ARD und Anne Will Rückkehr der Geschmähten

Anne Will ARCHIV - Journalistin Anne Will, aufgenommen am 01.09.2013 während der ARD-Talksendung 'Günther Jauch'. Will (49) wird ab 2016 Nachfolgerin von Günther Jauch (58) als ARD-Polittalkerin am Sonntagabend. Das teilte der Norddeutsche Rundfunk (NDR) am 09.06.2015 mit. Foto: Karlheinz Schindler/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

(Foto: dpa)

Sie ist wieder da und war doch nie weg: Weil Anne Will seit acht Jahren beharrlich ihre Qualitäten demonstriert, wechselt sie mit ihrer Talkshow wieder in die Primetime am Sonntag. Dabei wollte die ARD sie genau da einst nicht mehr haben.

Von Paul Katzenberger

Plötzlich hat sie den gefragtesten Moderatorenjob im deutschen Fernsehen, dabei ist Anne Will von dieser Position schon einmal recht unsanft entfernt worden. Im Frühsommer 2011 hatte die ARD entschieden, ihr den begehrten Sendeplatz gleich nach dem Tatort wegzunehmen und ihn stattdessen Günther Jauch anzuvertrauen. Dabei hatte Anne Will die Gesprächsrunde nach Einschätzung vieler Beobachter mit neuem Leben erfüllt, nachdem sie sie 2007 von Sabine Christiansen übernommen hatte.

Wenn Christiansen ihre Gesprächspartner genau in dem Moment unterbrach, als die sich endlich in Fahrt geredet hatten und mehr sagten als ihre vorgestanzten Formelsätze, ließ Will ihre Gäste schon mal so lange reden, bis die ihre professionelle Abwehrhaltung vergessen hatten - und dann tatsächlich ab und zu was Interessantes sagten.

Stets freundlich im Ton, schaffte es Will immer wieder, ihre Gesprächspartner vorzuführen, sich weniger die Butter vom Brot nehmen zu lassen als ihre Vorgängerin. Sie hakte bei Fragen, die sie gestellt hatte, auch mal penetrant nach und wirkte dabei immer souverän.

"Klug und gewitzt"

Doch das war der ARD auf einmal nicht mehr gut genug - ein echter Promi-Talker sollte her, den die Sender-Verantwortlichen in Günther Jauch gefunden zu haben glaubten.

Für Will war das unschön. Weniger, weil sich ihr bisheriger Auftraggeber entschlossen hatte, den Auftrag neu zu vergeben, wie sie später dem Spiegel anvertraute: "Dagegen kann ich in der Sache überhaupt nichts sagen." An der Form, wie die Ablösung gelaufen sei, habe sie sich allerdings gerieben: "Das hätte durchaus eleganter laufen können."

Als Zumutung empfand es Will vor allem, wochenlang im Unklaren darüber gelassen worden zu sein, ob es - und wenn ja wie - mit ihr im Ersten weitergehen werde. Die Programmchefs hatten zwar entschieden, ihr den Sendeplatz am Sonntagabend wegzunehmen, ihr aber zunächst nichts Neues angeboten. "Es wäre hilfreich gewesen, wenn die ARD zeitgleich mit der Verkündung von Jauchs Verpflichtung ein fertiges Konzept für den Rest der Woche gehabt hätte", sagte sie damals. Die Zeit der Ungewissheit habe an allen Beteiligten genagt.

Wer macht uns den Jauch?

mehr... Bilder

Dann bekam Will ihre neue Sendung am späten Mittwochabend - und machte da weiter, wo sie in der Primetime am Sonntagabend aufgehört hatte: bei Gesprächsrunden, die sie nach Einschätzung der halben Republik "klug und gewitzt" (Berliner Zeitung) zu moderieren wusste.

Innerhalb der ARD wurde ihr zugestanden, sich auf dem undankbaren Sendeplatz weiterentwickelt zu haben. Niemand sprach mehr davon, dass sie Informationen nicht schnell genug parat habe, Diskussionsverläufen nicht folgen könne und bei ihr Probleme mit der Faktensicherheit bestünden. Alles Vorwürfe, die ihr die Rundfunkräte intern vor der Ablösung durch Jauch gemacht hatten.

Nach außen gab sich die ARD aber immer zufrieden mit ihrer Entscheidung: Jauch erreiche mehr Zuschauer als alle vergleichbaren politisch-aktuellen Talkformate, und das bei einem höheren Anteil jüngerer Zuschauer, betonte zum Beispiel ARD-Programmdirektor Volker Herres. Dass das natürlich auch an dem exponierten Sendeplatz direkt nach Tatort und Polizeiruf 110 liegt, äußerten die Verantwortlichen hingegen nicht allzu laut, während Jauch in der Presse regelmäßig abgewatscht wurde. Vor allem: Auch er geriet intern in Ungnade.

In einer Stellungnahme attestierte der ARD-Rundfunkbeirat dem heute 58-Jährigen offenbar bereits 2012, zu selten zu insistieren bei seinen Fragen, sich sogar über die Antworten seiner Gäste hinwegzusetzen und strikt seinem vorgefertigten Konzept zu folgen, sprich: eine Frage nach der anderen abzuhaken.

Jauch geriet nun also in die Kritik, während Will in immer besserem Licht erschien. Und viel preisgünstiger soll ihre Sendung zudem zu haben sein, was offenbar vor allem an ihrem deutlich geringeren Salär liegt. Doch Gehälterunterschiede zwischen Moderatorinnen und Moderatoren wären ja schon ein ganz gutes Thema für den Auftakt der neuen Sendung Anne Will: Von 2016 an - immer am Sonntagabend.