"Amerikas legendäre Straßen" auf Arte Schutt statt Träume

Amerikas legendäre Route 66.

(Foto: AFP)

Eine Fahrt über die berühmtesten Straßen der USA zeigt: Der so legendäre amerikanische Way of Life zerbröselt, verdämmert und entschwindet. Katja Essons Doku-Reihe auf Arte beleuchtet die brüchige Verfassung einer Nation, der ihre Selbstsicherheit abhandenkommt.

Von Rainer Stephan

"Get your kicks on Route 66" - oder so ähnlich: Es gibt Dutzende Dokus, die mit mehr oder weniger Pathos versucht haben, den Mythos Amerika anhand seiner legendären Straßen sichtbar zu machen. Doch Katja Esson interessiert sich weniger für den Mythos als für seinen Zerfall: fürs allmähliche Zerbröseln, Verdämmern, Entschwinden dessen, was einmal den Glanz und die Größe des amerikanischen Way of Life ausgemacht hat. Oder haben soll - ob's wirklich wahr war, darauf kommt es bei Mythen ja zuallerletzt an. Eher umgekehrt: Wenn Mythen wahr wären, bräuchte es keine Mythen. Heißt, auf Traumstraßen übersetzt: Es gibt keine Traumstraßen, nicht einmal mehr in Amerika; es gibt allenfalls (noch) Träume von Traumstraßen.

Was aber, wenn selbst die Träume bröckeln? Just so ließe sich Katja Essons leitende Frage formulieren. Im Auftrag von RBB und Arte ist die in New York lebende und vor einigen Jahren für den Oscar nominierte deutsche Filmemacherin fünf der berühmten Straßen der USA abgefahren. Doch die dabei entstandenen Filme dokumentieren nicht Legenden, sondern Legendenschutt. Und dokumentieren die brüchige Binnenverfassung einer Nation, der ihre Selbstsicherheit abhandenkommt.

"Typisch amerikanische" Mittelstands-Geschichten von Viehzüchter- oder Obstbauerfamilien erzählt lediglich der Film über den Oregon-Trail; selbst da bleiben sie die Ausnahme. Die meisten derer, die an den großen alten Straßen leben, zeigt Esson bei ihren rührenden, absurd-heroischen oder einfach nur auf komische Weise weltfremden Versuchen, sich im Schutt der Erinnerung einzurichten.

Man mag diese Dokumentation auch deshalb, weil sie ihre Professionalität nicht in den Vordergrund stellt. Nur sollte man sich nicht täuschen lassen: So unbefangen (schon wegen ihres Super-8-Looks) und spielerisch (dank einer retro-ironischen grafischen Aufbereitung) sich die Filme geben, so sorgfältig sind sie kalkuliert. Und beim exzellenten Ton kommen - nicht nur im Blues-Highway-Film - sogar Nostalgie-Fans auf ihre Kosten.

Amerikas legendäre Straßen, Arte, Montag bis Freitag, 18.25 Uhr