ARD-Doku "Leben am Limit" Extremsportler - psychisch zwischen Kleinkind und Superheld

Anders könne er den Alltag nicht ertragen, erklärt Halvor Angvik sein riskantes Hobby.

(Foto: SWR/AdriAlpeMedia/Michael Krisch)

Die Doku "Leben am Limit" versucht zu ergründen, warum sich Extremsportler immer wieder in Lebensgefahr begeben.

TV-Kritik von Carolin Gasteiger

Man muss diese Menschen nicht verstehen. Menschen wie Halvor Angvik, Gerhard Gulewicz oder Guillaume Néry, die ihr Leben einem kaum kalkulierbaren Risiko aussetzen, um ihrer Leidenschaft nachzugehen. Die drei sind Extremsportler. Was hinter ihrem Mut zum Risiko steckt, versucht die Doku Leben am Limit - Extremsportler zu beleuchten, die am Mittwochabend im Ersten läuft.

Im Film stürzt sich Wingsuit-Flieger Angvik in einem fledermausartigen Anzug von Felsklippen, sogenannten Exit Points, erreicht im freien Fall bis zu 200 km/h - und fühlt sich blendend. "Aus der Realität treten" nennt er das. Ohne sein riskantes Hobby könne er die alltägliche Routine nicht ertragen, sagt er im Film. Ähnlich geht es dem Extrem-Radfahrer Gulewicz, der knapp 5000 Kilometer vom Pazifik an die Ostküste der USA strampelt, ein Rennen, das die Besten in weniger als acht Tagen bewältigen. Manche Szenen zeigen ihn im Zustand völliger Erschöpfung; er kann sich kaum auf den Beinen halten, wankt, stammelt vor sich hin. Néry ist Apnoe-Taucher, er taucht ohne Pressluft in Tiefen von mehr als 100 Metern hinuntertaucht, um sich frei zu fühlen. "Ich möchte zu einer Legende werden", sagt der Franzose.

Durch den hohen Druck in der Tiefe wird der eigene Körper komprimiert - das muss Guilaume Néry aushalten.

(Foto: SWR/Julie Gautier)

Moderne Heroen? Iwo!

In spektakulären Bildern fängt Regisseur Sascha Köllnreiter die Extremsportler in Aktion ein - etwa Angvik, wie er nah an der Felskante entlang durch einen Wasserfall fliegt, Gulewicz, wie er durch eine scheinbar endlose Wüste radelt oder Néry, wie er sich elegant am Seil in die Meerestiefe hinunterschlängelt. Zweifelsohne, die Aufnahmen sind beeindruckend. Hätte Köllnreiter es dabei belassen, wäre ein immer noch sehr schöner Film herausgekommen. Aber, und das muss man ihm hoch anrechnen, er gibt sich nicht damit zufrieden, die Protagonisten zu modernen Heroen zu stilisieren. Er versucht, ihre Leidenschaft einzuordnen - durch die Aussagen von Philosophen, Soziologen und Psychologen.

Tatsächlich ist man beim Zusehen hin- und hergerissen. Denn hinter den schönen Bildern lauert sich immer wieder die Frage: Warum? Warum setzen sich diese Männer einem scheinbar unkalkulierbaren Risiko aus, riskieren ihr Leben?

"Was im Bild festgehalten ist, ist das, was uns überdauern wird." Es gehe den Extremsportlern darum, "die Flüchtlichkeit des Augenblicks zu bannen und am besten für alle Ewigkeit", sagt der Philosoph Konrad Paul Liessmann an einer Stelle. Auf der anderen Seite räumt Luc Levaillant ein, Feuilletonchef von Le Monde: "Wenn es keine Gefahr gibt, interessiert es das Publikum nicht."

Auf der Suche nach dem Kick

Marathon laufen war gestern. Freizeitsportler stürzen sich Steilhänge hinunter und unternehmen waghalsige Bergexpeditionen. Aber was steckt dahinter? Ist das Extreme mittlerweile zum Mainstream geworden? Ein Erklärungsversuch. Von Carolin Gasteiger mehr ...

Die Einordnungen der Experten lassen den Zuschauer nicht allein mit der Wucht der beeindruckenden Bilder, die einen leicht überwältigen können. Und sie weisen auf die negativen Auswirkungen der Extreme hin. Wenn etwa Gerhard Gulewicz nach Tausenden Kilometern kurzzeitig aufgibt - obwohl sein Team ihm rät, weiterzufahren - nur noch "Game Over" seufzen kann und sich an den Straßenrand legt. Vorher erklärte er noch, er bewege sich psychisch zwischen Kleinkind und Superheld. Mal wolle er von der Mama umarmt werden, mal fühle er sich als der Größte.

Im Grunde treibt alle drei Protagonisten der Wunsch an, den Kick zu spüren, wenn der Körper in Extremsituationen Endorphine ausschüttet. Und im Grunde geht es ihnen allen um Anerkennung.

Diese Gratwanderung beleuchtet der Film, nicht ohne auch das Scheitern adäquat einzufangen. Angvik etwa stürzt sich im schweizerischen Lauterbrunnen in die Tiefe, einem beliebten Treffpunkt für Basejumper. Jüngsten Erhebungen zufolge sind noch nie so viele von ihnen tödlich verunglückt wie in diesem Jahr, unter anderem in Lauterbrunnen. Und Gulewicz muss sein Rennen schlussendlich abbrechen, mit Tränen in den Augen dankt er seinen Freunden, die ihn begleiten.

Wie gesagt, verstehen muss man diese Menschen nicht. Und umgekehrt. Auf die Frage, was extrem für ihn bedeute, antwortet Wingsuit-Flieger Angvik: "Was für mich extrem ist? Drei Kinder und ein Hund."

Leben am Limit - Extremsportler, ARD, 22.45 Uhr