesandten genau ansehen, versprechen sie. Aber sie haben sich auch vorgenommen, am Rande der Spielfelder das einzufangen, was angesichts der Debatte über Syrienkrieg oder Giftgas aus dem Blick geraten sein könnte, das gewöhnliche Russland, in dem es beispielsweise mehr Unternehmerinnen gebe als in Deutschland.

Man wird sehen, wie der Spagat gelingt. Vorab sind Dokus wie 7 Dinge, die sie über Russland wissen sollten oder Putins Meisterwerk, eine WM um Macht und Millionen geplant. Vom Tegernsee zugeschaltet wurde sogar ein echter Weltmeister, Philipp Lahm, auch er neuer ARD-Experte. ZDF-Moderator und Satiriker Welke wiederum vermutet, dass Baden-Baden einer der wenigen Orte sei, wo er mit 52 zu den jüngeren gehöre. Kollege Kahn aus benachbarten Karlsruhe beruhigt: Baden-Baden sei "wunderbar idyllisch", auch zum Golfspielen. Partnerstadt: Sotschi.

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