Amazon im Fernsehgeschäft Immer weiter fressen

John Goodman schlägt neue Wege ein. In der Amazon-Serie Alpha House spielt er einen US-Senator und WG-Bewohner mit Hund.

Internethändler Amazon macht keine Gewinne, zum Ausgleich generiert er auf immer neuen Feldern Umsatz. Jetzt ist der Konzern ins Fernsehgeschäft eingestiegen, produziert eigene Serien und will den Pay-TV-Sendern Konkurrenz machen.

Von Markus Mähler

Amazon-Gründer Jeff Bezos liebt das Lesen, ebenso das Schreiben. In einer seiner Mitteilungen an seine Führungskräfte mit dem Titel "amazon.love" erläutert der Milliardär, warum Menschen Firmen lieben: Sie fühlten, dass von dort immer eine neue Erfindung komme. Eine neue Erfindung bei Amazon ist seit Freitag die erste eigene Fernsehserie: die Polit-Comedy Alpha House mit John Goodman als einem von vier US-Senatoren, die in einer Wohngemeinschaft in Washington, D.C., leben.

Amazon.com-Kunden mit einer "Premium"-Mitgliedschaft, die eine entsprechende Gebühr zahlen, haben Zugriff auf die Serie. Auch von Deutschland aus kann man diese Mitgliedschaft erwerben.

In den Augen von Buchverleger Dennis Johnson treibt Bezos, der unlängst die Tageszeitung Washington Post gekauft hat, allerdings etwas anderes an als der Hang, sich ständig neu zu erfinden: "Amazon ist wie ein Hai, der immer weiter fressen muss", sagte Johnson vergangene Woche in einem Interview auf der Website buchreport.de. Johnson gilt als Wortführer der amerikanischen Buchhändler, er sieht Bezos in einem Dilemma: "Sobald Amazons Umsatzwachstum gestoppt wird, werden die Aktionäre aufbegehren."

Der Konzern macht keine Gewinne, zum Ausgleich generiert er auf immer weiteren Feldern Umsatz. Schon lange ist er nicht bloß Buchhändler, sondern bietet als Web-Warenhaus so ziemlich jedes Produkt an, sogar Lebensmittel. Jetzt also auch Filme, das heißt: nicht nur eine Ware, sondern eigene Inhalte. Bezos würde das "neu erfinden" nennen, Johnson "weiter fressen".

Konkurrenz für Pay-TV-Sender

Amazon kopiert damit Netflix. Der Video-Streaming-Dienst im Internet bietet Filme und Fernsehserien auf Abruf, man kann sie sehen, wann man will. Etwa House of Cards, das 14 Emmy-Nominierungen erhielt. Bereits 40 Millionen Abonnenten schauen Netflix, was die Fernsehbranche mit ihren festen Programmschemata nicht erfreut und die klassischen Pay-TV-Sender HBO und AMC unter Druck setzt.

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Gleichzeitig verfilmt Amazon seine eigenen Bestseller aus der Buchabteilung. "Sie müssen sich genau überlegen, mit was sie am Anfang rausgehen. Damit wird die Messlatte gelegt", sagt Jens Richter von der Red Arrow Entertainment Group, der internationalen Holding und Produktionsgesellschaft von Pro Sieben Sat 1. Seit Anfang November dreht Red Arrow in Los Angeles die einstündige Pilotfolge zu Harry Bosch - nicht für den deutschen Privatsender, sondern, zunächst exklusiv, für Amazon.

Autor Michael Connelly, der Buchautor von Harry Bosch, verkaufte 55 Millionen Bücher über den LA-Cop mit Hierarchieproblem. Von den letzten zehn Millionen Exemplaren gingen 80 Prozent als E-Book über die virtuelle Ladentheke - davon drei Viertel bei Amazon. Richter spricht von einer "extrem interessanten Marke für Amazon" mit "Synergieeffekt". Wer die Serie auf Amazon sieht, wird an selber Stelle verlockt, Bosch-Bücher zu kaufen, falls er wissen will, wie es weitergeht. Davon schrieb Connelly bereits 18 Stück, und jedes Jahr kommt ein neues hinzu. Und wenn der Zuschauer eh schon auf Amazon nach Büchern stöbert, findet er vielleicht noch andere Produkte, die ihn zum Kauf reizen - so die Konzernphilosophie.